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Lichter Filmfest „Wir wollen eines der größten Filmfestivals werden“

In wenigen Tagen startet die 10. Ausgabe des Lichter Filmfests in Frankfurt. Schon lange ist es weit mehr als nur eine Plattform für regionale Kinostreifen.

Lichter Filmfest
„Nuts“ erzählt die wahre Geschichte eines US-Wunderdoktors, der impotenten Männern in den 1920er Ziegenhoden eingepflanzt hat. Foto: Nuts

Notorisch vibriert ihr Handy, das auf stumm geschaltet ist. Johanna Süß bestellt sich erstmal einen Cappuccino mit doppeltem Espresso. Schubert kommt ein paar Minuten später ins Café, sein Handy noch am Ohr. Ihr Büro ist gegenüber auf der Leipziger Straße. Es sind nur noch wenige Tage bis zum Lichter Filmfest. Und es ist ein ganz besonderes für die beiden Festivalleiter. Es ist nämlich die zehnte Ausgabe. Gregor Maria Schubert (46) ist Gründungsmitglied, Süß (37) kam im Folgejahr dazu. Neben regionalen Filmen gibt es auch viele internationale Kinofilme: Diese bringen in diesem Jahr das Thema Wahrheit in Zeiten von Fake News auf die Leinwand. Die Tickets sind beliebt. Der Eröffnungsfilm „The Distinguished Citizen“, die argentinische Oscar-Einreichung, ist bereits ausverkauft.

Einer Ihrer Filme, der sich mit Wahrheit beschäftigt, ist der US-Film „Nuts“. In den 1920er Jahren hat sich ein mittelloser US-Amerikaner als Wunderdoktor ausgegeben und ist so superreich und mächtig geworden: Er behauptete, Männer wieder potent zu machen, indem er ihnen Ziegenhoden einpflanzte. Eine wahre Geschichte…
Johanna Süß: Ja. Kaum zu glauben, oder? Angebliche Patienten des selbsternannten Arztes bezeugten die Heilwirkung. Diese Erfolge waren natürlich fake. Diese Männer wurden von ihm bezahlt. Tatsächlich starben viele Patienten beim Eingriff.
Gregor Maria Schubert: Der Film war ein Publikumsliebling beim Sundance Festival. Bei uns feiert er seine Deutschlandpremiere. Es ist teilweise Animation. Man sieht aber auch alte Aufnahmen und nachgestellte Szenen. Über seine eigene Radiostation hat Dr. John Romulus Brinkley landesweit seine Lügen verkündet. Die ganze Region profitierte von seinem Erfolg. Es haben sich sogar Firmen angesiedelt. Das beweist doch, dass so eine Hochstapelei damals wie heute in den USA funktioniert. Der Film ist unser Statement zu Trump. (lacht)

Hat Sie also Donald Trump zu Ihrem diesjährigen Thema inspiriert?
Schubert: Die Idee kam deutlich früher. Eigentlich schon vor zwei Jahren. Das war die Phase, in der die Russen die Ostukraine annektiert haben und Putin aber mit seiner riesigen Propaganda-Maschine behauptete: „Die Russen sind es nicht gewesen.“ Es war die große Zeit der Whistleblowers und der Shitstorms. Nun sind es Roboter, die Fake News raushauen und dann kam erst Trump.
Süß: Lustigerweise hatten wir vor ein paar Monaten eine Pressemitteilung verschickt, die aus offensichtlichen Lügen bestand. Das war ein Gag, aber von einigen Medien wurde dieser eins zu eins übernommen. Da stand, dass der berühmte Scientologe Tom Cruise unser Schirmherr wird…

Schirmherrin ist nun doch nicht Tom Cruise, sondern die renommierte Filmemacherin Doris Dörrie („Männer“) geworden. Sie zeigt „Grüße aus Fukushima“. Dieser handelt von einer Deutschen, die mit einem Clown zusammen Überlebenden der Katastrophe von 2011 Lebensfreude wiedergeben möchte…
Schubert: Auch wenn es ein Spielfilm ist, treibt es Dörrie nun oft sehr ins Dokumentarische. Die Frage nach Wahrheit beschäftigt sie gerade sehr. Sie sagte, das sei auch ein Grund, warum sie uns zugesagt hat. Der andere, dass sie mit großer Bewunderung wahrnimmt, wie sehr wir uns in Frankfurt für die Filmkultur stark machen.

Wie kam eigentlich die Idee im Jahr 2008, das Lichter Filmfestival zu gründen? Eigentlich wollten Sie doch selbst Filme machen, Herr Schubert?
Schubert: Das habe ich auch. Aber ich stand immer schon zwischen den Stühlen. Einmal wollte ich meiner eigenen Kreativität Ausdruck verleihen, ich habe an der HfG in Offenbach studiert. Aber ich hatte auch immer wahnsinnig viel Spaß daran, die Arbeiten anderer zu zeigen. Mein Impuls war, dass es damals kein Festival gab, das sich den regional Filmschaffenden gewidmet hat. Mit ein paar Freunden habe ich im alten Atelier Frankfurt unweit des Hauptbahnhofs einen Ausstellungsraum umgebaut und dann im Keller ein Kino mit Sofas eingerichtet. Das war so eine richtig Mythos bildende Underground Geschichte. (lacht)
Süß: Irgendwann mussten wir uns weiterentwickeln, um weiter zu bestehen. Vor sechs Jahren haben wir uns von dem Gedanken verabschiedet, nur noch für die regionale Filmszene da zu sein. Wir holten Filme aus der ganzen Welt nach Frankfurt.
Schubert: Das sind größtenteils Filme, die der Zuschauer sonst gar nicht im normalen Kino zu sehen bekommt, da die Programmauswahl von großen Kinos, aber auch von kleinen Arthouse-Kinos einfach anders funktioniert. Das sind zum Teil große Filme: Wir zeigen den Venedig-Gewinner 2016: „The woman who left“. Dieser hatte bislang nur zwei Festivalteilnahmen in Deutschland. Diesen Film in Frankfurt sehen zu können, ist eine einmalige Chance.

Um was geht es?
Süß: Um eine Frau auf den Philippinen, die 30 Jahre zu Unrecht im Gefängnis sitzt. Als sie entlassen wird, begibt sie sich auf die Suche nach ihren Kindern und ihrem Mann. Aber sie will sich auch an demjenigen rächen, der verantwortlich ist, dass sie unschuldig im Gefängnis saß.

Also so etwas wie die philippinische Version von Kill Bill?
Süß: Ja, kann man so sagen. (lacht) Er ist auch ähnlich lang. Also wie die beiden Kill-Bill-Teile zusammen. Drei Stunden und 46 Minuten.

Wie groß ist der Andrang beim Lichter Filmfest?
Schubert: Der Run auf die Karten war vergangenes Jahr im Mousonturm ohne Worte. Wir wollen über kurz oder lang eines der größten Festivals in Deutschland werden. Eine Stadt wie Frankfurt sollte schon in der Lage sein, sich so ein großes Festival zu gönnen. Das machen andere Städte wie Köln, Hamburg und München auch.

Wer fördert Sie und reicht das Geld?
Süß: Hauptförderer sind das Kulturamt, der Kulturfonds FrankfurtRheinMain, HessenFilm und Frankfurter Stiftungen wie beispielsweise die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Dr. Marschner Stiftung, Aventis Foundation – darüber sind wir sehr dankbar. Wir bekommen aufgrund von Veränderungen in der Förderpolitik inzwischen mehr als in den Vorjahren. Da das Festival stetig wächst, hat sich die finanzielle Situation jedoch kaum verbessert. Deshalb funktioniert es nur mit einer großen Portion Idealismus. Für mich und Gregor ist das mehr als ein Full-Time-Job. Die meisten anderen arbeiten auf ehrenamtlicher Basis.
Schubert: Das Festival bräuchte das Doppelte an Geld. Es hat so viel Potenzial, größer zu werden. Wir wünschen uns mehr Unterstützung. Ohne uns wäre der regionale Film so gut wie unsichtbar.

Was ist denn ein regionales Film-Highlight, für das es auch noch Tickets gibt?
Süß: Unser Liebling ist „A Gravame – Das Stahlwerk, der Tod, Maria und die Mütter von Tamburi“ vom Frankfurter Filmemacher Peter Rippl. Ein toll erzählter Dokumentar-Film in Schwarz-Weiß. Es geht um die kleine Stadt Tarent in Süditalien, dessen sanierungsbedürftiges Stahlwerk wegen Missmanagements und Umweltzerstörung seit Jahren in den Schlagzeilen steht. Die Folgen: Viele Arbeiter sind gestorben oder haben Krebs. Die „Settimana Santa“, die feierliche Karwoche in Süditalien, wird zum Symbol ihres Trosts.

Es läuft auch die Dokumentation über Dennis Hopper „Uneasy rider“...
Schubert: Hermann Vaske ist einer der wenigen Filmemacher und Regisseure, die in Frankfurt produzieren. Er kennt halb Hollywood. Ihm haben wir nun auch zu verdanken, dass Michael Madsen, der zuletzt als „Cowboy Joe“ in Tarantinos „The Hateful Eight“ zu sehen war, nun der Protagonist unseres offiziellen Trailers ist.

Wow, also haben Sie Stalburg-Macher Michi Herl in seiner Funktion als Trailer-Mann ausgetauscht. Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Schubert: Vergangenes Jahr ist in den Koalitionsverhandlungen festgehalten worden, dass Frankfurt ein Festival- und Medienhaus bekommen soll. Wir haben diese Forderungen schon lange formuliert. Wir glauben, wir wären die Richtigen, um dieses Haus mit zu entwickeln, das Filmemachern, Festivalbetreibern, Publikum und Branche eine gemeinsame Heimat geben könnte.

Interview: Kathrin Rosendorff

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