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Monte Scherbelino in Frankfurt Wilde Zeiten am Monte Scherbelino

Die ehemalige Mülldeponie im Frankfurter Stadtwald ist kaum wiederzuerkennen. Wo sich einst Scherben und Abfall türmten, kehrt nun die Natur zurück. Der perfekte Ort für ein Modellprojekt.

Exkursion am Monte Scherbelino
Dank Sauerstoffzufuhr haben sich am Scherbelinoweiher wieder Enten und Fröschen angesiedelt. Foto: Michael Schick

Der Schotter knirscht unter den Schuhen der mehr als 50 Männer und Frauen, die sich den steilen Hang hinaufschleppen. Auf den Pflanzen links und rechts des Weges flattern ein paar Schmetterlinge von Blüte zu Blüte, am Himmel versuchen sich Schwalben in ihren Flugkünsten zu überbieten. Auf einer Anhöhe bleiben alle Besucher stehen und richten ihren Blick Richtung Norden, um die Frankfurter Skyline zu betrachten. Ein privilegierter Blick vom Monte Scherbelino, den die Anwesenden genießen.

Viele besondere Einblicke ermöglichte gestern eine Exkursion zum Monte Scherbelino im Frankfurter Stadtwald. Umweltdezernentin Rosemarie Heilig hatte interessierte Besucher eingeladen, sich hinter den sonst verschlossenen Zaun der ehemaligen Mülldeponie zu wagen. Seit 25 Jahren ist der kleine Berg für die Öffentlichkeit gesperrt. In dieser Zeit wurden viele Maßnahmen ergriffen, um die Altlasten der Vergangenheit einzudämmen.

Die Müllkippe im Frankfurter Süd-Osten entstand 1925. „40 Jahre lang wurde hier alles mögliche abgekippt“, sagte Andreas Müller, der beim Umweltamt für Deponie-Nachsorge zuständig ist. Ende der 60er kam es schließlich immer häufiger zu Schwelbränden und über dem Berg kreisten die Vögel. Der nahe Scherbelinoweiher trug den Namen Cola-See, weil sein Wasser schwarz war. „Der See war wegen der Schadstoffe biologisch tot“, so Müller. 1968 schließlich wurde der Müllberg mit Erde bedeckt und mit Bäumen bepflanzt. Außerdem entstand ein großer Spielplatz auf ihm – viele Frankfurter Kinder spielten hier, obwohl es im Berg brodelte und oftmals zu Gasentweichungen kam.

1992 zog die Stadt schließlich die Notbremse und sperrte den Berg für die Öffentlichkeit. Von da an begannen aufwendige Sanierungsarbeiten, die 120 Millionen Euro kosteten. Statt den Berg abzutragen, forcierte die Stadt eine Einkapselung der Altdeponie, um das Grundwasser zu sichern. Rund um den Hügel wurden Dichtwände in die Erde gebracht. Bis zu 40 Meter ragen sie an manchen Stellen ins Erdreich hinein. Von unten verhindert eine undurchlässige Tonschicht, dass Schadstoffe ins Grundwasser sickern.

Zum Abschluss wurde auch noch die Oberfläche abgedichtet. „Erst kommt eine 60 Zentimeter dicke Schutzschicht, dann Schotter und schließlich etwa 2,30 Meter Rekultivierungsboden“, erklärte Müller. Als die Arbeiten abgeschlossen waren, hofften die Frankfurter jahrelang, dass der Scherbelino wieder für alle geöffnet würde. Doch die Gasentwicklung am Berg sei immer noch nicht beendet. „Der Berg atmet“, sagt der Experte für Deponie-Nachsorge und erklärt, dass besonders bei einer Hochdruckwetterlage noch Gas entweiche. Im kommenden Monat wolle man einen Gasabsaugversuch durchführen, um die Bestandteile zu analysieren und die Gefährlichkeit einzuschätzen.

Während der Mensch noch draußen bleiben muss, hat sich die Natur bereits wieder angesiedelt. Der Stadtwald selbst hat sich bis an den Berg herangewagt. „Der Wald zieht ein Band um den Berg“, sagte Tina Baumann vom Stadtforst. Der Monte Scherbelino zähle zum Forstrevier Oberrad und sei auch in den 6000 Hektar des Stadtwalds eingerechnet. Auf den Hängen wurden Pappeln angepflanzt, die gut gedeihen und als Lichtbaumart den Weg beispielsweise für die Buche ebnen würden.

Und wo die Flora gedeiht, da ist auch die Fauna nicht weit. Die Schmetterlinge wurden eingangs erwähnt – dabei tut sich vor allem der Schwalbenschwanz in großer Zahl hervor. Auch Feldlerche und Neuntöter sind rund um den Berg heimisch. „Zudem ist das Gebiet ein beliebter Rastplatz für Zugvögel, wie die Ringdrossel“, berichtete Botanikerin Indra Starke-Ottich vom Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum. Nicht zuletzt ist der Monte Scherbelino nämlich seit einem Jahr auch ein Forschungsobjekt. Das Projekt „Städte wagen Wildnis“ untersucht dort, wie die Natur eine brachliegende Fläche Stück für Stück zurückerobert.

Auf etwa acht Hektar Fläche soll die Natur machen können was sie will. Der Mensch schaut nur zu und erforscht, wie und mit welcher Vegetation das Grün zurückkehrt. „Aber schon bevor das Projekt begann, mussten wir umplanen“, erinnert sich Projektkoordinator Thomas Hartmanshenn vom Umweltamt. Der Flussregenpfeifer hatte die freie Fläche nämlich schon für sich auserkoren. Deshalb hat der bedrohte Vogel nun seinen eigenen Abschnitt, der von den Mitarbeitern von Vegetation frei gehalten wird – so wie er es liebt.

Besucher Walter Heller zeigt sich nach der Tour bestätigt. „Mein ältester Sohn hat als Kind am Berg gespielt. Damals war ich skeptisch.“ Die Tour habe ihm gezeigt, dass das damals wirklich nicht ungefährlich war. „Es war interessant und meine offenen Fragen sind beantwortet.“

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