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Libeskind "One Day in Life" Konzerte im OP-Saal und im Boxring

Ein Orchester im Rebstockbad, eine Sitar im OP-Raum, ein Flügel im Boxring: Das Projekt des Stararchitekten Daniel Libeskind mit Musik an ungewöhnlichen Orten kommt gut an. Und dieser schwärmt von Frankfurt.

Projektchef Daniel Libeskind lauscht den Klängen aus dem Boxring. Foto: Monika Müller

Es ist kurz nach 1 Uhr morgens, als im Rebstockbad spontan applaudiert wird. „Da ist der Mann, der uns das alles ermöglicht hat“, ruft ein Mann aus einer kleinen Gruppe von Best Agern. Daniel Libeskind lächelt scheu, nickt freundlich und geht weiter Richtung Caféteria.

Kurz zuvor haben rund 500 Menschen ein Konzert in der Schwimmhalle genossen. Das Vox Orchester steht auf dem Badesteg des 50-Meter-Beckens, auf dem Fünf-Meter-Turm hat es sich Akkordeonspieler Stefan Hussong gemütlich gemacht. Verkehrte Welt im Rebstockbad, die Becken sind leer, die Tribünen und Liegestühle gut gefüllt. Die Konzertbesucher nutzen die Programmhefte, um sich Luft zuzufächern. Die mitternächtliche Bekleidung ist bei den 34 Grad in der Schwimmhalle ein bisschen zuviel des Guten. Dann ist die Wassermusik von Georg Friedrich Händel zu hören, und das Publikum lauscht andächtig. Wer droht einzuschlafen, wird von Hussong wachgehalten, der Sofia Gubaidulinas eher experimentelles Musikstück De Profundis zum Besten gibt. Hussong klingt ein bisschen wie ein schwer erziehbarer Junge, der immer dazwischentrötet. Ein Bonmot des Schauspielers Michael Caine kommt einem in den Sinn: Ein Gentlemen ist ein Mann, der Akkordeon spielen kann, aber es nicht tut.

Doch das Publikum ist von der ungewöhnlichen Mischung an diesem ungewöhnlichen Ort begeistert. „Ich fand das großartig“, sagt Ralf Spang. Der Frankfurter geht hier seit 25 Jahren einmal wöchentlich schwimmen. „Das wird für mich von der Wahrnehmung her jetzt ein völlig anderes Gebäude. Sonst läuft hier immer ganz scheußliche Musik, aber hiervon werde ich noch Jahre zehren.“ Auch andere Besucher sind begeistert von der Akustik des Rebstockbades, wenn es statt Kindergeschrei mal klassische Musik zu hören gibt.

Sechs Stunden vorher, ein gutes Stück weiter östlich in der Stadt: Auf einem OP-Tisch des Heilig-Geist-Hospitals thront ein Mann barfuß im Schneidersitz. Er hält eine Sitar in der Hand und sieht indisch aus. Die Menschen, die drumherum stehen, eher nach Westend. Wo sonst niemand hin will, drängeln sich jetzt 50 Menschen. Indische Ragas im Operationssaal. Die OP-Schwestern verteilen Programme, an der Wand hängen Röntgenbilder. Ergänzt werden die Improvisationen durch Marin Marias Suite Nummer sieben in E-Moll, dargebracht von Vanessa Heinisch an der Theorbe und Matthias Bergmann an der Gambe. Die Musik klingt zunächst, als sei die jüngste Operation misslungen, ziemlich traurig. Doch das furiose Finale von Ashok Nair an der Sitar reißt alle mit. Bravo-Rufe sind zu hören, was in einem OP wohl eher selten vorkommt. Mittendrin im applaudierenden Pulk steht auch Libeskind. Den Ort habe er wegen der heilenden Wirkung der Musik ausgewählt, sagt der Architekt, der früher selbst Berufsmusiker war und damit sogar Preise gewonnen hat.

Flügel auf einer nachgebauten Laderampe

Stephan Pauly, den Intendanten der Alten Oper, hat diese Tatsache wohl dazu inspiriert, den New Yorker mit polnischen Wurzeln zu fragen, ob er nicht Lust zu einem Musikprojekt in Frankfurt hätte. Hatte er. Libeskind verband seine beiden Leidenschaften und entwarf das Projekt, Musik an ungewöhnlichen Orten zu spielen. Seiner Heimatstadt New York hat er Ground Zero geschenkt. Berlin das Jüdische Museum, Frankfurt One Day in Life. 200 Musiker spielen binnen 24 Stunden 75 Konzerte an 18 Orten. Jeder Ort soll dabei für eine Grunddimension menschlichen Daseins stehen. Der Auftritt im Rebstockbad ist mit „Schwerkraft“ überschrieben, der im OP mit „Körper“.

Die Deutsche Nationalbibliothek hat Libeskind ausgewählt, weil er Texte für so wichtig hält. „Ich habe noch nie so viele Bücher gesehen“, staunt der 70-Jährige im Magazin der Bibliothek, wo es Lagerflächen für 18 Millionen Bücher gibt. Auch für die Künstler selbst bietet Libeskinds Projekt Neuheiten. „Ich habe noch nie gegen eine Bücherwand gesungen“, sagt Mezzosopran Susanne Rohn und zählt einige Neuerscheinungen aus dem Jahr 2013 auf. Für die Besucher ist es zudem die Möglichkeit, das sonst nicht zugängliche Magazin mal zu Gesicht zu bekommen.

Auch das nicht weit entfernte Rettungs- und Trainingscenter der Feuerwehr macht für das Projekt seine Türen auf und nutzt die Veranstaltung gleich noch für eine Geräteschau. Wer mag und ein bisschen Geduld mitbringt, wird mit der Drehleiter samt Rettungskorb in schwindelnde Höhen mitgenommen. Ziemlich weit oben stehen auch Aglaya Gonzales mit ihrer Violine und Kohei Ota mit seiner Laute. Sie linsen aus dem dritten Stock eines Übungsgebäudes, in dem ansonsten Brände simuliert und gelöscht werden. Die beiden wirken wie ein Pärchen, das sich spontan zum Musizieren ans heimische Fenster gestellt hat. Sie geben die Rosenkranz-Sonaten von Heinrich Ignaz Franz Biber zum besten und ernten dafür stürmischen Applaus, auch wenn es nicht jedem gefallen hat. „Die Spielstätte wird der Virtuosität der Künstler nicht ganz gerecht“, vermutet Detlef Welde, der regelmäßiger Besucher der Oper ist. „Das klang etwas verwaschen, so wie vorletzte Reihe im Großen Saal der Alten Oper“, sagt er noch. Deutlich besser kommt Ludwig van Beethovens Sinfonie Nr. 5 zur Geltung, die Christian Fritz in einer Klaviertranskription von Franz Liszt vorträgt. Sein Flügel steht allerdings auch nicht in luftiger Höhe, sondern auf einer nachgebauten Laderampe.

"Die Menschen sollten nach Frankfurt kommen"

Zu guter Letzt müssen die etwa 200 Besucher ein Stück von Karlheinz Stockhausen vom Tonband ertragen. „Gesang der Jünglinge im Feuerofen“ – der Titel ist eher verharmlosend. Die Akustik ist gut, und die fünf Lautsprecher an unterschiedlichen Orten zeigen die ganze schaurige Bandbreite des Stückes. „Vielleicht mit Drogen?“, raunt ein Mann seiner Begleiterin zu. Der erleichterte Applaus nach dem Stück klingt ein bisschen wie der bei einer Landung nach sehr unruhigem Flug.

Für das Projekt ist es Intendant Pauly und Architekt Libeskind auch gelungen, einen echten Star zu engagieren. Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard, der sonst weltweit die großen Konzerthäuser füllt, ist an diesem Sonntagmorgen im Boxcamp Gallus zu Gast, einem zusammengezimmerten Flachbau, in dem sonst eher keine klassische Musik zu hören ist. Dafür sitzen heute Menschen im Publikum, die sonst wohl eher nicht zum Boxen gehen. Wie überhaupt gesagt werden muss: Falls die Alte Oper mit dem Projekt im Sinn hatte, ein neues Klientel für klassische Musik zu begeistern, ist dies eher fehlgeschlagen. Im Publikum sitzen bei allen Veranstaltung diejenigen, die auch ansonsten der klassischen Musik gewogen sind. Aimard dürfte noch nie in einem Boxring, zwischen Punchingbällen und Doppelglasfenstern konzertiert haben. Er erscheint ohne Einlaufmusik, zwängt sich durch die Ringseile und liefert eine furiose Interpretation von van Beethovens Klaviersonate Nr. 31. Da er während der anschließenden langanhaltenden Ovationen zwischendrin nicht hinter einem Bühnenvorhang verschwinden kann, läuft er einfach ein paar Mal den Gang auf und ab.

Geboxt wird danach nicht, aber dafür durften die Besucher im Rebstockbad nach dem Konzert noch zwei Stunden schwimmen. Libeskind macht davon keinen Gebrauch, aber er ist nach dem spontanen Applaus der kleinen Besuchergruppe doch noch kurz stehengeblieben. „So einen Tag hatte ich noch nie in meinem Leben“, sagt er und gerät ins Schwärmen über Frankfurt. „Alle Welt spricht immer über Berlin, aber die Menschen sollten eher nach Frankfurt kommen. Hier gibt es die besten Museen, die beste Musik und die besten Einwohner.“ Auch für Libeskind war es ein besonderer Tag im Leben.

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