Lade Inhalte...

Medizinisches Cannabis in Frankfurt Cannabis gegen die Schmerzen

Ein MS-Patient in Frankfurt profitiert von der Gesetzesänderung bei medizinischem Cannabis. Das Marihuana hilft, doch es gibt auch Probleme

An employee cuts cannabis plants in a laboratory at the headquarters of AGES in Vienna
Aktuell werden Hanfpflanzen für den deutschen Markt noch im Ausland gezüchtet. Die Niederlande und Kanada sind die Hauptlieferanten. Foto: rtr

Im Jahr 2005 hatte er endlich Gewissheit. Bei Christian Berg, seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung lesen, wurde Multiple Sklerose (MS) diagnostiziert. Bereits seit den 90er Jahren litt der heute 63-jährige Frankfurter an der Erkrankung des Nervensystems, bei der die äußere Schicht der Nervenfasern an vielen Stellen Entzündungsherde aufweist. „Anfangs hatte ich keine Schübe“, sagt Berg. Diese sorgen für spastische Lähmungen bei den Betroffenen. Nachts wird es bei dem 63-Jährigen besonders schlimm. Wenn sein rechtes Bein gelähmt ist, er aufwacht und vor Schmerz nicht mehr einschlafen kann. Linderung verschafft ihm als ergänzende Anwendung auch medizinisches Cannabis. Die Änderung im Betäubungsmittelgesetz war ein Glücksfall für den erkrankten Berg.

Der Gesetzgeber erlaubt die medizinische Anwendung von Marihuana bereits seit Mai 2011. Ab damals durfte Cannabis zur Therapie genutzt werden, aber nur in Zubereitungen, die als Fertigarzneimittel zugelassen waren. Verkauft wurde die Medizin in Apotheken, die eine Sondererlaubnis besaßen. Die Kosten trug der Patient selbst, zudem musste auch er eine Genehmigung beantragen. Im März 2017 wurde das Gesetz schließlich gelockert. Alle Apotheken dürfen nun medizinische Cannabisprodukte an Patienten mit Rezept verkaufen. In der Regel übernehmen die gesetzlichen Krankenkassen die Kosten dafür. Allerdings gibt es noch Unklarheiten, bei welchen Krankheiten die Cannabistherapie von den Kassen bezahlt wird.

„Bei MS ist die Indikation mit Cannabis aber recht klar“, sagt Berg. Seit der Gesetzesänderung nimmt er Marihuana zur Therapie. Sein Arzt habe ihm Blüten verschrieben, die Krankenkasse mache keine Probleme. So profitiert der Frankfurter von einem Gleichklang aus Therapieanwendungen: ein antispastisches Medikament, Botox-Injektionen, Physiotherapie und eben Cannabis.

Zunächst habe Berg versucht, das Marihuana zu rauchen, aber das habe zu sehr im Hals gekratzt. Nun verarbeitet er die Blüten zu Plätzchen und isst ein halbes täglich vor dem Schlafengehen. „Es dauert bei den Plätzchen länger, bis es wirkt, aber irgendwann merke ich die Müdigkeit“, beschreibt Berg die Wirkung. Durch das Cannabis wache er in der Nacht seltener auf.

Dass das medizinische Cannabis als reine Droge gesehen wird und mit Vorurteilen auch bei den Krankenkassen zu kämpfen hat, regt den MS-Patienten auf. Sein Cannabis, das er in Fünf-Gramm-Dosierungen bekommt, habe einen hohen Anteil an Cannabidiol (CBD). Der Wirkstoff, der anders als Tetrahydrocannabinol (THC) eine geringere psychoaktive Wirkung hat, wird von Experten als weniger suchtfördernd eingeschätzt und wirkt entkrampfend und entzündungshemmend. Patienten gehe es bei dem Medikament nicht um den Rausch, sondern um die Linderung. Je nach Blütensorte kann der THC-Gehalt zwischen 0,5 und 20 Prozent liegen.

Berg erkennt momentan einen großen Hype um Cannabis. „Aber es ist nicht das Zauberheilmittel, das die Schmerztherapie revolutionieren wird“, ist er sich sicher. Allerdings könnten die Medikamente durchaus einen Schwerkranken ein bisschen glücklicher machen.

Kritisch bewertet der 63-Jährige jedoch die langen Wartezeiten auf das Medikament. Wenn er Nachschub brauche, müsse er sich schon lange im Vorfeld darum kümmern. „Ich muss es schon Wochen vorher wissen“, sagt Berg. Diesen Eindruck kann auch Katja Förster vom Hessischen Apothekerverband bestätigen. „Die benötigten Mengen sind in die Höhe geschossen“, sagt sie. Zwischen März und November vergangenen Jahres wurden nach Angaben des Deutschen Arzneiprüfungsinstituts 21 861 Rezepte für unverarbeitetes Cannabis und Cannabis-Zubereitungen bei den Krankenkassen abgerechnet. Noch fehlen Angaben über genaue Nutzerzahlen, aber vor März 2017 hatten laut Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte etwas mehr als 1000 Menschen eine Sondergenehmigung mit der sie Cannabis konsumieren durften. Tendenziell liegt die Nutzerzahl nun höher.

Dass es zu Lieferengpässen komme, liege zum einen an den Qualitätskontrollen durch Hersteller und Apotheker. Beide müssten überprüfen, ob in dem Naturprodukt wirklich drinsteckt, was auf der Packung steht. Zum anderen sei es problematisch, dass das Marihuana aus dem Ausland exportiert werden müsse. Aktuell beziehe Deutschland vorrangig Blüten aus den Niederlanden und Kanada. Die dort angebaute Menge reiche aber nicht, um das sich nun eröffnende Potenzial abzudecken. Bis in Deutschland Plantagen an den Start gehen, werde es wohl noch bis 2020 dauern. „Der momentane Zustand bei den Wartezeiten wird noch eine Zeit lang bestehen bleiben“, sagt Förster.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen