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Literaturhaus-Chef Hückstädt Der Ausdauer-Mann

Hauke Hückstädt führt seit 2010 das Frankfurter Literaturhaus. Er wächst in der DDR auf, ist dort einer der besten Ruderer seiner Generation. Doch über Nacht wird er aus dem Verein geworfen. Weil seine Eltern eine Ausreiseantrag stellen. Geblieben ist dem ehemaligen Spitzensportler eine zähe Beharrlichkeit.

Im Roten Saal des Literaturhauses ist Hückstädt von den signierten Büchern seiner Besucher umgeben. Foto: Weis

Plötzlich überkommt es ihn einfach. Er packt den hellroten Basketball, dribbelt mit der Lederkugel an den Glasvitrinen mit den Büchern drin vorbei, tänzelt quer durch den eleganten Roten Salon. Für Minuten wirkt Hauke Hückstädt trotz des seriösen dunkelblauen Sakkos völlig losgelöst, lacht befreit, was bei ihm selten ist. Der Mann, der seit Mitte 2010 das Literaturhaus in Frankfurt führt, wirkt oft kontrolliert, ernsthaft, beherrscht. Wenn er loslässt, ist er sofort viel jünger als seine 43 Jahre.

Den Basketball hat ihm Thomas Pletzinger mitgebracht, der mit seinem Buch „Gentlemen, wir leben am Abgrund“ im Literaturhaus zu Gast war, dem grandiosen Porträt einer Saison der Basketball-Profis von Alba Berlin. Der Direktor zieht den Band ohne nachzudenken aus einem der Regale hier, auf denen die signierten Ausgaben der Gäste stehen. Der Pletzinger: Er ist eines der Beispiele dafür, wie der studierte Germanist sich bemüht, das Programm inhaltlich zu öffnen, ein neues Publikum an die Schöne Aussicht zu locken, über die Freunde der „klassischen“ Lesung hinaus.

Im vergangenen Jahr ist ihm das mehr denn je gelungen: „23-mal ausverkauft“, bilanziert er stolz, mehr denn je in seiner Zeit.

Sport spielt große Rolle

Und natürlich ist es kein Zufall, dass es da um Sport ging. „Sport hat immer eine große Rolle in meinem Leben gespielt“: Das ist eine gelinde Untertreibung. Denn der schlanke Mann, der jeden Morgen vor der Arbeit läuft, hat 2012 seinen ersten Marathon überhaupt absolviert – in der sehr respektablen Zeit von drei Stunden und 39 Minuten. Seit vielen Jahren schon fährt er Rennrad, hat sich damals „ein sehr schönes altes Cannondale gekauft“, überquerte aber auch mit einem Mountainbike die Alpen.

Warum läuft einer mit 43 den ersten Marathon? Der Lyriker Hückstädt, der zwei Gedichtbände veröffentlichte, gibt darauf eine für ihn typische Antwort: „Ich wollte mir etwas beweisen – ich ging davon aus, dass ich es schaffe.“ Was ihn stets fasziniert, ist die lange Strecke, „die lange Auseinandersetzung“. Der Direktor hockt jetzt auf einem bedruckten Karton und sagt nachdenklich: „Das gilt auch für das Haus hier.“

Auf der Pappe steht in weißen Buchstaben „Schöne Aussicht, ab 8. Oktober 2005“. Das war der Eröffnungstermin des neuen Literaturhauses, den noch seine Vorgängerin Maria Gazzetti bewältigte. „Ich bin ein Ausdauer-Mann“, sagt der Manager, als ob es ihm eben in diesem Moment eingefallen wäre.

Aber die Wurzeln dafür reichen tief und weit zurück. Wir tauchen ein im Gespräch in ein Land, das vielen hier im Westen Deutschlands für immer unbekannt und unverständlich bleiben wird: die Deutsche Demokratische Republik. Dort, im Städtchen Schwedt an der Oder, ist der Sohn des Malers Eberhard Hückstädt Ende der 60er Jahre geboren worden.

Überwachungsgerät im Telefon installiert

Hauke war schon damals ein begeisterter Sportler, einer der besten Ruderer seiner Generation. Er schließt manchmal die Augen, wenn er die Stichworte referiert: DDR-Vizemeister im Doppel-Vierer mit Steuermann, auf dem Weg zum Olympia-Kader mit 13 Jahren. Er trainierte hart, ging ganz auf im Rudern, schluckte arglos und ohne zu fragen auch die sogenannten „Vitamintabletten“, die ihm sein Trainer gab: „Heute weiß ich, es war der Anfang von Wachstumshormonen.“

Doch der Junge stürzte übergangslos aus allen Träumen. „Ich wurde urplötzlich, über Nacht des Vereines verwiesen.“ Er durfte nicht mehr am Training teilnehmen. Denn seine Eltern hatten einen Ausreiseantrag gestellt.

Szenen, Erlebnisse, die ihm immer im Gedächtnis bleiben. Wie seine Eltern für einen Tag lang in Haft genommen wurden, einfach so. Wie Stasi-Offiziere sonntags in der Wohnung auftauchten und ganz offen ein Überwachungsgerät im Telefon installierten. Einfach so. „Einer schraubte etwas in den Hörer, wählte dann eine Nummer, sagte: Ja, gut, und legte wieder auf.“ Die Familie saß wie versteinert im Wohnzimmer …

Im Februar 1984 durften sie ausreisen, der Sohn Hauke war vierzehneinhalb. Fand sich plötzlich in der westdeutschen Großstadt Hannover wieder. Der Bruch in der Biografie ist ihm geblieben, wirkte nach. Gedichte hatte er schon in der DDR geschrieben – doch der Wunsch nach materieller Sicherheit ließ ihn im Westen zuerst eine Lehre als Tischler absolvieren.

In der Uckermark geht ihm das Herz auf

Und heute? Hückstädt geht hinüber in das sogenannte Matthias-Beltz-Zimmer des Literaturhauses, das an den toten Kabarettisten erinnert, lässt sich in einen der Sessel plumpsen und sagt: „Was mir geblieben ist, ist diese Ausdauerfähigkeit.“

Wenn er heute durch die Uckermark fährt, „Wasser, Hügel, dünn besiedelt“, dann erlebt er intensiv, „was das für eine schöne Landschaft ist“. Eine Pause. Und dann: „Da geht mir das Herz auf.“

Aber der frühere DDR-Bürger ist „frei von Nostalgie“. In seinem Buch „Neue Heiterkeit“ von 2001 heißt es in einem Gedicht zum Wechsel von Ost nach West:

„Die Abrissbirne pendelt zwischen Gut und Böse, sie korrigiert das Fettgesetzteim Geschichtsbuch der achtenKlasse.“

„Die B-Seite dieses Landes war so bitter, traurig und kleinkariert.“ Als er seine Geburtsstadt Schwedt nach der Wende von 1989 wieder besuchte, traf er auf der Straße einen, mit dem er als Jugendlicher zusammen gerudert war. Der begrüßte ihn mit den Worten: „Na, du Staatsverräter?“

Hückstädt wehrt sich allerdings gegen das arrogante West-Verdikt, dass die Literatur der DDR nichts wert gewesen sei. „Es wird Bücher geben, die bleiben“, davon ist er überzeugt. Die von Wolfgang Hilbig zum Beispiel, dem 2007 gestorbenen Schriftsteller aus dem thüringischen Meuselwitz, der als Arbeiter begonnen hatte, Gedichte zu schreiben, später in den Westen ging, in Romanen wie „Das Provisorium“ die Zerrissenheit zwischen Ost und West thematisierte.

Mehr Unterstützer gewonnen

Für seine eigene Lyrik ist ihm, wie er schon 2010 vorausgesehen hatte, im Amt als Direktor des Literaturhauses keine Zeit mehr geblieben. „Ich schreibe nicht mehr“, sagt er knapp. Der Kulturmanager findet es schwierig, „Sender und Empfänger zugleich zu sein“. Aber er fördert Lyrik und Lyriker, wo er nur kann. Uwe Kolbe zum Beispiel, der in Ost-Berlin geborene Lyriker und Prosaautor, den er besonders schätzt, war schon im Literaturhaus zu Gast und wird wiederkommen.

Hückstädt ist es gelungen, mehr Menschen ins Literaturhaus zu locken – obwohl die Zeiten härter werden. Die wirtschaftliche Krise lässt Sponsoren zögern: „Es war ein Jahr, das wirtschaftlich schwierig war“, sagt er mit Blick auf 2012. Auch private Mieter, die Räume des Literaturhauses etwa für Feiern und Ehrungen nutzen, gab es weniger. Doch Institutionen wie die Frankfurter Bürgerstiftung („die fördern uns vorbildlich“) sind als Unterstützer in die Bresche gesprungen und lassen dem Programmgestalter inhaltlich völlig freie Hand.

Um die Leute zu gewinnen, will der Direktor mit seinen Veranstaltungen „Geschichten erzählen“. Wie zum Beispiel beim Basketballabend mit dem Buch von Pletzinger. Oder 2013, wenn es einen großen Abend zu „Tatort“-Krimis geben wird. Diese Kult-Filme sind für ihn erst einmal „große Erzählungen unserer Zeit“. Also will er die Regisseurin Sylvia Hoffman einladen, die nicht weniger als 28 „Tatorte“ inszeniert hat, dazu den früheren Frankfurter „Tatort“-Kommissar Karlheinz von Hassel und den Schauspieler Dominic Raacke, der im Berliner „Tatort“ den Kommissar Till Ritter spielt.

Im Übrigen bleibt Hückstädt seiner Linie treu, „die großen und die kleinen Namen“ ins Haus zu holen. Wenn etwa kürzlich der große österreichische Erzähler Christoph Ransmayr vor ausverkauftem Saal auftrat, wird im neuen Jahr die marokkanische Schriftstellerin Saphia Azzedine zu Gast sein, die mit ihrem Roman „Mein Vater ist Putzfrau“ Furore machte.

Der Ausdauer-Mann Hückstädt lässt sich von Zeiten der wirtschaftlichen Krise nicht schrecken. Schon als er von 2000 bis 2010 das Literarische Zentrum in Göttingen geführt hatte, „hieß es immer: Es ist kein Geld da“.

Es gelang ihm stets aufs Neue, diesen Satz zu widerlegen. Was Wunder, dass er stolz sein Lieblings-Buch „Fredy Neptune“ vom australischen Dichter Les Murray zur Hand nimmt. Es ist ein moderner Versroman von epischen Ausmaßen, der die Odyssee eines Matrosen zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg erzählt. Zwischen den Schlachthöfen von Chicago und den Studios von Hollywood gibt Fredy niemals auf.

Das gefällt Hauke Hückstädt.

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