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Lesefest in Frankfurt „Bis die Sätze Musik hatten“

Zur Eröffnung des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch“ erzählt Anna Seghers' Sohn von der Arbeitsweise der Autorin.

Eröffnungsveranstaltung "Frankfurt liest ein Buch", Deutsche Nationalbibliothek, Frankfurt, Bild x von 14
Der 91-jährige Pierre Radvanyi reiste aus Frankreich für das Festival an, das seine Mutter ehrt. Foto: Michael Schick

Er muss nur „guten Abend“ sagen, da erntet Pierre Radvanyi bereits Applaus. Denn dass der 91-Jährige aus Frankreich angereist ist, um der Eröffnung des Lesefestes „Frankfurt liest ein Buch beizuwohnen“, das alleine nötigt den Gästen in der Deutschen Nationalbibliothek schon Respekt ab. Umso ergriffener lauschen sie den Worten, mit denen Radvanyi nun von seiner Mutter Anna Seghers erzählt, deren Roman „Das siebte Kreuz“ im Fokus der Veranstaltungsreihe steht.

„Die Mutter schrieb einen neuen Roman“, erinnert er sich vor einem an die Wand projizierten Bild der Schriftstellerin an das Jahr 1938, als die Familie bereits im französischen Exil lebte. „Wenn schönes Wetter war, setzte sie sich unter einen Baum an einen kleinen Klapptisch und arbeitete am ,Siebten Kreuz’.“ Manchmal, sagt der 1926 geborene Radvanyi, ging die Mutter mit ihm und seiner jüngeren Schwester Ruth im Wald spazieren. Dann habe sie plötzlich an einem Satz gefeilt, ihn laut vor sich hergesprochen, bis er ihr gefiel. Er zitiert einige der Worte, die er seither im Kopf hat, und schließt: „So hat sie gearbeitet. Sie wollte, dass die Sätze eine gewisse Musik hatten, dass man sie schönfand.“

Prominent besetztes Podium

Viele dieser schönen Sätze und der ernsten Geschichte einer Flucht aus dem Konzentrationslager, die sie formen, waren vor Radvanyis Rede bereits erklungen. Wertschätzende Grußworte von Nationalbibliotheks-Generaldirektorin Elisabeth Niggemann, der Leiterin des städtischen Literaturreferats, Sonja Vandenrath, der „Frankfurt liest ein Buch“-Vorsitzenden Sabine Baumann und von Constanze Neumann vom Aufbau-Verlag hatten den Abend eröffnet.

An einer langen Tafel auf der Bühne saßen dann der Schriftsteller Jan Seghers, die Moderatorin Bärbel Schäfer, Schauspiels-Intendant Anselm Weber, Schüler Marius König, die Direktorin des Jüdischen Museums, Mirjam Wenzel, die Leiterin des Deutschen Exilarchivs Sylvia Asmus, der Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, Alexander Skipis, und HR-Journalistin Daniella Baumeister. Nacheinander trugen sie Passagen aus Seghers‘ Roman vor. Von der Flucht des Protagonisten Georg Heisler aus dem KZ Westhofen, von seinem Weg nach Mainz, wo ein jüdischer Arzt seine verletzte Hand versorgt, von der Zuflucht bei einem Frankfurter Freund, bis hin zur letzten Einkehr in einem Gasthof am Rhein, wo er den Abend mit einer Kellnerin verbringt, ehe er an Bord des rettenden Schiffs gen Holland geht.

Dass auch die Familie Seghers-Radvanyi dramatische Fluchterlebnisse zu verarbeiten hatte, verdeutlichten Pierre Radvanyis Erinnerungen an das Jahr 1940, als die Wehrmacht Frankreich erreichte und die Familie erneut fliehen musste. Sie haben überlebt. Pierre Radvanyi und die vielen Bücher seiner Mutter, die er zum Abschluss des Abends signiert, sind Zeuge.

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