Lade Inhalte...

Mousonturm Seifenrebellion stürmt Frankfurt

Eine künstlerische Darstellung von der politischen Revolution zur Seifenherstellung bis zum Wrestling. Das Künstlerkollektiv „Red Park“ zeigt im Mousonturm eine "Politik der Anstiftung".

11.04.2016 14:48
Karina Wilczok
„Frei ist, wer sich frei verschenkt.“ Tim Schuster, Performancekünstler. Foto: Rolf Oeser

Erst Stürmen, dann Gammeln und später Kämpfen – angetrieben von der revolutionären Vergangenheit der Familiendynastie Mouson, steigt das Künstlerkollektiv „Red Park“ mit seinem neuesten Projekt „Saponifikation – Einige Übungen in Aufruhr und Ökonomie“ in die Seifenproduktion ein. Ab sofort ist die Frankfurter Bürgerschaft aufgerufen, die Herstellung der neuen Mouson-Hausmarke „Foam“ aktiv voranzutreiben. Durch die Straßenprozession am Samstag lassen sich so die geheimen Zusammenhänge zwischen Kapitalismus und Revolution ergründen.

Samstag, 15 Uhr, Stürmen: Elektronische Beats von Turntables und Mini-Keyboards des Künstlerduos „Les Trucs“ dröhnen aus Boxen eines Holzböllerwagens in der historischen Krawallschachtel. Hier, wo sich bereits 1834 die kreativen Köpfe der Familie Mouson trafen, um bei den „Frankfurter Wachenstürmen“ für Freiheit zu kämpfen, ist die Kneipe bis zum letzten Platz gefüllt. In lila-gelb getupften Anzügen, überdimensional großen Hüten aus bunten Küchenschwämmen und Lavendelsträußchen treten die zwei Initiatoren und Performancekünstler, Jörg Thums und Tim Schuster, ans Mikrofon. Es wird gejohlt, gepfiffen und geklatscht. Das Künstlerkollektiv „Red Park“ eröffnet sein neuestes Projekt mit süßem Lavendelwodka. „Wir halten nichts davon, unnötig Kapital anzuhäufen. Unser Unternehmensziel erschöpft sich nicht aus der möglichst maximierten Gewinnerzielung, sondern stellt die Ökonomie von den Füßen auf den Kopf“, so Thums. Gegen die gängige Rechnerei von Vermögen und Schuld fügt „Red Park“-Partner Schuster hinzu: „Frei ist, wer sich frei verschenkt.“ Parolen, die Frankfurts Straßen lange nicht gehört haben.

Die kunterbunte Prozession beginnt ihren Weg von der Krawallschachtel Richtung Mousonturm. In fünf Stationen wird von Thums und Schuster der revolutionären Mouson-Brüder gedacht. Eine über 80-köpfige Gruppe von Interessenten und sechs „SektionsgenossInnen“ folgen ihnen von der Hammelsgasse zum Gerichtsaltbau, dann zum Unternehmenssitz Mouson und zur Friedberger Anlage. Die letzte Station vor dem Ziel ist der Sandweg. Über Lautsprecher finden an den geschichtsträchtigen Orten Inszenierungen statt. Songs des elektronischen Musikerduos unterstützen die schauspielerischen Darbietungen. Dazwischen werden Lavendelwodkas verteilt, Lavendelwasser gespritzt, Lavendeltöpfe gepflanzt, Demonstrationsplakate aufgehängt und es wird an mehrere Restauranttüren geklopft, um altes Fett für die künftige Seifenherstellung abzuzapfen. Die Künstlerin Eleonora Herder unterstützt die Prozession: „Dieses Wirtschaftsdenken ist interessant. Wer weiß, womöglich schafft es Kunst, dass Menschen anders denken.“ Mit ihr schließen sich mehr und mehr Neugierige der bunten Gruppe an.

Zwischen Toasts, wie „Ein Hoch auf die revolutionäre Wirtschaft im Allgemeinen und den Hammelsgässer Hof im Besonderen“ und dem gemeinsamen Singen des Firmenchors „Seife im Überfluss, Schaum ist was gedeiht, Seife unser Luxus, der Schaum ist das, was uns bleibt“ zieht die Parade durch die Gassen. „Betrachtet man die Geschichte der Stadt Frankfurt, erkennt man in ihr eine durchgehende Zwiegespaltenheit“, sagt Thums. Darunter versteht er auf der einen Seite die Kaiserkrönung, Deutsche Börse, Deutsche Bank und EZB als Zeichen der Repräsentation. Auf der anderen Seite inhärente Traditionen des Aufständischen, Rebellischen und progressiv Widerständigen. Mit „Saponifikation“ möchte „Red Park“ eben diese Ambivalenz Frankfurts in seiner Widersprüchlichkeit aufgreifen.

Den direkten Zusammenhang zwischen der Produktion von Seife und Aufruhr sehen die Performancekünstler auch in dem Film „Fight Club“ von 1999. Hier treffen zwei schräge Typen aufeinander, die Gefallen daran finden, sich regelmäßig zu prügeln, um ihrem Leben einen neuen Sinn zu geben. Damit sie sich ein Leben außerhalb der gewohnten Ökonomie leisten können, beginnen sie mit der Produktion von Seife. Sie scharen eine Gruppe von Leuten um sich und beginnen den großen Aufruhr.

Eben diese Kopplung zwischen Seife und Aufruhr existiert für die Künstler nicht nur im Film, sondern auch in der Realität: Das demonstriert das ihnen nur zufällig in die Hände gefallene Beispiel des Künstlerhauses Mousonturm, welches damals noch eine Seifenfabrik war. Die Gründungsväter dieses Unternehmens waren nämlich an zwei wichtigen Aufständen beteiligt. Im 19. Jahrhundert wollten sie in Frankfurt die Revolution starten. Dafür versuchten sie gemeinsam mit anderen, zuerst das Allerheiligentor und einige Jahre später die Hauptwache zu stürmen, wo damals ein Gefängnis untergebracht war. Das Scheitern resultierte darin, dass einer der beiden Brüder Mouson sogar für mehrere Jahre wegen Hochverrats ins Gefängnis kam. Als er wieder frei war, stieg er in die Seifenproduktion ein. Bis zu seinem Lebensende baute er eine große Fabrik auf und die Seife „Mouson Lavendel mit der Postkutsche“ wurde weltweit berühmt.

Um dieser Gedankenkette näher auf die Spur zu kommen, steigen Thums und Schuster seit Samstag auch in die Seifenproduktion ein. Gemeinsam mit Frankfurter Bürgern gründen sie ein Unternehmen, um im nächsten Schritt in der gesamten Stadt Lavendel anzubauen. Der im Juli gepflückte Lavendel wird dann der Duftstoff für die Seife sein. Da man zur Seifenherstellung Fett benötigt, sammeln „Red Park“ während der gesamten Prozession die Fettressourcen der Stadt ein. „Am Ende werden alle Rohstoffe zusammengetragen, um schließlich die Seife zu produzieren“, sagt Schuster. Gegen Schluss der Eröffnungsfeier können Interessenten Koproduktionsverträge abschließen, und sich dadurch zu Eigentümern und somit Subunternehmern machen. Im Gegenzug erhalten sie Anteilsscheine am Unternehmensoutput. „Am 2. Oktober wird es dann eine Seifenoper oder eine Schaumparty geben“, verrät Thums.

17 Uhr, Gammeln: Am Mousonturm angekommen, gibt es wegen der feierlichen Vermehrung der Produktionsmittel im „Fried Club“ Pommes für alle. Auf Bierbänken trifft sich die Versammlung zum „Public Frying“. So kommen am Samstagabend mit dem Frittieren insgesamt 30 Liter altes Fett zusammen.

19 Uhr, Kämpfen: Im Saal des Mousonturms treten zur Unternehmensgründung, getreu dem „Fight Club“-Vorbild, kostümierte Star-Wrestler von New Generation Wrestling gegen Classic Wrestling Entertainment an. Laute Rockmusik, rote Scheinwerfer und inszenierte Jump Kicks werden in dem ausgebuchten Saal dargestellt. Gemäß dem Motto „In defense of common sense“ zerlegen die Wrestler sich und das Establishment in ihre bzw. seine Bestandteile.

Am Ende des Tages ist das „Red Park“-Team zufrieden und Thums schlussfolgert: „Bei unseren Projekten geht es ja darum Situationen zu erzeugen, die alle Beteiligten etwas angehen, um hier eine Politik der Anstiftung zu verfolgen. Ich hoffe, das ist angekommen.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen