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Mord an Georg Puchert Ein Tod als Politikum

Frankfurter Kriminalgeschichte: Der Mord am Waffenhändler Georg Puchert im Westend drohte die deutsch-französischen Beziehungen schwer zu belasten. Die „Rote Hand“ mordete – auch in Deutschland.

17.02.2014 12:56
Christoph Albrecht-Heider
Tatort Guiollettstraße: Georg Puchert starb in seinem beigen Mercedes. Foto: Kurt Weiner /IfS

Oberstaatsanwalt Heinz Wolf ist die Geheimniskrämerei leid. Jeder soll hören, welchen Verdacht er im Fall des in Frankfurt ermordeten Georg Puchert hegt. Unter der Überschrift „Puchert starb durch die ‚Rote Hand‘“ berichtet die „Frankfurter Rundschau“ über Wolfs Pressekonferenz vom 16. April 1959. Was der „Spiegel“ schon angedeutet hat, ist jetzt offiziell in der Welt, hineingetragen durch einen Vertreter der herrschenden Ordnung: Die „Rote Hand“ mordet – auch in Deutschland.

Die „Rote Hand“

„La main rouge“ ist eine Terror-Organisation, gedeckt durch staatliche Stellen in Paris. Der französische Geheimdienst hält sich gewissermaßen eine Bande von Attentätern, die, nicht nur aber auch in der Bundesrepublik, Menschen liquidiert, Menschen, die Aufständische in der französischen Kolonie Algerien unterstützen, zum Beispiel durch Waffenverkäufe. „La main rouge“ genießt die Unterstützung oberster rechter politischer Kreise in Frankreich.

Bundeskanzler Konrad Adenauer ist ein gutes Verhältnis zu Frankreich heilig. Seine Außenpolitik ist dem Ziel unterordnet, die Bundesrepublik in den Westen zu integrieren; als wichtigster Schritt auf diesem Weg gilt ihm die Aussöhnung mit Frankreich, dem „Erbfeind“. Weil dieser Prozess aus Sicht der Bundesregierung nicht gestört werden darf, ist unerhört, was Wolf tut, und so fasst die FR die Reaktion der Regierung auf die Vorwürfe des Frankfurter Oberstaatsanwalts so zusammen: „Bonn schweigt“.

Am Morgen des 3. März 1959 hat sich Georg Puchert an das Steuer seines beigen Mercedes 190 gesetzt. Der Wagen steht vor der Guiollettstraße 17 im Frankfurter Westend. Puchert wusste, dass er in Gefahr ist. So hatte er sein Auto ein paar Häuser von seiner Wohnung entfernt geparkt. Unter dem Wagen, das werden die Ermittlungen ergeben, hängt eine Haftladung. Als Puchert um 9.15 Uhr den Mercedes startet, löst die Vibration des Fahrzeugs die Explosion aus. Puchert ist auf der Stelle tot.

Das erste Attentat

Was die Polizei am 3. März der Presse über die Identität des Opfers mitteilt ist dieses: Georg Puchert, Sohn von Baltendeutschen, geboren in Leningrad, Speditionskaufmann, 43 Jahre alt, lebte seit Anfang der 50er Jahre in Tanger an der marokkanischen Mittelmeerküste. Seit 1954 besorgt er Waffen für die algerische Befreiungsarmee (FLN) und hält sich zu diesen Zwecken oft und lange in Westeuropa auf.
Georg Puchert, auch unter dem Namen Captain Morris bekannt, kauft nach den Erkenntnissen von Geheimdienstkreisen Pistolen, Sprengkapseln, Zündschnüre, Handgranaten und verdient angeblich Millionen mit diesen Geschäften. Er hält engen Kontakt zum Hamburger Waffenhändler Otto Schlüter. Ihm wird nachgesagt, ebenfalls Aufständische in der nordafrikanischen Kolonie Algerien mit Waffen zu versorgen.

Im September 1956 explodiert in der Hamburger Wohnung Schlüters eine Bombe, ein Geschäftsmann wird getötet, Schlüter selbst bleibt unverletzt. Es ist das erste Attentat der „Roten Hand“ in Deutschland. Im Juni 1957 versucht sie es wieder, wieder ist Schlüter das Ziel. Sein Mercedes explodiert vor seiner Wohnung im Hamburger Stadtteil Eppendorf, Schlüters Mutter, die in dem Wagen saß, ist tot, Schlüter kommt wieder davon. Als im November 1958 Froschmänner im Hamburger Hafen den mit Waffen für die FLN beladenen Frachter „Atlas“ versenken, ist die „Rote Hand“ am Ziel: Schlüter zieht sich zurück.

Der Mord an Puchert wird nicht das einzige Attentat der „Roten Hand“ in Frankfurt bleiben. Am Silvesterabend des Jahres 1959 händigt der Portier des Hotels „Palmenhof“ im Westend dem algerischen Kaufmann Abdel Kader Nouasri ein Päckchen aus, das ein Unbekannter abgeben hatte. Als Nouasri in seinem Zimmer das Päckchen öffnet, explodiert es. Nouasri werden beide Hände abgerissen.
Im Februar 1960 erklärt der Frankfurter Oberstaatsanwalt Wolf, die Fälle Puchert und Nouasri stünden wahrscheinlich in einem Zusammenhang. Im übrigen lägen die Akten nun beim Generalbundesanwalt in Karlsruhe.

Ohnmacht bei politischen Morden

Man hört nichts mehr von einer Suche nach den Mördern Pucherts, niemand wird von der Polizei festgenommen, wiewohl sogar die Namen der Hauptverdächtigen von Heinz Wolf genannt worden waren und wiederholt in den Zeitungen stehen. „Die Fälle Puchert und Nouasri offenbaren einen fatalen Zustand, denn sie zeigen die Ohnmacht der Justiz bei politischen Morden“, schreibt die „Frankfurter Rundschau“ im August 1961.

35 Jahre später beendet ein einstiger Vertrauter von Michel Debré, von 1959 bis 1962 französischer Premierminister, das skandalöse Beschweigen der Attentatsserie. Er bestätigt, dass „La main rouge“ in Deutschland gemordet hat und Puchert eines ihrer Opfer war.

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