Lade Inhalte...

Literatur Horst Bingl Fenster zur Stadt

Im Restaurant Margarete in der Braubachstraße wird zur gepflegten Tafel auch die Kunst des schönen Schreibens serviert. Derzeit lässt sich im dortigen Schriftsteller-Separee der Nachlass des Dichters Horst Bingel aufblättern und betrachten.

Ernst Jünger im Regal, Hochprozentiges unter dem Schreibtisch: Bingels Utensilien. Foto: Andreas Arnold

Rrrratsch. Im Restaurant Margarete geht von unsichtbarer Hand der raumhohe Vorhang zu. Mit einem Ruck ist der Mensch allein – hinter den Vorhang verwiesen. Eben noch verteilte sich kreuz und quer auf den Tischen zurückgelassenes Geschirr, die Reste einer gepflegten Mittagstafelrunde. Die Gäste sind längst gegangen und alles ist still.

Der Mensch blickt sich verstohlen um und denkt nach. Denn Worte sind in aller Stille gegenwärtig. Schriftgut und Lesestoff an allen Seiten, aufgestellt, hingehängt, angepinnt, aufgestapelt. Der Mensch fühlt sich angesprochen. Und außerdem unbeobachtet. Ein Titel steht über allem: „Staubdecken/Wortwolken“ lautet der. Den Raum könnte man wohl die gute Stube der Schriftsteller nennen, seit 20 Monaten als „Fenster zur Stadt“ eingeführt.

Aber wer war eigentlich, fragt sich insgeheim der Mensch, Horst Bingel?

Vorsichtig bewegt sich der Mensch in die Ecke mit den abgegriffenen Büchern im Regal. Bleibt hängen an einem jahrzehntealten Heft MERIAN Frankfurt, ein Foto der Frankfurter Opernhausruine auf dem Titelblatt. Beim Fenster drängt sich ein aufgeschichteter Zeitungsstapel in den Blick. Seit Eröffnung der Hommage an den Autor Bingel, der jetzt 80 Jahre alt geworden wäre, ist der Stapel stabil. Ganz oben liegt „Bild“: „Stürzt die Regierung?“ (25. April 1972). Ein Brief hängt aus dem Papierpacken raus, dem Mensch fällt ein Satz ins Auge: „Wir beantragen die Gewährung einer Zuwendung von 20.000 DM. . .“ Auch ein Notizzettel kommt zum Vorschein: „Ausrangierte Gedichte nachsehen, ob das 1 o. andere besteht bzw. der eine oder andere Autor doch wieder aufgenommen werden sollte“.

Horst Bingel ganz privat. Der Gast in der Literatenstube fühlt sich beim Schnüffeln ertappt.

In der Ecke gegenüber steht Wolfgang Schopf und wartet. Dass dem Besucher ein Licht aufgeht. Dass einem seine Inszenierung einleuchtet. Schopf, der Uni-Literaturwissenschaftler und Archivar, hat den Überraschungsmoment einkalkuliert. Lachend versichert er: „Man kann sich alles nehmen!“ Nächte hat er damit verbracht Papiere und Papierchen aus Bingels Nachlass einzuscannen. Schopf kuratiert die Ausstellungen im „Fenster zur Stadt“ des Restaurants „Margarete“. Was er da macht, betrachtet er als „unakademische Vermittlung von Literatur- und Verlagsgeschichte in kulinarischem Rahmen“. Samt „Bild“ habe er den Zeitungsstapel in Horst Bingels Westend-Wohnung vorgefunden. Mit all den Briefen, den Notizen dazwischen: „Die purzelten da raus.“ Von dem Schriftsteller, 2008 gestorben, existiere bis heute „eine durch Staub konservierte Arbeitssituation“.

Bei einem Umzug innerhalb der Wohnung habe er an seinem Schreibtisch alles stehen und liegen gelassen. Seitdem sind dort die ganzen Bücher („Eremitenpresse“) und Briefe (einer von Karl Krolow) unter einem wolkigen Gewölle aus Staub verschwunden. Außerdem Stempel, Stifte, aufgeschichtete Spiralblocks und eine Menge übereinandergetürmter Mon-chérie-Schachteln.

Bingels Witwe hat den Ausstellungsmacher das Stillleben in der Wohnung ablichten lassen. Auch diese Fotos sprechen in der Braubachstraße jetzt für sich. Und von der zurückgezogenen Existenz eines Autors, der „schrieb, schrieb, schrieb“. Vor allem Gedichte. Mit einem Arsenal von Hochprozentigem unter dem Schreibtisch. Flaschen mit Whisky, Wodka und Gin sind von ihm ausgestellt. Denn „keine hat er angerührt“.

Ein junger, aber auch altmodischer Gedanke

Das Fenster zur Stadt ist ganz was Neues, aber in einem sehr alten Haus und in einer alten Straße. Wer des Wegs kommt, wird mit dem Fenster, dem Haus, der Straße seine Geschichte haben. Man sieht das Separee im Vorbeigehen leuchten, man nimmt wahr, wie das Personal drinnen die Tischdecken zurechtzieht. Man könnte glauben, dass all das schon immer dagewesen ist.

„Wie schön“, sagt der Margarete-Wirt Simon Horn zu solchen Gedanken. Der ist ganz jung, aber außerdem altmodisch. Denn genauso altertümlich wollte er es haben: „Es war ja unsere Idee.“ Der Grundgedanke ist, dass „wir kochen, und Herr Schopf bringt die Literatur dazu.“

In 20 Monaten hat Wolfgang Schopf hinter dem schweren Vorhang zum Gastraum das Hab und Gut von zehn Autoren präsentiert, toten wie lebenden. Der verstorbene Friedrich Karl Waechter war einer der ersten, die quicklebendige Juli Zeh eine der letzten. Dem Literaturwissenschaftler kommt „die Zahl zehn erschreckend“ vor. Wahrscheinlich, weil neun der Inszenierungen, schon wieder weggepackt sind.

„Manchmal leben die Dinge noch ein bisschen“, berichtet er. Dann wandern die ganzen Geschichten in Kisten.

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop