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Milchsackgelände Ein Biotop der Kultur

Seit 1999 hat sich das Milchsackgelände im Gutleutviertel zu einer Kulturfabrik gewandelt - und das ganz ohne städtische Fördermittel. Doch es wird immer schwieriger, die Bausubstanz zu erhalten.

Unscheinbar und verkehrsumtost liegt es da. Aber das Milchsackgelände an der Gutleutstraße 294 ist ein Biotop. Foto: Andreas Arnold

Wenn Peter Peters ein Gärtner wäre, dann wäre das Milchsackgelände ein Biotop. Ein Flecken, auf dem alles Leben einer für Außenstehende verborgenen Ordnung gehorcht. In dem die Natur regiert, der Gärtner nur eingreift, wenn es unbedingt sein muss.

Mit seinen grauen Haaren, seinem leicht großväterlich gebückten Gang und seinen wachen, freundlichen Augen könnte man sich Peters tatsächlich sehr gut in einem Garten vorstellen. Er würde dort die Gurken so krumm wachsen lassen, wie es ihre Natur ist, seine Tomätchen mit Brennnesseljauche bestäuben. Und sich wie Bolle freuen, wenn seine Kürbisse in diesem Jahr besonders groß würden, nachdem das Gewächs im letzten Jahr gar keine Früchte trug.

In Wahrheit ist Peters der geschäftsführende Gesellschafter der Erbengemeinschaft Dr. Carl Milchsack. Sein Garten ist ein ehemaliges Fabrikgelände im ehemaligen Industrie- und Arbeiterviertel Gutleut, das heute Künstlern, Musikern, Theaterleuten und Partymenschen eine Nische bietet. Zwar ist das Milchsackgelände an der Gutleutstraße 294 nach wie vor von Industrie umringt: im Osten das Heizkraftwerk, im Westen das Briefzentrum der Deutschen Post und im Norden die Gleisanlagen der Deutschen Bahn. Doch ist die Industrie auf dem Rückzug.

Längst ist der Westhafen kein Warenumschlagplatz mehr. Allein die Kohle für das Heizkraftwerk wird noch angeliefert. Wo früher malocht wurde, residieren heute Agenturen, Restaurants und der eine oder andere Jachtbesitzer mit Familie. Hörte Frankfurt früher im Bewusstsein der meisten hinter der Camberger Brücke auf, ändert sich das allmählich. Die Pläne für weitere Wohnungen westlich des Westhafens sind ausgearbeitet. Auch das Milchsackgelände wird immer wertvoller. Gleichzeitig wird es schwieriger, die Substanz zu erhalten.

Wer heute mit dem Gärtner Peters über sein etwa einen Hektar großes Gelände spaziert, der entdeckt einen Ort, an dem jeder der Ansässigen vor sich hinwerkeln kann, wie es ihm beliebt. „Ich habe es am liebsten, wenn die Dinge von alleine entstehen“, sagt Peters. Diesen Satz könnte man als das unausgesprochene Motto für das Milchsackgelände ansehen. Die Dinge haben sich in den vergangenen 15 Jahren ganz von allein entwickelt. Und alles ohne städtische Fördermittel für den Umbau. „Ich habe nie einen Euro bekommen“, sagt Peters.

Heute liegen auf dem Gelände die Clubs Tanzhaus West und Dora Brilliant, eine Bildhauerwerkstatt für straffällige Jugendliche, das Off-Theater Landungsbrücken, ein Atelierhaus, ein Wohnhaus und eine Autowerkstatt. 30 Mietverträge verwaltet Peters. Zwischen den ehemaligen Werkshallen haben die Bewohner und Nutzer gemeinsam Gärten angelegt. Wie zum Zeichen ihrer friedlichen Koexistenz.

1928 hatte Peters’ Großvater Carl Milchsack an diesem Ort die Druckfarbenfabrik Milchsack gegründet. Bis 1999 läuft der Betrieb die meiste Zeit ziemlich gut. Schnell eröffnet Milchsack ein zweites Werk in Berlin. Nach dem Krieg kommt er mit den Alliierten ins Geschäft. Diese bezahlen mit der in den Nachkriegsjahren sichersten Währung: Zigaretten.

Wohnungen für Mitarbeiter

In den Wirtschaftswunderjahren floriert die Firma. Selbst der Tod des Patriarchen 1960 schadet dem Geschäft zunächst nicht. Seine Frau und Töchter führen das Unternehmen erfolgreich weiter. Um die 50 Mitarbeiter beschäftigt der Betrieb zu dieser Zeit. Diese wohnen in firmeneigenen Wohnungen, von denen einige auf dem Gelände selbst stehen. Noch heute wohnen hier einige ehemalige Angestellte.

Nach dem Tod der Tochter Hilde Peters führt deren Sohn, Peter Peters, die Farbenfabrik weiter und – wie es scheint – goldenen Zeiten entgegen: 1991 macht die Firma einen Umsatz von zehn Millionen D-Mark. Rekord!

Kurz darauf aber beginnt der Abstieg: Nach der Wiedervereinigung taumelt Deutschland von einer Wirtschaftskrise in die nächste. Bei Peters bleiben die Aufträge aus. Die Rationalisierung, neue Produktionsprozesse und der Kostendruck vermiesen das Geschäft. Schließlich bemächtigen sich betriebswirtschaftliche Hasardeure der Firma und treiben sie in den Ruin.

Peters legt die Stirn in Falten, wenn er von dieser Zeit erzählt. Er spricht dann von den „Nieten in Nadelstreifen“ und berichtet von einem „Hamburger Anwalt“, der 1996 die angeschlagene Firma für eine Mark erwarb. „Zu diesem Zeitpunkt mussten wir immerhin noch niemanden entlassen“, seufzt Peters. Da arbeiteten noch 24 Leute in dem Betrieb. Doch lange ging es nicht mehr gut: In der Branche herrscht ein erbitterter Preiskampf. „Rationalisierungsschübe und die immer strengeren Öko-Auflagen haben uns das Leben schwer gemacht“, sagt Peters. Bis es irgendwann nicht mehr weiterging. Die Branche hatte sich gewandelt. Die beginnende Digitalisierung tat ihr Übriges. Er habe versucht, den Betrieb aufrechtzuerhalten. „Irgendwann war ich aber zu müde.“ Es ist nicht so, dass Peters dann die Idee einer Kulturfabrik entwickelte und zielstrebig verfolgte. Vielmehr nahmen die Dinge ihren Lauf, entstanden von selbst, während er sich noch gegen den Untergang der Firma stemmte.

Ausgelaugt vom langen Kampf

Als 1997 die mittlerweile legendäre Disco Spaceplace auf dem Milchsackgelände aufmachte, war das der Wendepunkt. Zwei Jahre später, im Mai 1999, muss Peters die Druckfarbenproduktion endgültig einstellen und die Firma abwickeln. Er versucht, den Leerstand mit immer neuen Kulturinitiativen und Kreativen-Büros zu füllen. Peters schreibt selbst Gedichte und tritt mit literarischen Programmen auf. So ist das Autohaus Gutleut, das Anfang der 80er Jahre auf das Gelände zog, inzwischen der einzig übriggebliebene Handwerksbetrieb unter den Kultureinrichtungen.

Das Herzstück des Areals bildet heute das Tanzhaus West. Matthias Morgenstern, letzter Überlebender des Spaceplace, führt den Club gemeinsam mit Klaus Bossert. Die beiden sind froh, dass sich ihnen vor etwas mehr als zehn Jahren die Möglichkeit bot, da etwas aufzumachen. „Im Nordend wäre solch ein Club jedenfalls nicht möglich“, sagt Bossert. Ein solcher Raum ist dort nicht zu finden – und wenn doch, nicht bezahlbar.

Zwar wohnen auch an der Gutleutstraße Menschen – die Künstler und paar ehemaligen Milchsack-Mitarbeiter, die noch auf dem Gelände wohnen, stören sich aber offenbar nicht an dem regelmäßigen Feierlärm. Nur die Bewohner des Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrums auf der anderen Seite der Gutleutstraße beschweren sich manchmal über die Begleitumstände der Feierwut. Zerbrochenes Glas, Pinkelecken, Lärm… Peters kann die Beschwerden nicht so recht nachvollziehen. Die jahrelangen Kämpfe um seine Firma haben ihn ausgelaugt. Für Anwohnerärger hat er nun keinen Nerv mehr.

Fragt man bei den Bewohnern der AWO-Anlage nach, geben auch sie zu, dass sie das Milchsackgelände schätzen. „Wir gehen da ab und zu ins Theater“, erzählt eine Bewohnerin. Jedoch würden die jungen Leute meist mit Autos kommen und diese auf dem Parkplatz der Altenanlage abstellen. Die AWO sagt, dass sie dies nicht verhindern könne, weil sie das Gelände aus Brandschutzgründen nicht absperren dürfe.

Peters’ Mieter genießen die Freiheit, die ihnen das ehemalige Fabrikgelände bietet. Seit ein paar Monaten ist ein Korallenzüchter eingezogen. Auch Thomas Piasecki, der das Autohaus im hinteren Teil des Areals führt, stört sich nicht an den Partygängern. „Wir schließen unseren Teil nachts ab – und gut ist.“ Manchmal würden zwar Leute, die sich den Eintritt für das Tanzhaus sparen wollen, über die Mauer der Werkstatt steigen, um von hinten in den Club zu kommen. „Es ist aber noch nie etwas kaputt gegangen.“

So haben Bossert, Morgenstern und all die anderen anscheinend auf dem Milchsackgelände ihre Nische gefunden. Damit das so bleibt, will Peters nun endlich städtische Fördermittel bekommen. „Bei der Stadt gibt es einen Topf für die Nutzung ehemaliger Industriegebäude.“ Die Stadt prüfe seinen Antrag. Er will nicht noch einmal scheitern.

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