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Munch in der Schirn Der Blick der Frauen

Ingrid Pfeiffer konzipiert große Ausstellungen in der Kunsthalle Schirn - aktuell die Edvard Munch Retrospektive. Und dabei schmuggelt sie so viele Künstlerinnen ein, wie sie nur kann

Die Kunsthistorikerin überwacht den Aufbau der Munch-Ausstellung in der Kunsthalle Schirn. Foto: Alex Kraus

Ingrid Pfeiffer konzipiert große Ausstellungen in der Kunsthalle Schirn - aktuell die Edvard Munch Retrospektive. Und dabei schmuggelt sie so viele Künstlerinnen ein, wie sie nur kann

Die hohe Leiter mit den schmalen Trittleisten schwankt bedenklich. Wer große Gemälde hängen will, muss schwindelfrei sein und ohne Angst. Von hier oben unter der Decke, mit einer schweren Maschine in der Hand, die Heftklammern verschießt, lässt sich der schwierige Innenraum der Kunsthalle Schirn mit wenigen Blicken durchmessen. Schon 1986, bei der Eröffnung, unkten die Kritiker, das langgestreckte, schmale Haus sei doch für Kunst kaum sinnvoll zu nutzen, ein Architekten-Traum, aber praktisch schwer bespielbar. Ingrid Pfeiffer lächelt nachsichtig. Unkenrufe. Seit elf Jahren tritt die international renommierte Kuratorin nun den Gegenbeweis an, hat etliche wichtige Ausstellungen konzipiert. „Die Schirn ist ein Chamäleon – sie wandelt sich immer wieder von Neuem.“

Völlig neue Räume schaffen von Mal zu Mal, eine Atmosphäre zu kreieren, „das macht großen Spaß“. Pfeiffer balanciert zwischen Holzböcken, Leitern, Farbtöpfen:

Gerade bereitet das Team die große Schau „Der andere Blick“ vor, mit den Werken des norwegischen Malers Edvard Munch, Wegbereiter des Expressionismus, die am 9. Februar ihre Tore öffnet. Zwischen strahlendem Weiß und zwei Grautöne changiert die Farbe der Wände, die auch gebogen und geschwungen sind und nicht nur im 90-Grad-Winkel daherkommen. Wie stets haben sie im „klassischen Papp-Modell“ im Maßstab von 1:25 die Ausstellung erprobt, Wände hin- und hergeschoben. Mehr will sie nicht sagen, denn diesmal ist sie nicht die Kuratorin. „Der andere Blick“ entstand in Paris, im Centre Pompidou. Es hämmert und hallt, Bohrmaschinen jammern in hohem Ton, Staub rieselt. Pfeiffer, geboren in Weilburg an der Lahn, ist „mit Kunst aufgewachsen“. Die Mutter führte eine kleine Galerie. Doch sie starb, als ihre Tochter gerade mal 20 Jahre alt war, acht Jahre vorher hatte sie schon den Tod des Vaters erlebt. „Ich war ganz allein.“ Pause.

Die Kunsthistorikerin lässt diesen Satz einfach so stehen, ohne weitere Erläuterungen. Sie ist kein Mensch, der sich so leicht öffnet, sein Herz auf der Zunge trägt. Sie zögert, denkt über Formulierungen nach, legt Pausen ein. Sie überlegte als junge Frau, Journalistin zu werden, schrieb fürs „Weilburger Tagblatt“, doch der Drang zur Kunst war stärker: „Die geistige Dimension, die Verbindung mit Philosophie und Ästhetik.“ Schließlich Studium: Kunstgeschichte, Neue Deutsche Literatur, Medienwissenschaften. Ausbruch aus dem Brotberuf bei einer PR-Agentur, erstes Engagement im Museum Wiesbaden.

Treppauf, treppab geht es durch die Schirn, „über Schleichwege“, wie Pfeiffer das nennt. Mit den Jahren ist das Gebäude, das sie so gut kennt, tatsächlich ihr Lieblingsort in Frankfurt geworden, ihr immer näher gekommen. Hier schuf die Kuratorin 2008 die dunklen Salons, in deren Lichttupfer die kleinen Gemälde der „Impressionistinnen“ hingen, hier zeigte sie 2011 „surreale Dinge“ ganz nah, fast zum Anfassen.

„Jedes Kunstwerk besitzt eine Aura“. Durch ein gutes Gemälde könne ein Raum tatsächlich „atemberaubend“ werden, beides sei möglich: „Sie können durch Präsentation gute Kunst kaputt machen und schlechte Kunst anheben.“ Und was geschieht tatsächlich? Pfeiffer muss lachen. „Es wird landauf, landab aufgewertet“. Ein fataler Wettlauf der Museen und Ausstellungshäuser um ausgefallene Inszenierungen sei da im Gang: „Es muss immer spektakulärer werden!“

Unten im Restaurant kommt ein einfaches Gemüsecurry auf den Tisch, das schon durch seinen Duft verführt. Die Kunsthistorikerin ist nicht überrascht worden durch den spektakulären Prozess um den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi und seine Bande, es wundert sie nicht, dass immer mehr teure Werke in Deutschland, in den USA, in Frankreich als Fälschungen enttarnt werden. „Es gibt eine Fehlentwicklung im Kunstmarkt – es hätte viel früher krachen müssen.“

Das Curry hält, was es verspricht. Pfeiffer wehrt sich wütend dagegen, in den Strudel aus bestechlichen Gutachtern, Fälschern, ehrgeizigen Galeristen und fahrlässigen Auktionatoren hineingezogen zu werden. Ein Schnauben: „Mich hat noch nie jemand bestechen wollen.“ Obwohl sie doch in der Kunsthalle Schirn „ständig mit Spitzenwerken umgeht“, mit den „größten Häusern und Spitzensammlungen der Welt kooperiert“.

Beim heißen Espresso spricht die 45-Jährige über die „richtige Gier“. Die sich am Fall des Bundespräsidenten zeige („und dann noch so ein hässliches Haus!“). Gelächter. Aber natürlich auch im Kunstbetrieb: „Die Preise auf dem Markt sind völlig absurd!“ Die neuen Käufer heizen diese Spirale an, vor allem Männer mit viel Geld aus Osteuropa, aber auch aus Fernost, aus China: „Seriös sind die nicht alle.“ Nein, für sich und die Schirn lässt die Kuratorin da nur gelten: „Nichts ist wichtiger als der gute Ruf – gar nichts!“

So langsam kommt unter der Schale der distinguierten Kunsthistorikerin die kämpferische Frau zum Vorschein. Als sie vor vier Jahren zum ersten Mal die Malerinnen des Impressionismus in einer großen Retrospektive in Frankfurt zur Geltung brachte, provozierte sie „richtig aggressive Reaktionen“. Ältere Männer gingen damals kopfschüttelnd durch die Ausstellung, schimpften: „Das ist doch keine Kunst!“ Pfeiffer legte sich mit einem arroganten Juristen an, der urteilte: „Nicht so gut wie Monet!“

Den deckte sie mit einem Worthagel ein, über Maltechnik und Pinselstrich und den Alltag der Frauen im 19. Jahrhundert: „Die durften noch nicht mal alleine vor die Tür.“ Ein Zögern. Ein prüfender Blick auf das Gegenüber. Dann doch das Bekenntnis. „Ich fühle mich schon als Feministin.“

Einen langen, schmalen Gang hinunter, eine Tür öffnet sich in das winzige, mit Büchern vollgestopfte Büro, dessen Wände unzählige Zettel zieren. Einen befreit Pfeiffer stolz von der Stecknadel. Der französische Gesellschaftstheoretiker Charles Fourier (1772-1837), der heute als „Frühsozialist“ gilt, schrieb:

„Der gesellschaftliche Fortschritt fällt immer zusammen mit der zunehmenden Emanzipation der Frau,und der Rückschritt der Völker hat seine Ursache in der Schmälerungder weiblichen Freiheiten....Die Erweiterung der Vorrechte der Frauenist die Grundvoraussetzung für jeden gesellschaftlichen Fortschritt.“

Die Notiz drückt sie dem Besucher in die Hand. Lächelt. Aber was hilft das, wenn Künstlerinnen „noch immer weltweit unterbewertet“ sind, wenn der Marktwert ihrer Werke weit unter dem männlicher Künstler liegt, wenn „der Kunsthandel von Männern dominiert“ wird?

Pfeiffer guckt fröhlich. Trotz alledem. Erzählt von ihrer Partisanen-Taktik. „Ich versuche, in jede Ausstellung so viele Künstlerinnen einzufügen wie ich kann.“ Zur Zeit bereitet sie intensiv ihr nächstes großes Projekt vor, das so recht nach ihrem Herzen ist. 2013 wird sie in der Kunsthalle Schirn eine große Retrospektive der Werke von Yoko Ono zeigen – zum 80. Geburtstag der Künstlerin, Filmemacherin, Komponistin. Die immer noch viel zu sehr nur als Lebensgefährtin von John Lennon wahrgenommen werde.

Pfeiffer liest viel über und von Yoko Ono, voller Vorfreude. „Es zählt das, was man tut.“ In Frankfurt, in der Schirn, könne sie das tun, was sie wolle. Direktor Max Hollein mische sich nicht ein. Vor einem Dutzend Jahren erfuhr sie, dass er von New York nach Frankfurt kommen würde. Bat ohne Zögern um einen Termin in seinem Büro im Guggenheim Museum: „Es könnte passen“. dachte sie. Es passte.

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