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Marcel Reich-Ranicki Neues zum Literaturkritiker

Eine Ausstellung zeigt bisher unbekannte Fotos und Dokumente aus dem Leben des berühmtesten deutschen Literaturkritikers der Nachkriegsgeschichte, Marcel Reich-Ranicki. Er hätte am 2. Juni seinen 95. Geburtstag gefeiert.

Gediegene Bürgerlichkeit: Der Lesesessel des Kritikers. Foto: Christoph Boeckheler

Am Anfang erscheint das Leben ohne Hoffnung. Da hockt Marcel Reich-Ranicki 1945 auf einem Trümmerberg zwischen den Ruinen des Warschauer Ghettos. Im Alter von 25 Jahren ist er wenige Monate nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges an den Ort zurückgekehrt, dem er am 3. Februar 1943 mit Mühe und Not entkommen war. Eine schwarz-weiße Fotografie in einem Reigen von etwa 200 Bildern, die noch nie öffentlich zu sehen waren. Sie entwerfen den Werdegang des berühmtesten deutschen Literaturkritikers der Nachkriegsgeschichte, von der Kindheit in Berlin über die Jahre in Polen und London bis zur langen Zeit in Frankfurt, das seine neue Heimat wurde bis zum Tode 2013.

Heimat? Die Ausstellung im Literaturarchiv der Goethe-Universität macht auch deutlich, wie relativ dieser Begriff zunächst für Reich-Ranicki blieb. Die Möbel in den schlichten, schmucklosen Räumen sprechen eine beredte Sprache. Da steht der Schreibtisch, an dem der Kritiker ein halbes Leben lang arbeitete, ein Möbel von geradezu erschütternder Kargheit, eigentlich nur eine Holzplatte auf vier metallenen Beinen. „Die hat er sich angeschafft, als er und seine Ehefrau Tosia 1970 in Hamburg eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung bezogen“, sagt Wolfgang Schopf, der Leiter des Literaturarchivs. Dieses Stück, mit vielfachen Gebrauchsspuren, hat den Autor begleitet bis zuletzt. Es ist ein Beleg dafür, dass die überlebenden Juden dieser Generation in Deutschland mental lange Zeit „auf gepackten Koffern“ saßen, jederzeit bereit zum Aufbruch, zur neuen Flucht.

Was für ein Gegensatz dazu ist der wuchtige Ledersessel, der im Zentrum der Ausstellung steht und zu dem noch ein Fußschemel gehört. Dieses gerade großbürgerliche Möbelstück, in dem der Kritiker saß und zu lesen pflegte, signalisiert, dass die Familie tatsächlich angekommen war, dass sich das Ehepaar in Frankfurt nicht mehr mit Provisorien begnügte.

Auf nur 140 Quadratmetern zeichnet Kurator Schopf ein bewegendes Bild vor allem des privaten Marcel Reich-Ranicki. Am 2. Juni hätte er seinen 95. Geburtstag gefeiert. Sein Sohn Andrew hat für die Ausstellung die Fotoalben seines Vaters durchgesehen und eine Auswahl getroffen. Sie zeigt, wie der Publizist, dessen Eltern und dessen Bruder vom nationalsozialistischen Terrorregime ermordet worden waren, dennoch die Kraft für ein neues Leben fand.

Als Offizier der polnischen Armee 1945, als Angehöriger der polnischen Botschaft in London, dann schon als Lektor für deutsche Literatur in einem Warschauer Verlag und als freier Schriftsteller. Und immer wieder ist da Tosia an seiner Seite, mit der auf Reisen geht, 1948 zum Beispiel Oxford und den Lake Distrikt besucht. 1954 sitzt er dann schon selbstbewusst vor einer großen Bücherwand in seiner Wohnung – da hatten ihm die polnischen Behörden allerdings schon Publikationsverbot erteilt.

Er sieht keine Perspektive mehr in Polen, 1958 bleibt er bei einer Studienfahrt in Deutschland. Arbeitet als Literaturkritiker, etwa für die Wochenzeitung „Die Zeit“. Die Ausstellung zeigt „seine unheimliche Produktivität“, wie Schopf sagt. Die Wände eines langen Flurs sind rechts und links von Faksimiles seiner Kritiken bedeckt. Der Autor beginnt, seine wichtigsten Arbeiten akribisch zu sammeln: „Am Ende waren es acht komplett überdehnte Leitz-Ordner.“

Mit einfachsten Mitteln legt sich der Kritiker ein eigenes Archiv an: Zu sehen sind die schlichten Aktenkladden von Leitz, in denen er Material sammelt zu wichtigen Schriftstellern. „Günter Grass“ steht auf einem Schnellhefter, aber auch „Martin Walser“ oder schlicht: „Heine“.

Ein besonderer Schatz

Im Flur auf Regalen auch schon die ersten der Bücher, die er selbst verfasste, das setzt sich dann im nächsten Raum fort. Rund 80 Titel gibt es von Reich-Ranicki, neben seiner Autobiografie immer wieder Essays zu Autoren und literarischen Zusammenhängen, wie etwa der Gruppe 47.

„Alles begann mit einem Anruf von Eva Demski“, erzählt Kurator Schopf. Die Frankfurter Schriftstellerin und enge Freundin von Reich-Ranicki, rief im Frühjahr 2014 an: „Wolfgang, Du musst kommen, Andrew räumt die Wohnung aus!“ In der Westend-Zimmerflucht des Kritikers entstand dann die Idee für die Ausstellung. Reich-Ranickis Biograf Uwe Wittstock, dessen lesenswertes Werk gerade in erweiterter Fassung erschienen ist, fuhr nach Edinburgh, wo Andrew Reich-Ranicki als Professor der Mathematik an der Universität unterrichtet. „Es war nicht schwer, ihn zu überzeugen, die Fotografien auszusuchen.“

Eva Demski steuerte noch einen Biedermeiertisch mit Stühlen aus ihrem Haus bei. Da pflegte sie mit dem Ehepaar Reich-Ranicki jedes Jahr Weihnachten zu feiern.

Der einfache Schreibtisch des Kritikers kommt aus dem Historischen Museum. Das Jüdische Museum zeigt einen besonderen Schatz: Die Sammlung von Autorenbildern aus Künstlerhand, die Reich-Ranicki über Jahrzehnte zusammentrug. Sie hängt an der Wand hinter dem schweren Sessel. Man kann sich in all diesen Stücken verlieren, langsam durch ein Leben treiben lassen. Immer wieder neue Entdeckungen. So hat sich der öffentlich stets penibel Gekleidete privat auch gehen lassen. 1978 ist er doch tatsächlich mit geöffnetem Hemd und offenen Latschen zu sehen: In großer Hitze im griechischen Piräus.

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