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Martin Keßler Protestforscher mit Handkamera

Der Frankfurter Filmemacher Martin Keßler begleitet seit zehn Jahren Demonstrationen – entstanden ist daraus die Reihe „Neue Wut“.

Martin Keßler auf einer seiner Touren im Amazonas-Gebiet. Foto: Myra Galha

Polizeihubschrauber fliegen im Tiefflug über ein Feld bei Heiligendamm. Auf dem Boden sitzen Demonstranten, die gegen den G-8-Gipfel im Jahr 2007 demonstrieren. Manche zeigen den Piloten den Mittelfinger. Martin Keßler filmt.

Studenten rennen im Jahr 2006 auf eine Autobahn. Sie wollen den Verkehr lahmlegen, um gegen Studiengebühren zu demonstrieren. Wenig später rückt die Polizei an, es gibt mehrere Hundert Festnahmen. Martin Keßler filmt.

Der Rio Xingu in Brasilien im Jahr 2008. Lastwagen fahren vor, die Bauarbeiten für das riesige Wasserkraftwerk Belo Monte sollen beginnen. Demonstranten stellen sich den Fahrzeugen in den Weg. Martin Keßler filmt.

Martin Keßler, Filmemacher aus dem Frankfurter Westend, hat ein Spezialgebiet: die „Neue Wut“. Unter diesem Titel laufen die Dokumentationen über soziale Proteste, die Keßler filmt. Seit zehn Jahren, seit die Menschen in Deutschland gegen die Agenda 2010 demonstrierten, „was letztlich zum Ende der Regierung Schröder führte“, wie Keßler glaubt. Zum Jubiläum seiner Filmreihe lädt der 61-Jährige für Dienstagabend ins Naxos-Kino ein. Doch Keßler wäre nicht Keßler, würden die Besucher dort nur seine Filme schauen. Der studierte Historiker verspricht eine „kritische Bilanz“.

Kreative Proteste der Studenten

Frankfurt im Jahr 2006. Der Sommer ist extrem heiß. Die Fußball-Weltmeisterschaft hat begonnen. Zeitgleich demonstrieren die Studenten gegen die Studiengebühren, die die Landesregierung unter Ministerpräsident Roland Koch und Wissenschaftsminister Udo Corts (beide CDU) einführen will. WM und „kreative Proteste“, wie sich die Studierenden ausdrücken, das ist zu viel für die Polizei. Bereits Tage, bevor das Turnier beginnt, kündigt Polizeichef Achim Thiel an, dass nun Schluss mit lustig sei und seine Beamten etwa bei Blockaden der Autobahnen durchgreifen müssten. Tatsächlich geht es fortan ruppig zu. Immer mittendrin: Martin Keßler mit seiner Handkamera, der für den Dokumentarfilm „Kick it like Frankreich“ dreht.

Auf einer Pressekonferenz im Präsidium macht er dann seinem Ärger Luft. Er habe es satt, ständig von Beamten an seiner Arbeit gehindert zu werden, er werde abgedrängt, beschimpft und geschubst. Das brauche er sich nicht bieten zu lassen. Keßler spricht dabei auch zu seinen Kollegen, den anderen Journalisten, die bei den beinahe wöchentlichen Autobahn-Blockaden dabei sind. Er fordert sie auf, ihrerseits Missstände zu benennen. Die meisten Reporter schweigen und schauen ihre Blöcke an.

Frankfurt im Jahr 2015. Keßler hat sich kaum verändert. Äußerlich nicht, aber auch seine Empörung hat er sich bewahrt. Er berichtet, wie die Polizei in den vergangenen zehn Jahren immer mehr aufgerüstet habe. Und wie er immer wieder mit Einsatzleitern diskutieren müsse, um seine Arbeit zu tun.

Auch am 18. März war Keßler mit der Kamera unterwegs. Die Blockupy-Demonstration in der eigenen Stadt konnte er sich nicht entgehen lassen. Keßler filmte auch die Randale am Morgen. Doch einfach zu sagen, es habe die „schlimmsten Ausschreitungen seit Jahrzehnten“ gegeben, wie es Polizeichefs und Politiker tun, das ist ihm zu wenig.

Starker Tobak

Martin Keßler hat ein paar Fragen zu der Gewalt im Morgengrauen. Er verweist auf den G-8-Gipfel in Heiligendamm, als „nicht nur Krawallmacher, sondern auch bestimmte Kräfte in Politik und Polizei“ ein Interesse an Ausschreitungen gehabt hätten. Mit Bildern von „Gewaltexzessen“ könne man den „berechtigten Protest bei der Bevölkerung diskreditieren und ein breites Bündnis aus Gewerkschaften, Linkspartei, Attac und vielen anderen Gruppen unter Druck setzen und spalten“, sagt Keßler. Das ist starker Tobak. Zumindest passt es ganz und gar nicht in eine Zeit, in der CDU-Politiker von ihren Kollegen der Linken verlangen, dass sie sich für die Randale entschuldigen, und die Öffentlichkeit sich auf Blockupy eingeschossen hat.

Auch die Medien nimmt Keßler nicht von der Kritik aus. Er will ein Prinzip ausgemacht haben – nicht erst seit Blockupy: „Im Vorfeld wird nur davon geredet, dass es Krawalle geben könnte, dann gibt es Krawalle, und danach wird nur über Krawalle berichtet.“ Das ist stark zugespitzt, und Keßler weiß das. Aber richtig ist, dass über die Inhalte des Blockupy-Protestes nicht besonders viel berichtet wurde.

Seit 1986 arbeitet der Journalist als Filmemacher. Er hat große Dokumentationen für die ARD, das ZDF und Arte gedreht. Etwa über den „Geldadel vom Taunushang“ oder den neuen „Frankfurter Häuserkampf“ um eine Siedlung in Bockenheim. Doch seit einigen Jahren schafft er es mit seinen Filmen kaum noch ins Fernsehen. Aus der Reihe „Neue Wut“ wurde kein einziger Beitrag im TV gezeigt. Keßler produziert für seine Internetseite, für seinen Kanal auf Youtube, er vertreibt DVDs mit seinen Filmen und zeigt sie regelmäßig in Kinos. Die Vorstellungen sind stets gut besucht. Unvergessen ist der Abend, als „Kick it like Frankreich“ im Frankfurter Metropolis gezeigt wurde und der Saal voll war mit Hunderten Studenten, die nach der Vorstellung gleich wieder demonstrierten. Doch das Fernsehen? Das winkt ab.

Angst bei den Sendern

Noch nicht einmal der erste Teil der Reihe schaffte es ins TV-Programm. Als der Film, in dem unter anderem der damalige DGB-Chef Michael Sommer und Wirtschaftsminister Wolfgang Clement (SPD) mitspielen, fertig war, hatte Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) gerade Neuwahlen angekündigt. Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern habe die Angst geherrscht, Keßler mache mit seiner Dokumentation Wahlkampf für die Linke. Ein unsinniger Vorwurf, wie er findet. Fortan sei die Ausstrahlung seiner Filme am Geld, aber auch am mangelnden Interesse der Rundfunkanstalten gescheitert. Der Etat werde für Übertragungsrechte von Sportveranstaltungen und Unterhaltung genutzt, nicht aber für aufwendige, kritische Dokumentationen, schimpft Keßler. Die öffentlich-rechtlichen Sender würden ihrem Auftrag nicht gerecht. Keßler glaubt nicht daran, dass es noch ein Beitrag der „Neuen Wut“ ins Fernsehen schafft.

Das gilt auch für seine Beiträge aus Brasilien, die ihm besonders wichtig sind. Seit 2011 begleitet er den Kampf der Anwohner des Xingu gegen das Staudammprojekt. Er zeigt auf, wie Politik in Brasilien funktioniert und wie deutsche Firmen von dem Projekt profitieren, das für Keßler eine einzige Katastrophe ist, weil das Amazonasgebiet „die grüne Lunge der Welt ist“.

Neulich war Martin Keßler in Dresden und hat bei einer Pegida-Demonstration gefilmt. Auch die Islamkritiker sind Teil seiner Reihe, denn in guten und schlechten Protest zu unterscheiden, das sei arrogant. Dabei machte er eine neue Erfahrung. Eine Frau in durchaus gesetztem Alter schlug ihn, den Vertreter der „Lügenpresse“, ständig in die Rippen. Von Demonstranten angegriffen zu werden, das kannte auch Martin Keßler noch nicht.

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