Lade Inhalte...

Martin Mosebach „In Frankfurt werden Bauten weggeworfen“

Der Schriftsteller und Büchner-Preisträger Martin Mosebach spricht im FR-Interview über seine Heimatstadt Frankfurt, über das Bürgertum und die katholische Kirche.

Martin Mosebach
Martin Mosebach im Wintergarten seiner Wohnung im Westend. Im Jahr 2019 steht der Autor im Mittelpunkt des Festivals „Frankfurt liest ein Buch“. Foto: Christoph Boeckheler

Herr Mosebach, Sie haben im Insel-Verlag mal ein wunderschönes kleines Buch veröffentlicht, mit Fotos von Barbara Klemm, das hieß: Mein Frankfurt. Das war ja ein Bekenntnis zu der Stadt, zu der sie eigentlich ein gespaltenes Verhältnis haben.
Ja, ich bin hin und her gerissen: Ich weiß, was diese Stadt einmal war, was sie für die deutsche Geschichte bedeutet und welche schöpferischen Energien hier versammelt waren. Ich habe allerdings ihre Schönheiten nur in alten Fotobänden gesehen. Manches kann man auch jetzt noch ahnen. Die Lage der Stadt an ihrem Fluss, der nicht zu schmal und nicht zu breit ist, kommt mir immer besonders harmonisch vor.

Sie sind ein Chronist der Veränderungen der Stadt. Wenn man sich den Roman Westend anschaut: Sie steigen ein mit dem Viertel kurz nach dem Zweiten Weltkrieg, beschreiben es als weitgehend intakt trotz einiger Kriegsschäden. Und sie enden im Jahr 1968, als unmäßige Bürobauten beginnen, das Viertel zu zerstören.
Das Chronistische ist ein Nebeneffekt meiner Erzählungen, nicht mein Ziel. Für Romane braucht man eine große Menge von Fakten. Es gibt Autoren, die sie sich zusammenrecherchieren, aber das ist nicht ungefährlich: Ein Roman ist keine Reportage. Ich ziehe es vor, von Dingen zu erzählen, die ich aus meiner nächsten Umgebung kenne. Deshalb war es klar, dass meine Romane überwiegend dort spielen sollten, wo ich über diese Faktenfülle ohnehin verfügte. Das machte mich frei. Ich konnte mit meinem Erfahrungsfundus souverän umgehen und der Fantasie dabei freien Lauf lassen, was doch das Wichtigste ist.

Sie beklagen die Veränderungen, das lässt sich ziemlich deutlich herauslesen.
Ich möchte zunächst feststellen, dass ich meinen Westend-Roman keinesfalls als Beweinung dieses Viertels verstehe, das so bedeutend ja nun auch wieder nicht war. Für mich war wichtig, am Wandel dieses Stadtteils in dreißig Jahren historischen Wandel überhaupt sichtbar zu machen, und vor allem das für mich wichtigste historische Phänomen, den Wandel der Mentalität. Heute weiß jeder, dass das, was im Westend geschehen ist, ein großer Verlust für die Stadt war, aber damals wussten es zunächst nur sehr wenige. Gerade gebildete Leute fanden gründerzeitliche Häuser scheußlich. Es war ein faszinierender Prozess, wie sich das änderte und dieselben Leute, die eben noch die Architektur vor dem Ersten Weltkrieg verachtet hatten, jetzt jede alte Remise erhalten sehen wollten. Das Westend hatte den Zweiten Weltkrieg weitgehend unversehrt überstanden, inmitten einer schwer getroffenen Stadt. Das Viertel war noch nicht alt, mit gut gebauten Häusern in bestem Zustand, mit schönen Ensembles, besonders an Straßenkreuzungen. Die hat man aufgrund einer städtebaulichen Fehlentscheidung aufgesprengt. Die gründerzeitliche Stadtplanung hatte sehr klug die Mainzer Landstraße als Stadterweiterungsgebiet vorgesehen, das wäre die ideale Region für ein Bankenviertel gewesen. Aber nein: Es sollte das Westend sein.

Von diesem Schlag hat sich Frankfurt nicht mehr erholt.
Es war ein Tiefpunkt der Stadtgeschichte, der dann aber auch große Anstrengungen zum Besseren herausgefordert hat. 

Wie geht Frankfurt mit seinem städtebaulichen Erbe um?
Es ist eine sehr merkwürdige Erfahrung zu erleben, dass Bauten, die wir Immobilien, also unbeweglich nennen, zu etwas höchst Mobilem, zu Konsumartikeln geworden sind, die weggeworfen werden, wenn sich die Bedürfnisse ändern oder wenn sie steuerlich nicht mehr abgeschrieben werden können. Es gibt Ecken in der Stadt, die sich innerhalb der letzten Jahre so verändert haben, dass man Straßen gar nicht mehr wiedererkennt.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
Ok

Um Ihnen ein besseres Nutzererlebnis zu bieten, verwenden wir Cookies. Durch Nutzung unserer Dienste stimmen Sie unserer Verwendung von Cookies zu. Weitere Informationen