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Marlies Flesch-Thebesius Eintreten für die Gerechtigkeit

Die engagierte Frankfurter Journalistin, Autorin und Pfarrerin Marlies Flesch-Thebesius ist tot.

Marlies Flesch-Thebesius
Die Frankfurter Pfarrerin und Journalistin Marlies Flesch-Thebesius ist tot. Foto: privat

Wenn es für Marlies Flesch-Thebesius so etwas wie ein Lebensthema gab, dann war es das Eintreten für Gerechtigkeit und gegen Diskriminierung. Bis ins hohe Alter setzte sich die Frankfurterin mit der Verfolgung der Juden im Nationalsozialismus und der Rolle der evangelischen Kirche auseinander. Und immer wieder erinnerte sie an den mühseligen Weg der Frauen zur Gleichberechtigung im kirchlichen Amt.

Marlies Flesch-Thebesius entstammte einer angesehenen Familie. Der Großvater Karl Flesch war der erste Sozialbürgermeister im Römer, Vater Max leitender Chirurg an einem evangelischen Krankenhaus in Sachsenhausen. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte er sich als Stadtverordneter für seine Heimatstadt engagieren. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft 1933 aber, Marlies war gerade 13 Jahre alt, bekam die Familie Demütigungen und Ausgrenzung zu spüren.

Der Großvater war vor seiner evangelischen Taufe Jude, nach dem kruden Rassenverständnis der Nationalsozialisten galt Vater Max als „Halbjude“, sie selbst als „Vierteljude“. 1935 verlor der Vater die Stelle in der Klinik, auch die Fürsprache seines Pfarrers Martin Schmidt von der Dreikönigsgemeinde konnte das nicht verhindern. Freunde wandten sich ab, die Mutter wurde depressiv. „Wir lebten im Bewusstsein, dass uns immer etwas passieren könnte“, sagte Flesch-Thebesius später über diese Zeit, die sie in ihrer 1988 erschienenen Autobiographie „Hauptsache Schweigen“ beschrieben hatte.

Bereits 1934 hatte sich die Dreikönigsgemeinde der Bekennenden Kirche in Opposition zum NS-Regime angeschlossen. Im Jahr 2010 war sie eine der treibenden Kräfte bei der Aufarbeitung der schuldhaften Verstrickung von Teilen der Kirche in die Judenverfolgung – etwa durch den Ausschluss „rassejüdischer Christen“. Flesch-Thebesius war dabei immer wieder als Zeitzeugin in Erscheinung getreten. 

Für Überzeugungen auch auf der Straße 

Nach dem Krieg wurde sie Journalistin, arbeitete in Frankfurt und Hamburg, studierte Theologie und wurde Pfarrerin, zuletzt von 1972 bis 1983 in der Frankfurter Paulsgemeinde. 65 Jahre alt war sie, als sie das erste Mal demonstrierte – gegen das Apartheidsregime in Südafrika.

„Sie war ein sehr offener Mensch, unkonventionell, um sprachliche Genauigkeit bemüht“, erinnert sich Heide Lemhöfer an Flesch-Thebesius. Lemhöfer war nach Hessen gekommen, weil sie damals hier im Unterschied zur Rheinischen Kirche Pfarrerin werden durfte, trotz eines katholischen Mannes. „Marlies hat mich ganz spontan als Vikarin angenommen, das war für sie keine Frage“, erinnert sich Lemhöfer. Ihr Mann Lutz Lemhöfer, der mit ihr Zeitzeugengespräche geführt hatte, sagt: „Sie war mindestens so sehr Journalistin, wie sie Pfarrerin war.“

Am Silvestertag ist Marlies Flesch-Thebesius im Alter von 98 Jahren in Frankfurt an den Folgen eines Sturzes gestorben.

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