Lade Inhalte...

Meeresforschung Die Frau aus der Tiefsee

Zum Frühstück bei der Meeresforscherin Angelika Brandt. Für den 28. August lädt sie zum Vortrag über ihre Expeditionen ein.

Angelika Brandt
Angelika Brandt schwärmt von der Unterwasserwelt, die Riesenassel im Glas hört nicht zu. Foto: peter-juelich.com

So tief, wie der Mount Everest hoch ist, geht es im Meer hinab, und noch mal zwei Kilometer weiter. Marianengraben. 11 000 Meter. Die Tiefsee. Unvorstellbar.

Was ist da unten los? „Nahrungsarmut“, sagt Angelika Brandt. „Da unten kommt so gut wie nichts an. Die Organismen müssen sich was ausdenken. Sie sind sehr, sehr klein und ernähren sich von dem bisschen, was bis zu ihnen durchdringt. Es kommt kein Licht an, außer, die Organismen produzieren es selbst. Und es herrscht ungeheurer Druck – ein Druck, als stünde ein Elefant auf einem Quadratzentimeter. Das ist nur für die, die dort geboren sind, zu ertragen.“

Atemlos hängen die, die nicht dort geboren sind, sondern zum Frühstück 11 000 Meter weiter oben eingeladen, an Angelika Brandts Lippen. „Über die Tiefsee“, sagt sie und wirkt dabei selbst fasziniert, „wissen wir so gut wie nichts.“

Und das sagt die Chefin der Abteilung Marine Zoologie bei Senckenberg, Professorin für Spezielle Zoologie an der Goethe-Uni, nach 27 Expeditionen in die Tiefsee und die Polarregionen. „Was wir von der Tiefsee wissen“, sagt sie, „ist im Verhältnis so viel, wie wir über die Landmasse der Erde wüssten, wenn wir nur die Fläche von zwei Fußballfeldern erforscht hätten.“

Auf dem Tisch steht ein Glas mit einer Bathynomus giganteus – deutsch: Riesenassel, und genauso sieht sie auch aus. Alle Frühstücksteilnehmer sind ganz zufrieden damit, dass sie im Glas ist (und im Übrigen seit geraumer Zeit tot). Als sie noch lebte, hielt sich die Riesenassel im Golf von Mexiko auf, bis in 800 Meter Tiefe etwa. Ist das schon Tiefsee? Ja, bei 200 Metern fängt die Tiefsee an, sagt Angelika Brandt, und dass man vor Bathonymus giganteus keine Angst haben muss: „Die sind so lahm, die liegen nur in der Ecke und verdauen. Die fressen sich so voll, dass sie mit den Beinen nicht mehr auf die Erde kommen.“ Dagegen die Macrostylis, ebenfalls eine Assel, nur viel kleiner, im Oslo-Fjord gefunden: ein Aktionsradius zwischen 50 und 10 000 Metern Meerestiefe.

Da kommt kein Mensch mit. Aber die Biologin Brandt ist selbst in die Tiefe getaucht, so weit es eben ging, bei King George Island, Südliche Shetlandinseln, Subantarktis. „Die härteste Expedition meines Lebens. Ich würde es wieder tun.“ Einen immensen Aufwand betreibe die Tiefseeforschung, mit hohen Kosten, oftmals für eine kleine Probe, von der sich anschließend erst erweisen müsse, wie wertvoll sie sei. Und doch mit erstaunlichen Resultaten: „Wir finden immer noch Material von der ,Challenger‘“ – der Raumfähre, die 1986 explodierte und ins Meer stürzte.

Einmal besorgte sich Angelika Brandt 25 Empfehlungsschreiben von hochrangigen Wissenschaftlern, um beim Alfred-Wegener-Institut „Tiefseezeit“ für ein Projekjt zu beantragen. Mit Erfolg. An Bord der Forschungsschiffe lassen sich Proben, mit Tauchbooten aus dem Sediment gehoben, direkt bearbeiten und klassifizieren. „Und dann bestellen wir Container, die auf minus 20 Grad gekühlt sind, zur Anlegestelle.“ 25 000 Euro Aufwand für eine Probe, kein Einzelfall.

Ursprünglich war die 56-Jährige Lehrerin, eine Schule hat sie sogar gegründet, bis die Naturwissenschaft sie immer mehr fesselte. „Das hat mich so sehr interessiert: Was ist eigentlich in der Tiefsee los?“ Da ist sie wieder, die Einstiegsfrage. Es folgten 21 Jahre in Hamburg, Uni und Zoologisches Museum, im April 2017 dann der Wechsel zu Senckenberg. Angelika Brandt übernahm einen Teil der Aufgaben der verstorbenen Ozean-Koryphäe Michael Türkay – auch den Teil, bei dem die Wissenschaft völlig begeistert ohne Punkt und Komma von ihrer Forschung erzählt.

„Ich liebe meinen Beruf“, sagt sie, „dazu gehört, auf See zu sein, sich durchschütteln zu lassen. Auf See ist der Kopf frei und klar. Da weiß ich, warum ich Meeresforscherin bin.“ Und warum? „Auch um der Politik Handlungsoptionen zu zeigen.“ Beim Abbau von Manganknollen etwa, Rohstoff für Mobiltelefone: „Schafft es der Naturschutz, das in vernünftige Bahnen zu lenken?“ Was, wenn nicht? „Kennen Sie den Film ,The Day after tomorrow‘? Wir haben schon genug Probleme in unseren Meeren, von Ozeanversauerung bis Verschmutzung.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen