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Marcel Reich-Ranicki Frankfurt „Jeder wusste, wie er klingt“

Als Marcel Reich 1958 aus Polen in Frankfurt ankam, wurde aus dem 38-jährigen Entwurzelten der Zeitungs-Mitarbeiter Reich-Ranicki. Frankfurt trauert um den Literaturkritiker.

Der Auftritt im Kaisersaal 2011 beim Empfang zum 125-jährigen Jubiläum des S.Fischer-Verlags.

"Als ich am 21. Juli 1958 auf dem Hauptbahnhof Frankfurt am Main aus dem Zug stieg, wusste ich, dass in diesem Augenblick und auf diesem Bahnsteig ein neues Kapitel meines Lebens begann“, schreibt Marcel Reich-Ranicki in seiner 1999 erschienen Autobiographie.

Er, die jüdische „Displaced Person“ aus Polen, hatte einen Pass „für eine einmalige Reise in die Bundesrepublik“ dabei, gültig für „einen Aufenthalt von nicht mehr als 91 Tagen“. Auch die Reise-Schreibmaschine, „Marke Triumph“, befand sich im Koffer; bei der polnischen Zollkontrolle war sie „argwöhnisch beäugt und sorgfältig in meinen Pass eingetragen worden“.

Genau genommen aber hatte der Entwurzelte „wieder einmal nichts, gar nichts – nur dieses unsichtbare Gepäck, die Literatur, die deutsche zumal“. Und sowieso „keine Ahnung, was mir bevorstand“. Aber den festen Willen, „auf keinen Fall als Verfolgter oder als hilfsbedürftiger Emigrant aufzutreten“. Und als er in der neuen Stadt die Literaturseiten der Zeitungen aufblätterte, „dachte ich mir: Hier wird auch nur mit Wasser gekocht“.

So war das, als aus dem 38-jährigen Marcel Reich, der Zeitungsmitarbeiter Reich-Ranicki wurde. Er meldete sich nämlich, „kaum in Frankfurt angekommen“, beim Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen. Der fragte ihn, „ob ich vielleicht ein Manuskript mitgebracht hätte“. Natürlich zog der Bewerber „eins aus der Tasche“.

Nur über den Namen des Autors, der sich in Polen des Pseudonyms Ranicki bedient hatte, war man sich nicht gleich einig. Da riet Feuilletonchef Hans Schwab-Felisch zu einem Doppelnamen. „Das leuchtete ein, ich zögerte nicht“, steht in den Lebenserinnerungen des Kritikers. So banal kann eine legendäre Karriere beginnen. „Einverstanden, schreiben Sie Marcel Reich-Ranicki“, riet der Neuling dem Chef.

52 Jahre später konnte man am Frankfurter Börneplatz, an der Fassade des dortigen Museums Judengasse, aus mehreren Richtungen den Schriftzug „Für Marcel“ lesen. Der simple Titel für eine Ausstellung zum 90. Geburtstag war kein Risiko, denn wer die Widmung da oben registrierte, der wusste, wer gemeint war. „Marcel Reich-Ranicki war zeitweise bekannter als irgendjemand in Deutschland“, glaubt Raphael Gross, der Museumsdirektor, der die Ausstellung ausgerichtet hatte. Und mehr noch hat der Direktor festgestellt: „Jeder wusste, wie er klingt.“

Diese Stimme, dieser Tonfall, diese genüsslich Anlauf nehmende, sich allmählich ausformende Sprache, das ärgerlich anschwellende „R“ – das war seit dem „Literarischen Quartett“ Allgemeingut. Die dramatische Art und der Witz des MRR „hat sehr viele Menschen für die Literatur begeistert“, meint Fritz Backhaus, der stellvertretende Museums-Direktor

Backhaus hat den alten Herrn, der seit dem Tod seiner geliebten Frau Tosia schwächer geworden war, auch in letzter Zeit noch im Café Christine in der Eschersheimer Landstraße sitzen sehen; er bestellte sich dort „regelmäßig Kaffee, Kuchen und Eis“. Als Witwer lebte der Bewohner des Dichterviertels mit der Unterstützung einer Betreuerin. Für Frankfurt hatte er sich seinerzeit nur „seiner zentralen Lage wegen entschieden“, steht in der Biographie. Dann aber war der Kritiker in der Stadt seiner Wahl „in einen großen Freundeskreis integriert“, wissen sie im Museum.

Zum Geburtstag hat Reich-Ranicki der Sammlung des Hauses Bücher und Zeichnungen übereignet, die ihm Autoren durch die Jahre gewidmet und geschenkt hatten. Erich Kästner etwa „zittert dem Urteil eines der wenigen Kritiker, auf dessen Meinung ich noch etwas gebe, entgegen“.

Walter Jens widmet sein neues Buch („Der Mann, der nicht alt werden wollte“) „in neidloser Bewunderung“ dem „Trumpf As der deutschen Literaturkritiker“. Ingeborg Bachmann wünscht: „Bleibe guter Geist ihm hold.“

Sie alle leben nicht mehr. Auch das Leben ihres Kritikers ist zu Ende. Schon den Mai 2010, als man „Marcel“ zum 90. Ovationen entgegenbrachte, hatte er gefürchtet nicht erreichen zu können. Vor lauter Angst zu stürzen, sagte er da, habe er nicht mehr gewagt spazieren zu gehen. Er wollte nämlich „erleben, dass ich gefeiert werde“. Diese Freude hat Frankfurt dem Flüchtling von einst nicht nur einmal gemacht.

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