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Museum Giersch in Frankfurt Revolte vor der Linse

Die Fotografien von Inge Werth im Museum Giersch in Frankfurt entfalten ein Panorama der Zeitgeschichte der 60er und 70er Jahre.

Inge Werth
Inge Werthbei der Ausstellung ihrer Bilder. Foto: Christoph Boeckheler

Sie geht durch die Räume, und ein großes Lächeln breitet sich auf ihrem Gesicht aus. Inge Werth begegnet ihren Fotografien wieder, Bildern, die in den 60er und 70er Jahren entstanden sind. Ihre Heimatstadt Frankfurt ehrt die große Fotografin mit einer Ausstellung – 50 Jahre nach der Revolte des Jahres 1968. Es war diese Zeit, die wie eine Initialzündung wirkte in der Arbeit der Künstlerin – nach ihren Aufnahmen aus den Brennpunkten Paris und Frankfurt war sie bekannt.

Unten, im Parterre des Museums Giersch in Frankfurt, drängen sich die Menschen, kurz vor der Eröffnung der Ausstellung ist alles überfüllt. Im Stockwerk darüber ist die 87-Jährige noch alleine mit ihrem Werk. Sie geht von Bild zu Bild, nickt, schüttelt den Kopf. „Das ist zu hell abgezogen“. Aber insgesamt bleibt das Gefühl der Überwältigung: „Es ist fantastisch“, geflüsterte Worte.

Spätes Comeback

Für die Frau, die heute zurückgezogen in einem Dorf bei Hünfeld lebt, ist es ein spätes Comeback. Gerade hat sie Hunderte von Arbeiten ausgesucht, die jetzt in den Besitz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz in Berlin übergehen. Die wichtigen Fotos über das Zeitgeschehen in Frankfurt übernimmt das Institut für Stadtgeschichte, und das Historische Museum erhält die etwa 50 Bilder des berühmten, im Jahre 2000 veröffentlichten Zyklus „Im Bett“ – der die Liegestatt als Lebensraum zeigt, mit berühmten und weniger berühmten Nutzern.

Hier und heute aber, im Museum Giersch, geht es um „Paris, Frankfurt am Main und die 1968er Generation“. Eine Zeitreise in schwarz-weißen Fotografien. Mit der Kleinbildkamera entstanden. Werth kümmerte sich nicht um stürzende Linien und kippende Perspektiven, sie wollte nah dran sein. Aufbruch in der Gesellschaft, in der Kunst, in der Literatur. Und die junge Fotografin mittendrin.

Der Betrachter kann sich aus verschiedenen Themengruppen sein eigenes Puzzle der Zeit zusammensetzen. Im Kapitel Theater und zeitgenössische Kunst gibt es eine Wiederbegegnung mit dem leider schon lange untergegangenen Theater am Turm (TAT). Hier wurde Theatergeschichte geschrieben: Der junge Regisseur Claus Peymann inszenierte die ersten Premieren des jungen Dramatikers Peter Handke: „Publikumsbeschimpfung“ (1966) oder „Kaspar“ (1968). Werth fotografiert den jungen Handke mit dem Kult-Getränk dieser Tage in der Hand: einer Afri-Cola.

In der Frankfurter Privatwohnung des Schriftstellers Adam Seide dokumentiert sie eine Performance des umstrittenen Wiener Aktionskünstlers Otto Muehl – für dessen Provokation bürgerlicher Sexualmoral fand sich damals kein öffentlicher Raum.

Ein junger Mann mit lockigem Haar steht im Oktober 1969 am Mikrofon auf einem Podium der Frankfurter Buchmesse – kaum zu erkennen ist Matthias Beltz, der später zu einem der Stars des deutschen Kabaretts aufsteigen sollte.

Immer wieder hält sie verstörende Zeichen des Widerstands gegen die verkrustete bürgerliche Gesellschaft fest. In einer Lehrlings-Kommune wirkt die Schrift an der Wand als Drohung und Versprechen zugleich: „Wir werden Menschen sein, wir werden sein, denn die Welt wird dem Erdboden gleichgemacht.“

1968: Das ist nur ein Wimpernschlag in der Geschichte und doch einer mit großer Wirkung. Die aufbegehrenden Studenten besuchen die Jugendlichen im berüchtigten Erziehungsheim Staffelberg in Biedenkopf. Am 28. Juni 1969 hocken sie gemeinsam auf einer Wiese vor dem Haus – und Inge Werth ist dabei. Die Studenten nehmen einige der proletarischen Heimkinder mit in ihre WGs nach Frankfurt – doch dieser Versuch der Integration scheitert bald.

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