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Main Und danke für den Fisch

Die Zeiten, da der Main voller Chemie und praktisch tot war, sind vorbei. Heute kann man Mainfisch sogar essen. Und das Frankfurter Umweltamt will weiter daran arbeiten, den Fluss wieder natürlicher zu machen.

Hans-Georg Dannert (li.) und Rainer Zimmermann vom Umweltamt am Fechenheimer Ufer. So fischfreundlich wie die Teststelle am Leinpfad soll der Main bald vielerorts sein. Foto: Andreas Arnold

Rein in den Main? Und eine Runde schwimmen? Wie Uropa und Uroma? Und hinterher kein Hautausschlag? „Im Prinzip ja“, sagen die Männer vom Umweltamt. Von der Wasserqualität her. Aber wie das mit Prinzipien so ist: „In der Praxis nein.“ Wegen der Sicherheit. Der Main ist eine Bundeswasserstraße, da ist Schwimmen fast überall verboten. Außer für die Fische.

Ortstermin im Osten. Das Mainufer am Fechenheimer Leinpfad – eine Oase. In den vergangenen drei Jahren hat das Grünflächenamt dort alles verändert, eine Promenade angelegt, Aussichtspunkte und eine neue Pappelallee. Wer sich eine Weile am Ufer aufhält, und womöglich scheint gar die Sonne, der vergisst alles um sich herum.

„So, hier sind wir“, sagt Rainer Zimmermann vom Planungsteam des Umweltamts. Unten am Flussufer ist die Zukunft des Mains zu sehen, und irgendwie auch seine Vergangenheit: Renaturierung heißt das Stichwort – zurück zur Natur. Eine abgeflachte Zone zum Wasser hin, abgegrenzt durch 30 oder 40 wuchtige Kalksteinblöcke, davor Kies, ein Stück flussabwärts dann die typische Basaltsteinabgrenzung.

Ein Schwanenpaar hat den Ort schon für sich entdeckt, Enten quaken drum herum. Aber eigentlich geht es hier um die Fische – für sie hat das Umweltamt das alles gestaltet. Der kleine Fechenheimer Steinstrand ist ein Vorbote der Veränderungen, deren ersten Schritt das Regierungspräsidium unlängst genehmigt hat. Für gut sieben Millionen Euro will die Stadt ihren Fluss in den kommenden Jahren wieder fischfreundlicher machen.

Die chemische Industrie hatte Fakten geschaffen

Rückblende: Vor gut 1200 Jahren hausten die Sachsen am südlichen Mainufer. Ursprünglich des Kriegs wegen gekommen, mussten sie nun von etwas leben – und fingen Fische. Davon gab es jede Menge im Main. 945 schloss man sich als Bruderschaft zusammen, aus der sich schließlich die Frankfurter Fischerzunft entwickelte. Aber erst gut 1000 Jahre später, 1950 nämlich, einigte man sich mit der Stadt auf die Ausübung des Fischereirechts durch die Zunft. Da war der Ertrag freilich nicht mehr so üppig: „Die chemische Industrie hatte Fakten geschaffen“, sagt Hans-Georg Dannert, im Umweltamt zuständig für die Fischereirechte: „Der Main war praktisch tot.“

Das hat sich zum Glück wieder geändert. Heute kann man sagen: Ja, er lebt noch, der Main, und er soll noch gesünder werden. Die EU-Wasserrahmenrichtlinie setzt klare Ziele für die Binnengewässer: guter ökologischer und chemischer Zustand, Verschlechterungsverbot. „Der Main soll nicht nur schöne Kulisse sein, sondern ein lebendiger Fluss“, sagt Umweltdezernentin Rosemarie Heilig. Frankfurt sei von sich aus aktiv geworden, um die EU-Richtlinie umzusetzen. „Wir hoffen, dass alle, die sich am Main erfreuen, uns dabei unterstützen.“

Was Zimmermann und Dannert zurzeit planen, nennt sich „1. Maßnahmenbündel“ zur „Strukturverbesserung“. Seit 2011 haben sie 39 Vorschläge für Veränderungen an den Mainufern eingereicht. Im ersten Schritt hat das Regierungspräsidium fünf Umbauten genehmigt: unter anderem am Sindlinger Mainufer, am Niederräder Licht- und Luftbad und in Fechenheim.

Um was geht es genau? Fische fühlen sich im Main wieder wohl. Und es gibt eine ganze Menge von ihnen: An die 1000 Kilo kann man in einem guten Jahr herausziehen. Aktuell ist das Rotauge der meistgefangene Frankfurter Fisch, gefolgt von Flussbarsch, Ukelei und mehr als 30 weiteren Arten, vom Döbel über Nase, Schleie und Hecht bis zum Wels. Aber: Mit der Fortpflanzung ist es nicht einfach in einem großen Fluss wie dem Main. Der Laich wird von der Strömung mitgerissen, vom Wellenschlag vorbeifahrender Schiffe verwirbelt. Überhaupt ist der Strom nicht besonders tief: „Man kann sich vorstellen, wie das für einen Fisch ist, wenn ein Schiff so knapp“, Hans-Georg Dannert zeigt mit den Händen etwa die Höhe eines Aktenordners an, „über einen drüberfährt.“ Wobei die Nervenstärke variiert: „Dem Wels passt die starke Strömung wunderbar, anderen weniger.“ Faustregel: Die Räuber sind robuster als die sogenannten Friedfische.

Gemeinsam haben sie aber ein weiteres Problem: Auf dem ständig ausgewaschenen Flussgrund kann sich nur wenig Plankton absetzen, kaum Algen, der Fisch findet nicht genug Nahrung: „Das Wasser ist einfach zu klar.“

Grund genug, ihm zu helfen. Die Pläne des Umweltamts sehen Zonen mit seicht abfallenden Ufern vor, mit reichlich Kies, in dem die Fische laichen können, und Steinen, in denen sich der Nachwuchs vor Strömung und Räubern schützen kann. Vorgesehen sind auch winzige Teiche in Ufernähe, sogenannte Altwasser, als Brutstätten. Damit kann es schon bald losgehen: an der Carl-Ulrich-Brücke, die Fechenheim mit Offenbach verbindet und die gerade aufwendig saniert wird, sind schon Standorte ausgeguckt. Das Geld dafür – aus Haushaltsresten – ist parat. „Da muss man nur ausbaggern“, sagt Rainer Zimmermann. „Das füllt sich dann von ganz allein mit Wasser.“

Eigentlich hatte die Stadt mit dem „1. Maßnahmenbündel“ noch mehr Projekte eingereicht: „Parallelbauwerke“ im Main, also Steinbarrieren in mehreren Metern Entfernung zum Ufer. Sie sollen Wellen brechen und den Fischen ruhige Zonen für die Fortpflanzung verschaffen. Wie das aussieht, ist recht gut im Osthafengebiet zu sehen: Da teilen bewachsene Inseln die alte Flößergasse vom Fluss ab, etwa gegenüber der Offenbacher Schleuse.

Mit den Parallelbauwerken sind aber die Wassersportler nicht glücklich. Ruderer fürchten, dass sie abgedrängt werden – von den Flussrändern weg, zu nah an die Schifffahrtsrinne. Darüber muss noch verhandelt werden. Aber die Stadt sieht Kompromisschancen.

Überhaupt braucht es viel Abstimmung, wenn man einen Fluss wieder natürlicher machen will. Da redet die Schifffahrtsverwaltung mit, die Stromkonzerne wollen an den Wehren weiter Energie erzeugen – wichtige Anliegen. Aber um den Fisch im Main hat sich die Öffentlichkeit ziemlich lang nicht bemüht. Der wäre mal an der Reihe.

So sieht das auch die Frankfurter Fischerzunft. „Wir halten das für absolut sinnvoll“, lobte der Zunft-Vorsitzende Wolfgang Burck bereits die Pläne: „Es gibt viel zu wenig Fischlaichplätze in Frankfurt wegen der hohen Kaimauern.“

Mit dem Umweltamt weiß er sich da einig. „Wir sind Frankfurt am Main, wir führen den Fluss im Namen“, sagt Hans-Georg Dannert, „dann sollten wir auch dafür sorgen, dass er funktioniert.“ Und wenn es dem Fisch gutgeht, profitiert auch der Mensch. „Man kann die Tradition wieder aufleben lassen – und den Fisch auch essen“, sagt Dannert. Viele Frankfurter wüssten das gar nicht. Dabei sei das heimische Flossentier sogar ein kulinarischer Beitrag zur Stärkung des Umweltbewusstseins: „Regional und saisonal.“

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