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Mahnmal Großmarkthalle Gedenkstätte soll auch an die Täter erinnern

Die Gedenkstätte an der früheren Großmarkthalle, die an die Deportation von mehr als 10.000 Frankfurter Juden erinnert, ist eröffnet. Während der Eröffnungszeremonie kommt auch eine Zeitzeugin zu Wort.

Auf der Glaswand steht eines der vielen Zitate. Sie ersetzt an dieser Stelle den EZB-Zaun. Foto: Rolf Oeser

Edith Erbrich spricht als Erste. Mit fester Stimme erzählt sie am Sonntag in der großen Lobby der Europäischen Zentralbank, wie ihre Familie, die gar nicht weit entfernt in der Ostendstraße wohnte, die Anordnung erhielt, am 14. Februar 1945 „pünktlich um 14 Uhr“ an der Großmarkthalle zu erscheinen. Edith Erbrich war damals sieben Jahre alt, ihre Schwester elf, der Vater Jude, die Mutter katholisch.

Sie sollten Zahn- und Schuhbürsten mitbringen, es gehe um einen „Arbeitseinsatz“. Die Mutter durfte nicht mit: „Da war sie wieder eine Arierin.“ So wie Erbrich und ihre Familie wurden von der Großmarkthalle aus mehr als Zehntausend Jüdinnen und Juden in Ghettos und Konzentrationslager deportiert und ermordet. Nur 179 überlebten.

Genau vor 74 Jahren, so der Direktor des Jüdischen Museums, Raphael Gross, sei am 22. November 1941 der dritte Zug von Frankfurt aus „unmittelbar in den Tod“ gerollt. Die 922 Frankfurterinnen und Frankfurter sollten ursprünglich nach Riga. Wegen Überfüllung wurde der Zug nach Estland umgeleitet. Am nächsten Morgen sollten sie angeblich zum Sport antreten, wurden hinterrücks erschossen und in Gruben verscharrt. Diejenigen, die für die Deportationen verantwortlich gewesen seien, seien nie zur Rechenschaft gezogen worden, sagte Gross. Die Gedenkstätte solle auch an die Täter erinnern.

Die wenigen Zeitzeugenberichte offenbarten „erschütternde Einblicke, wie die Stadtverwaltung die jüdische Bevölkerung drangsaliert und gequält“ hat, sagte Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD). Frankfurt habe sich mit diesen Verbrechen lange nicht auseinandergesetzt. 50 Jahre habe es gedauert, bis am Börneplatz mit über 12 000 eingeschriebenen Namen eine Gedenkstätte entstanden sei, die an das Schicksal der Frankfurterinnen und Frankfurter jüdischer Herkunft erinnert. Keine andere Stadt in Deutschland sei durch ihre jüdische Gemeinde so geprägt worden, sagte Feldmann und erinnerte an die Gründung der Frankfurter Universität, an die „jüdischen Mäzene und Wissenschaftler“. Durch die Deportationen sei eine 800-jährige Geschichte der Juden in Frankfurt beendet worden. Der Vorwurf, nicht schon am Freitag, als die Erinnerungsstätte der Presse vorgestellt wurde, dabei gewesen zu sein, habe ihn „irritiert“. Er habe gar keine Einladung gehabt.

Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde, Salomon Korn, sagte, Goethes Einsicht, dass „wir nur sehen, was wir wissen“, versage hier. Die „äußerst gestalterische Zurückhaltung“ der Architekten könne bewirken, dass der einfühlsame Besucher die Gedenkstätte „anders verlässt als er sie betreten hat“.

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