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Max Weinberg Frankfurt Auf einem anderen Planeten

Der 88-jährige Maler und Grafiker Max Weinberg kämpft in Frankfurt für die örtliche Künstlerszene. An dem Maler nagt die mangelnde Anerkennung durch die großen Frankfurter Kulturinstitutionen.

Maler Max Weinberg. Foto: peter-juelich.com

Er öffnet persönlich die Tür zu seiner Welt. Der weiße Bart wallt auf das gelbe Brasilien-T-Shirt, das gefleckt ist von roter Farbe. Sehr klein und zierlich steht Max Weinberg im Flur, die wachen Augen von Kajalstift schwarz umrandet. Von den Wänden sprechen große, von Farbe und Form geradezu überbordende Porträts mit dem Besucher, Augen und Brüste formieren sich zu geometrischen Figuren. Schwarz und Pink: Das sind zentrale Koordinaten im System. „Ich lebe auf einem anderen Planeten“, sagt der 88-jährige mit sanfter Stimme, so als wolle er den Gast beruhigen.

Eigentlich ist der Morgen die falsche Zeit, um den Maler und Grafiker auf seinem Planeten zu besuchen, seinem Atelier an der Ostparkstraße. Denn so gegen 10 Uhr pflegt sich der Künstler zum Schlafen zurückzuziehen, auf eines der bequemen Sofas, die sich in dem wilden Durcheinander von Gemälden, Skizzen, Farbtuben, Leinwänden, Tischen und Stühlen verbergen. Gemeinhin hat er die Nacht durchgearbeitet, ohne Unterlass. „500 Zeichnungen in einer Woche“ können so schon einmal entstehen, sagt er beiläufig, manche Blätter lässt er auf dem Boden oder auf einer Tischplatte liegen, um sie im geeigneten Moment wieder aufzugreifen, die Arbeit fortzusetzen. „Ich bin ein schneller Arbeiter, spontan.“

Auf den ersten Blick gemahnen die fantastisch-grotesken Bildwelten des gebürtigen Kasselers an die psychedelische Kunst der 60er Jahre. Doch er wehrt sich gegen Festlegung, künstlerische Schulen gar sind ihm ein Gräuel. Weinberg lächelt, während er den Besucher durch sie schmalen Gänge führt, die in seinem Atelier noch bleiben. „Meine Kunst gründet auf drei Faktoren: Irrationalität, Zufälligkeit und Zeitlosigkeit.“ Von der Erde auf den anderen, seinen künstlerischen Planeten ist Weinberg freilich nach bitteren Erfahrungen geflohen. Die jüdische Familie musste nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten aus Deutschland emigrieren. Mit seiner Mutter entkam das Kind Max 1935 nach Israel. Sein behinderter Bruder blieb in Kassel zurück und wurde von den Nazis im Rahmen des berüchtigten Euthanasie-Programmes getötet. „Sie haben ihn umgebracht, einfach umgebracht“, sagt der Maler düster und plötzlich ist alles Heitere, Leichte, das ihn wie eine Aura umgibt, verschwunden.

Der Heranwachsende versucht sich in der neuen Heimat Palästina zu orientieren, zu behaupten. Doch das ist schwierig, gerät zum Horrortrip. Der junge Mann findet sich als Soldat im Unabhängigkeitskrieg des neuen Staates Israel mit seinen arabischen Nachbarn wieder. Die Situation eskaliert, als er einen arabischen Gefangenen exekutieren soll. Er weigert sich: „Ich konnte das nicht.“ Die Folge ist die unehrenhafte Entlassung aus der Armee.

Es war der entscheidende Bruch im Leben des jungen Juden, der schon zu dieser Zeit gerne zeichnete und malte. Er stieg aus dem bürgerlichen Leben aus und schrieb sich als Student an der Akademie für Bildende Kunst in Tel Aviv ein. Zu dieser Zeit fanden sich auf seinen Bildern Zwitter aus Menschen und Hakenkreuzen und brutale Vergewaltigungsszenen – Versuche der Verarbeitung.

Doch Frieden fand der Künstler in Israel nicht. Zu sehr war die israelische Gesellschaft militarisiert, in ständige Kämpfe und die Unterdrückung der Palästinenser verwickelt. „Wo die Kanonen schießen, ist die Muse tot“, sagt der 88-Jährige heute in der Erinnerung. Im Jahre 1959 ging er nach Deutschland zurück, obwohl es für ihn als Juden das Land der Mörder an seinem Volk war. „Ich habe in Israel keine Zukunft in der Kunst gesehen.“

Weinberg kam nach Frankfurt. Und tatsächlich konnte er sich hier, in der aufstrebenden Wirtschaftswundermetropole der frühen 60er Jahre, künstlerisch entfalten. An der Städelschule-Abendschule studierte er Zeichnen beim berühmten Maler Walter Hergenhahn, der wiederum ein Schüler von Max Beckmann war. Von 1961 bis 1963 dauerte diese wilde Zeit, in der er viel lernte.

Doch der Anschluss an die etablierte, große Kunstszene gelang dem Maler und Grafiker Weinberg bis heute nicht Sein Traum, einmal im Museum für Moderne Kunst, im Städel oder in der Kunsthalle Schirn ausgestellt zu werden, blieb unerfüllt. Während er rastlos durch sein Atelier tigert, schimpft er auf die „Kulturmafia“ , die ihn und seine Arbeit ausgrenze.

Begüterte Sammler und Mäzene

Tatsächlich aber ist Weinberg so erfolglos nicht. Schon vor 20 Jahren stellte die Stadt ihm das Atelier an der Ostparkstraße für eine geringe Miete zur Verfügung. Gerade einmal 240 Euro im Monat zahlt er heute. Und es gibt begüterte Sammler und Mäzene, die ihm seine Werke abkaufen. Zu ihnen zählt etwa der Frankfurter Immobilienkaufmann und Multimillionär Josef Buchmann.

Der Maler erinnert sich begeistert an die erste Begegnung: „Buchmann kam in mein Atelier, sah ein größeres Gemälde, das ihm gefiel und fragte: Was kostet das Bild? Ich sagte: 11 000 Mark. Und er antwortete: „Schicken Sie mir die Rechnung!“

Weinberg ist materiell durchaus mit seinem Leben zufrieden. „Es gibt wenige Künstler, die so ein Glück haben, so im Luxus zu leben“, sagt er mit ironischem Unterton. Im Atelier steht ein Kasten mit Mineralwasserflaschen und ein anderer mit Apfelschorle. Es gibt frisch gebackenen Kuchen. Gerade ist die mit ihm befreundete Kunsthistorikerin Corinne Elsesser zu Besuch.

Vom Tonband erklingt leise die Musik Ludwig van Beethovens, die er über alles liebt, weil sie ihm die notwendige „schöpferische Kraft“ verleihe.

Doch an dem Maler nagt die mangelnde Anerkennung durch die großen Frankfurter Kulturinstitutionen. Am 17. Juli hat er einen Brief an Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) geschrieben. Er regt in dem Schreiben an, „Gruppenausstellungen für hier ansässige Künstler“ im Städel, dem Museum für Moderne Kunst und der Kunsthalle Schirn zu organisieren. Es brauche wieder „konstruktive Offenheit und originäre Vielfalt“ in den Frankfurter Kulturinstitutionen. Nicht die immer Gleichen des internationalen Kunstbetriebes sollten eingeladen werden.

Der Künstler lud den Oberbürgermeister in sein Atelier ein und schloss den Brief „mit freundlichem Schalom“. Eine Antwort vom Stadtoberhaupt, sagt Weinberg lächelnd, gebe es noch nicht. Aber ihm, dem listigen Provokateur, hat es sichtlich Freude bereitet, den Brief zu schreiben.

Von der Decke des Ateliers baumelt ein großer Fliegenfänger, auf dem erkennbar schon viele der Tierchen ihr Leben aushauchten. Der Maler zeigt stolz Fotografien von den vielen Schulklassen, die sein Atelier besuchen. Auch internationale Reisegruppen, etliche aus Israel, kommen an die Ostparkstraße.

Ein Politiker immerhin hat auch den Boykott der „Kulturmafia“ durchbrochen. Boris Rhein (CDU), der hessische Minister für Wissenschaft und Kunst, ließ in diesem Jahr in der Eingangshalle des Ministeriums in Wiesbaden eine Ausstellung von Weinberg-Bildern präsentieren.

Kunst kenne keine Grenzen, schrieb der Minister dazu im Vorwort zum Ausstellungskatalog: „So soll und kann Kunst auch unbequem sein und Gesellschaftliches kritisieren dürfen.“

Auf dieses Grußwort ist der Maler schon mächtig stolz. Seine Gemälde sind friedlicher geworden mit der Zeit, zeigen keine Gewaltszenen mehr. Achtbrüstige Frauen feiern die Weiblichkeit, engelhafte Nixen und dreibeinige Männer leben auf dem Planeten Weinberg. Und immer wieder sind es die Farben Pink und Schwarz, auf die der Maler zurückkommt. Das ist kein Zufall.

„Pink spielt seit 30 Jahren eine wichtige Rolle“, sagt er. Doch allein diese Farbe wäre ihm „zu kitschig“. Nein, ihm geht es um eine „Dissonanz“. Und deshalb „fängt Schwarz das Pink auf und bildet einen Gegensatz“.

Die Tür zum Atelier öffnet sich wieder und herein kommt Robert Bock, der renommierte Frankfurter Ausstellungsmacher, der unter anderem in Frankfurt-Sachsenhausen in einem Hinterhof der Schulstraße die „Ausstellungshalle 1a“ betreibt. Dort gab es vor acht Jahren eine große Ausstellung zum 80. Geburtstag von Max Weinberg.

Seitdem sind die beiden befreundet. „Man müsste Max Weinberg mit seiner Kunst nach London und nach New York exportieren, das wäre das richtige Umfeld für ihn“, sagt der Kunsthistoriker Bock. Jetzt strahlt der kleine Mann mit dem großen Bart über das ganze Gesicht.

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