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Letzte Spielzeit Im Volkstheater fällt der Vorhang

Nach 42 Jahren schließt das Frankfurter Volkstheater seine Pforten. Grund für das Aus sei der geplante Abriss des Gebäudes neben dem Goethe-Geburtshaus in der Innenstadt.

Vor der Ahnenreihe im Volkstheater (von links): Bärbel Christ-Heß und Giesela Dahlem-Christ. Foto: Monika Müller

Die Teilnehmer der Pressekonferenz sind wie erstarrt, der Kulturdezernent ist säuerlich, die Theaterleiterin den Tränen nahe: Am Freitagmittag hat das „Volkstheater Liesel Christ“ eine denkwürdige Vorstellung gegeben.

Die Kulisse zeigte sich eigentlich unverändert: Auf dem Tresen stand der grau-blaue „Spendenbembel“, hinter der Theke thronte wie all die Jahre der sorgsam polierte Frankfurter Schrank – und von den Wänden blickte die unvergessene „Mama Hesselbach“ Liesel Christ nach wie vor milde auf die Szene. In Wahrheit aber lief eine Programmänderung: Nächstes Jahr soll all das, das Volkstheater im Cantantesaal, Geschichte sein. Schon ist, nach 42 Jahren, im Mai 2013 die Abschiedsvorstellung terminiert.

Der 50er-Jahre-Bau wird für marode erklärt, die Finanzmittel für erschöpft und die Prinzipalin Dahlem-Christ für unwillig gegenüber dem Umzug an einen anderen Ort. Da rief einer der Besucher der Pressekonferenz: „Aber wir sind das Volk! Es muss doch eine Möglichkeit geben, ein Volkstheater für das Volk zu erhalten!“ Und auch Jutta Thomasius, die als Nestorin der Frankfurter Lokaljournalisten natürlich bereits bei den allerersten Vorstellungen von Liesel Christs Volkstheatertruppe im Publikum saß, mochte es nicht glauben. Die Kollegin ging den Kulturstadtrat Semmelroth direkt an: „Wieso“, wollte sie wissen „hat so ein Theater keine Aussicht auf Fortbestand?“

Das war der Moment, wo Semmelroth sauer wurde. Hatte er nicht gerade das Volkstheater nach den Regeln der Kunst gepriesen und sogar die Art des angekündigten Abgangs gelobt? „Ich finde es gut“, äußerte der Kulturdezernent, „dass Sie es nicht Knall auf Fall machen und eine gute letzte Spielzeit vorbereiten.“

Es war auch der Moment, wo bei Dahlem-Christ die Gefühle aufwallten. Sie hatte doch gerade versprochen, „unserem Publikum eine wunderbare Spielzeit zu bieten“, eine „engagierte, hingebungsvolle und begeisternde“ sogar. Nun sah sie sich aufgerufen, zum „Umgang mit dem Erbe“ Stellung zu nehmen: „Wir haben über die Mutter hier eine schöne Biografie,“ antwortete sie da, „die gibt es nur bei uns.“

Und dann wurde ein Geist beschworen. „Der Geist der darstellenden Künstlerin Liesel Christ“, sagte Semmelroth, werde nicht aus Frankfurt verschwinden. Genauso wenig wie „diese Gattung von Theater“. Wobei jeder im Raum an den Volksschauspieler Michael Quast dachte, der das Volkstheater mit dem dort immer noch lebendigen Geist mal hätte übernehmen sollen. Dem die Stadt aber, weil das nicht geklappt hat, bald mit einem Millionenaufwand ein neues Theater baut, während das schöne Haus mit Liesel Christs Geist nach den Worten der Prinzipalin „ab Mitte 2013 definitiv nicht mehr zur Verfügung steht“ und wohl abgerissen wird.

So läuft das in Frankfurt. Aber gesagt hat es keiner. Semmelroth meinte nur, es sei „nicht vertretbar“, dem Volkstheater, das von der Stadt jährlich 620.000 Euro bekommt, „noch mehr Geld zu geben“. Und fragte dann einer, ob sich für die Kunst des hessischen Volkschauspiels eine Stiftung begeistern lasse, dann möge der sich bei ihm eine Nachhilfestunde in Stiftungswesen geben lassen.

Einmal ist alles zu Ende“, haben sich die Christ-Töchter abgefunden. Mag sich die neue, quicklebendige und erfolgreiche Spielleiterin Sylvia Hoffman auch „an der Kasse lange Schlangen“ wünschen; die Theatergeschäfte wird sie nicht weiterführen. Denn erstens „hat mich keiner gefragt“. Und zweitens sei sie ja „noch älter“. Shakespeares Komödie „Ende gut, alles gut“ steht am Ende aller Spielpläne des Frankfurter Volkstheaters – als „Klassiker im hessischen Sprachgewand“. Mag die Bühne auch untergehen, bemerkte Hoffman – „mit der Kultur geht es immer weiter“.

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