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Leo Fischer „Aufreger lassen sich nicht planen“

Titanic-Redakteur Leo Fischer über seinen Rauswurf beim „Zeit“-Magazin, Medien im Allgemeinen und Gemeinsamkeiten zwischen der FR und Monica Lierhaus.

Leo G. Fischer
Heroes-Burger-Geschäftsführerin Nazanin Soda wird Leo Fischer bei der Bundestagswahl auf jeden Fall ihre Stimme geben. Foto: Peter Juelich

Das Treffen findet im Heroes Burger statt, einem hippen Schnellimbiss im Nordend. Fischer hat dem Redakteur der FR ein Essen auf Redaktionskosten aus den Rippen geleiert, bestellt dann aber wie zum Hohn nur Chicken Nuggets. „Ohne diesen Laden wäre ich nicht der, der ich heute bin“, sagt Fischer, „sondern drei Kilo leichter.“ Der Rest des Gesprächs erfolgt schmatzend.

Herr Fischer, darf ich Sie Herr Sonneborn nennen?
Bitte nicht!

Warum denn nicht?
Weil da relativ wenig Verwechslungsgefahr besteht.

Es gibt ja immer noch Leute, die halten Martin Sonneborn (Chefredakteur des Satiremagazins „Titanic“ von 2000 bis 2005) für lustiger als Sie …
Die haben sicher recht. Wir machen sehr unterschiedliche Dinge. Im Hause Titanic ist Platz für viele Wohnungen.

Haben Sie inzwischen schon der Familie von Mehmet Scholl kondoliert? Immerhin haben Sie über den Twitter-Account des „Zeit-Magazins“ sein Ableben verkündet.
Nein. Das war zugegebenermaßen ein journalistischer Schnellschuss. Ich hatte eine begrenzte Informationslage. Da kamen diese ganzen Eil- und Pushmeldungen auf mein Handy. Ich weiß nicht, wie es bei Ihnen ist, aber ich sehe bei den Pushnachrichten ja immer nur die ersten drei Wörter. Das war eben: Mehmet Scholl ist … Ich dachte: Was kann denn so wichtig sein mit Mehmet Scholl, dass da Dutzende Pushnachrichten kommen? Also habe ich zum journalistisch bewährten Mittel der freien Assoziation gegriffen. Und damit hatte ich ja auch eine Zeit lang den Scoop.

Soweit so legitim …
Dass ich das nachher richtigstellen musste, ist eigentlich auch nur bewährte Praxis.

Warum heuern Sie bei einer Publikation an, die Sie selbst schon als „Verbandszeitschrift der deutschen Studienräte“ bezeichnet haben?
Von Anheuern kann ja gar keine Rede sein. Ich wurde gebeten per Anschreiben des betreuenden Redakteurs. Ob ich nicht Lust hätte, wie – ich zitiere – viele führende Journalisten vor mir eine Woche lang den Twitter-Account zu betreuen. Ich habe natürlich sowohl das „führend“ als auch die Bezeichnung „Journalist“ empört zurückgewiesen. Dennoch hieß es, ich könne mich da eine Woche lang austoben. Insbesondere hieß es, dass auch „Titanic“-Inhalte kein Problem seien.

Und wie sind Sie an diese anspruchsvolle Aufgabe herangegangen?
Ich habe es zunächst mit dem versucht, was ich vom „Zeit-Magazin“ her kenne: Schamloses Heranwanzen an die Leserschaft. Feel-Good-Berichterstattung und so …

Das hat nicht so richtig gezogen?
Nö. Ich hatte schnell das Gefühl, dass das Medium da nicht ganz ausgereizt wird. 

Wie muss man sich das vorstellen, wenn einem die „Zeit“ den Twitter-Account wieder abnimmt. Ruft dann Giovanni di Lorenzo (Chefredakteur der „Zeit“) an?
Nein, in dem Fall kam die Mitteilung von „Bild“-Chefredakteur Julian Reichelt, der den „Zeit“-Kollegen sozusagen per Twitter bedeutete, welche Beiträge nun zu löschen seien. Was dann auch sofort geschehen ist. Eine Minute später konnte ich mich auch schon nicht mehr auf dem Twitter-Account einloggen.

Keine persönliche Nachricht?
Nichts. Es wurde sofort das Passwort geändert. 

Schon ein bisschen stillos …
Dabei hat das „Zeit-Magazin“ sogar einen Stilredakteur. 

Ja, aber warum haben Sie sich denn auch in die Niederungen der „Zeit“ begeben, wo sie regelmäßig für ein angesehenes Blatt wie das „Neue Deutschland“ schreiben?
Naja, das „Zeit-Magazin“ funktioniert ja, im Gegensatz zu vielen Publikationen. Da wollen ja irgendwie alle hin. Ich wollte einfach mal vorne mitspielen. Und eine Zeit lang gab mir der Erfolg auch recht. 

Nach der Erfahrung mit der großen Medienwelt: Welches von diesen Alphamännchen finden Sie eigentlich „sexyer“: Giovanni di Lorenzo, Julian Reichelt oder Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer?
Eigentlich Julian Reichelt. Ich glaube, seine Gefühle sind echt. Diese Tolpatschigkeit, diese Unbeholfenheit, die er immer wieder in den sozialen Medien zeigt, das hat etwas von echter Emotionalität, von echter Energie. Das fühlt sich alles sehr real an. Di Lorenzo, das ist halt ein schmieriger Medienprofi. Und Boris Palmer ist ein alter Mann, der in einem viel zu jungen Körper wiedergeboren wurde.

Solche Typen spießen Sie ja regelmäßig in Ihrer Kolumne im „Neuen Deutschland“ auf. Wer kommt als nächstes? „Zeit“-Kolumnist Harald Martenstein vielleicht?
Den haben wir ja von „Titanic“ aus schon oft behandelt. Das Thema ist ein bisschen fertig. Ich habe das Gefühl, dass sich die Figur, die er da in seiner Kolumne geschaffen hat, ein bisschen verselbstständigt hat, ein bisschen außer Kontrolle geraten ist. Das Martenstein-Monster sozusagen.

Tja, aber diese Art meinungsgetriebener  Journalismus scheint gerade angesagt zu sein …
Man sieht ja, dass reine Nachrichten nicht mehr zu verkaufen sind. Es muss alles immer gleich eingeordnet, mit einem Dreh versehen und am besten schon in einen polemischen Kommentar überführt werden. Das ist nicht aufzuhalten.

Mit Ihrer Kolumne befördern Sie diesen Trend ja auch selbst.
Also im „ND“ drehe ich auch oft durch. Da hat sich die Autorenfigur auch ein bisschen vom Autor entfesselt. Im Grunde ist das auch nur Trollerei.

Wenn Sie sich zum Beispiel nach den G20-Krawallen über den Aufschrei über in Brand gesteckte Autos mokieren …
Das geht in Deutschland natürlich nicht, dass man schlecht über Autos schreibt. Aber ich fand schon bezeichnend, wie die offensichtlichen Gefahren für Leib und Leben bei den Ausschreitungen – auf beiden Seiten übrigens – gegenüber der Nachricht, dass Autos brannten ins Hintertreffen geraten sind. Das passiert ja regelmäßig. Hier in Frankfurt bei Blockupy war es ja ähnlich. 

Jetzt lassen Sie wieder den Linken raushängen. Dabei sind doch gerade Bekenntnisse von Ex-Linken im Trend. Wann kommt da was von Ihnen? Alt genug sind Sie ja.
Ich gehe davon aus, dass es eine starke Korrelation zwischen der Entwicklung der Gehälter der Autoren und ihrer schwindenden Identifikation mit der politischen Linken gibt. Sobald man auf das Ferienhaus spart, steigt die Wahrscheinlichkeit, solche Artikel zu schreiben signifikant. Insofern besteht bei mir da wenig Gefahr.

Naja, immerhin treffen wir uns zum Arbeitsessen im Frankfurter Nordend.
Ja, aber ich bezahl’s ja nicht.

Ja, ja, auf anderer Leute Kosten Burger essen, aber dann einen auf links machen.
Ich find’s irgendwie komisch, wenn man als Linker keinen Spaß am Leben haben soll. Viele Probleme der Linken sind vielleicht darauf zurückzuführen, dass die Sache keinen Spaß mehr macht.

Wo in Frankfurt wohnen Sie eigentlich?
An der Grenze von Bornheim zum Nordend.

Oh! Mehr Gentrifikation geht ja gar nicht. Mal erwogen umzuziehen?
Nein.

Mögen Sie Frankfurt?
Ja. Ich lebe hier seit zehn Jahren und gehe auch nicht mehr weg.

Berlin?
Nein, ich habe ja in Berlin studiert. Die Stadt ist mir einfach zu groß. Liegt vielleicht an meinen provinziellen Wurzeln.

Und Berlin hat nicht die „Titanic“.
Das kommt noch hinzu.

In meinem Umfeld höre ich immer wieder, dass sich die Leute mal wieder eine richtig spektakuläre Aktion von der „Titanic“ wünschen.
Wir machen ständig gute Aktionen. In fast jeder Ausgabe. Die Frage, ob diese die Aufmerksamkeit des Publikums finden, ist für uns nicht steuerbar. Es ist ja nicht so, dass wir Aufreger planen. Das lässt sich nicht planen. Mal ganz davon abgesehen, dass ich das für künstlerisch fragwürdig halte. Aber das Selbstverständnis von „Titanic“ ist, dass wir Witze für uns selbst machen und ein ausgewähltes Publikum daran teilhaben lassen. Dass einige Leute das dann nicht verstehen oder falsch verstehen, ist das Risiko, das wir bewusst eingehen. 

Bei vielen Printprodukten wird das Publikum ja immer „ausgewählter“, um es einmal freundlich auszudrücken. Wie ist die Entwicklung bei der „Titanic“ Ihrer Einschätzung nach?
Ich glaube, wir haben es geschafft, uns auf die Kernleserschaft zu konzentrieren. Und die ist solide und unerschütterlich. Wenn jemand seit 30 Jahren die „Titanic“ abonniert hat, hört er ja nicht plötzlich damit auf. Wir kommen jetzt auch in die Phase, wo die Leute allmählich dement werden und vergessen, was sie alles abonniert haben. 

Sie sind ja auch Direktkandidat für den Bundestag der Partei „Die Partei“. Jetzt hat der türkische Staatspräsident Erdogan indirekt eine Wahlempfehlung für Sie ausgesprochen, indem er zum Boykott von CDU, SPD und Grünen aufruft. Freut sie das?
Natürlich. Mein Kollege Nico Wehnemann und ich haben hier in Frankfurt einen Wahlkampf begonnen, der direkt türkischstämmige Mitbürger integriert. Wir haben festgestellt, dass dieser Teil der Bevölkerung sich leicht mobilisieren lässt und gerne auch extreme Ansichten unterstützt. Daher haben wir uns bedingungslos in eine Pro-Erdogan-Partei umgewandelt. 

Sie mögen aber nicht nur Herrn Erdogan, sondern sind auch Fan der Frankfurter Rundschau, oder?
Ja. Ich vergleiche die FR gerne mit Monica Lierhaus. Erst sehr beliebt, dann eine schreckliche Katastrophe. Doch nach und nach kommt sie wieder auf den Damm, fängt wieder von vorne an und macht allen Leuten Hoffnung.

Interview: Danijel Majic

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