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Menschen in Frankfurt Der Wolf-Anwalt

Der Frankfurter Anwalt Joachim Bremer mag Justizthriller. Aber im wahren Leben vertritt er Schwerverbrecher, Entführer und Mörder - und das seit 29 Jahren schon.

Der Frankfurter Star-Anwalt Joachim Bremer Foto: dpa

Im Kino kann ein Strafverteidiger zum Helden werden. Denn der Angeklagte im Justizthriller ist fast immer unschuldig, und der Anwalt will es beweisen. In der Regel gelingt ihm das auch, der Mandant kommt frei, muss nicht lebenslang in Einzelhaft, und alle feiern den Verteidiger. Joachim Bremer mag Justizthriller. Jedenfalls hängen im Flur vor seinem Büro jede Menge Filmplakate. „Das Urteil“, „The Verdict“, die Klassiker eben. Schöne Filme, doch die Realität, sagt der Strafverteidiger mit 29 Jahren Berufserfahrung, sehe ganz anders aus. „In 70 Prozent der Fälle, die man hat, ist die Schuldfrage längst geklärt.“ So auch in der Strafsache Thomas Wolf. Bremer vertritt den 57-Jährigen, der in den vergangenen Jahren mehrere Banküberfälle begangen hat, der im Jahr 2000 aus der Haft floh und dem nun die Entführung einer Bankiersfrau im vergangenen Jahr vorgeworfen wird. „Einen Freispruch wird das nicht geben“, sagt Bremer. Das wisse auch Thomas Wolf.

Fraglich ist allerdings, wann der Prozess gegen den Schwerverbrecher, der neun Jahre lang unerkannt im Westend lebte und zeitweise auf der Liste der meistgesuchten Kriminellen Deutschlands stand, beginnen wird. Bremer hat sich in den vergangenen Monaten vor allem mit dem Gesundheitszustand seines Mandaten beschäftigt. Auf der Flucht vor der Polizei übernachtete Wolf im Wald und wurde von einer Zecke gebissen. Nun leidet er an Borreliose. Viel zu lange sei die Krankheit unbehandelt geblieben, sagt Bremer, der gegen die Gefängnisärzte der Justizvollzugsanstalt Weiterstadt juristisch vorgeht. In den nächsten Monaten werde Wolf jedenfalls kaum verhandlungsfähig sein, glaubt sein Anwalt. Ihn würde es nicht wundern, könnte der Prozess erst Anfang kommenden Jahres beginnen. Allzu lange werde das Verfahren aber wohl nicht dauern. „Vier oder fünf Verhandlungstage“, schätzt Bremer. Wolf werde nicht von seinem Recht zu schweigen Gebrauch machen, sondern aussagen. Vermutlich dürfte es Ziel der Verteidigung sein, eine Sicherungsverwahrung nach Ende der Haftstrafe zu verhindern. Dann könnte Wolf, der noch fünf Jahre Reststrafe abzusitzen hat, das Gefängnis wahrscheinlich noch einmal verlassen.

In der Bild-Zeitung wurde Bremer, der sich seine Kanzlei mit seinem Kollegen Elard Biskamp teilt, vor einigen Wochen als „Frankfurter Star-Anwalt“ bezeichnet. Vermutlich ist dem 56-Jährigen, der sich auf Strafrecht spezialisiert hat und von anderen Rechtsgebieten lieber die Finger lässt („Wenn Sie einen Herzinfarkt haben, wollen Sie sich ja auch nicht vom Zahnarzt behandeln lassen“), diese Bezeichnung nicht recht. Bremer wirkt bescheiden, er ist niemand, der polternd auftritt. Fakt ist aber, dass der Wolf-Prozess nicht das erste große Verfahren ist, in dem Bremer die Verteidigung übernimmt. 1997 vertrat er im Prozess um die Ermordung des Geschäftsmanns Jakub Fiszman einen der Angeklagten, ebenso in dem Verfahren um den sechsfachen Mord in einem Bordell am Kettenhofweg kurz zuvor. 2005 verteidigte Bremer vor dem Landgericht Frankfurt den „Kannibalen von Rotenburg“.

Dass er einmal Strafverteidiger werden wollte, wusste Bremer schon früh. Bereits in der elften Klasse engagierte er sich ehrenamtlich bei der Betreuung von Strafgefangenen, schrieb Briefe an Inhaftierte und legte Beschwerden ein, wenn Pakete im Gefängnis zurückgehalten wurden. Sein erstes Jura-Buch kaufte er als Jugendlicher. Es hieß: „Deine Rechte als Strafgefangener“. Was Bremer vermutlich seinerzeit nicht ahnte, war die Arbeitsbelastung, die mit dem Beruf verbunden ist. Bis zu 70 Stunden verbringt er wöchentlich bei Gericht, bei Haftbesuchen oder in seinem Büro am Kaiserplatz. Wenn der Wolf-Prozess erst begonnen hat, dürfte es kaum weniger werden.

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