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Lyrik Schwarzer Romantiker

Sein "Hasswort" heißt "normal": Der 22-jährige Lyriker Martin Piekar gewinnt den Nachwuchswettbewerb Open Mike in Berlin.

Liebt das Mystische: Martin Piekar.

Die Abenddämmerung erobert Sachsenhausens Straßen atemberaubend schnell. Im Zwielicht verschwimmen die Konturen von Passanten und Radfahrern. Und Martin Piekar in seinem langen schwarzen Mantel, über den der lange schwarzglänzende Haarschopf fällt, scheint nur noch ein Schemen vor dem Hintergrund geisterhaft erleuchteter Fenster. Über dem Platz vor dem Südbahnhof und seinem feuchten Asphalt liegt ein Schleier von Nebel.

Geradezu beiläufig erwähnt der 22-jährige, dass „Im Nebel“ von Hermann Hesse zu seinen zehn Lieblings-Gedichten gehört.

„Seltsam, im Nebel zu wandern,
einsam ist jeder Busch und Stein,
kein Baum sieht den anderen,
jeder ist allein.“

„Das lässt mich erschauern, melancholisch und traurig werden“, sagt der junge Mann aus Bad Soden, der in Frankfurt Philosophie und Geschichte studiert. Mit 13 Jahren fing er an, zu schreiben, unter dem Einfluss von Hesse und Eichendorff. 2010 schon gewann er den Preis „Gedicht des Jahres“ beim Wettbewerb des Deutschlandradios. Es folgten weitere Auszeichnungen – und jetzt der Hammer: Piekar siegte beim „Open Mike“ in Berlin, dem literarischen Nachwuchswettbewerb überhaupt in Deutschland.

Jede Menge Presse

Noch immer ist er ein wenig betäubt vom Erfolg, von der Lesereise danach: Wien, Zürich, Auftritt jeweils in den Literaturhäusern, jede Menge Presse. Der Student macht Erfahrungen mit Journalisten, die ihn verwundern. Als er fassungslos auf der Bühne in Berlin bei der Preisverleihung stammelt: „Scheiße, geil!“, formt das ein Feuilletonist in seinem Bericht in „Scheißegal“ um.

Nun gut. Piekar ist ein friedfertiger Mensch, aber dieses Erlebnis musste jetzt mal raus. Und am besten redet er gleich auch über seine Aura, seinen Stil. „Ich bin Mitglied der Gothic Scene, der schwarzen Szene.“ Im Alter von 13 Jahren schon fühlte sich der Sohn polnischer Eltern magisch angezogen von der Ästhetik, der Musik, den Bildern dieser Szene. Mit Todessehnsucht, mit Gewalt hat das für ihn gar nichts zu tun. „Zunächst einmal finde ich es einfach schön – ich habe eine Vorliebe für das Mystische, das nicht ganz Fassbare.“ Dass sein Auftreten, bis hin zu den lila lackierten Fingernägeln, manche Menschen irritiert, gefällt ihm: „Die Leute können es nicht einordnen, es bleibt ein Rest Geheimnis.“

Punk und Metal hört er gerne, aber auch „Neue Deutsche Härte“, diesen besonderen Rock „mit brachialen Gitarren-Riffs“. Er liebt die Musik von „ASP“, der Frankfurter Band mit ihrem Zyklus um den „Schwarzen Schmetterling“.

Aber Piekar ist keiner, der verneint. Er schreibt „unheimlich gerne in Zügen“. Seine Lieblingsstrecke ist die im ICE nach Berlin, vier Stunden geschenkte Lebenszeit. Seine Gedichte kreisen um Liebe, Sehnsucht, enttäuschte Hoffnung: Der „Bastard-Zyklus“ zum Beispiel heißt nicht umsonst so: „Der Bastard ist einer, der verschmäht wurde.“

Der Dichter will Lehrer werden

Zur Zeit legt der Dichter letzte Hand an sein erstes Buch. Aber der Preisträger ist bar aller Illusionen. „Mit Gedichten verdient man kein Geld.“ Nein, Piekar wird Lehrer werden: „Wenn ich mir die Nägel nicht lackiere und die Haare im Nacken zusammenbinde, wird das gehen.“

Er liebt es, Gedichte zu Gemälden zu schreiben. Etwa zu „Sternennacht“ von Vincent van Gogh:

„Die Nacht mäandert wie ein
Schal
Um die Firnis des Mondes
Paar Sterne schnuppern hinaus
In die Welt, sie schneiden
mein Sichtfeld, sieben mich.“

Er wird einen Zyklus verfassen zu den Bildern der Ausstellung „Schwarze Romantik“ im Städel-Museum. Der Romantiker Piekar fühlt sich getragen von seinen Freunden, mit denen er zusammenkommt im „Final Destination“ am Holzgraben, dem Treffpunkt der Frankfurter Gothic-Szene. Und von seiner Mutter, die ihn immer unterstütze: „Die steht zu mir.“ Sein Vater hat die Familie verlassen, ist nach Polen zurückgekehrt. Hier verdüstert sich zum ersten Mal das Gesicht des jungen Autors.
Egal. Martin Piekar wird sich treu bleiben. Sein „Hasswort“, das sagt er entschlossen, „ein furchtbares Wort“, heißt: „normal“. Und dann verschwindet der Dichter im Abendnebel, der ihn sekundenschnell verschluckt.

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