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Leibniz-Preis „Frankfurt ist sehr sichtbar“

Leibniz-Preisträger Rainer Forst spricht im Gespräch mit der Frankfurter Rundschau über Toleranz, Gerechtigkeit und gute Orte zum Philosophieren.

09.12.2011 19:56
Rainer Forst bei einer Veranstaltung im FR-Depot in Frankfurt. Foto: Monika Müller

Superstars sind selten. Auch in der Wissenschaft. Frankfurt darf sich freuen: Mit Rainer Forst hat die Goethe-Uni seit Donnerstag einen weiteren Träger des Leibniz-Preises in ihren Reihen. Das ist, zumal in einer eher selten mit Preisen überhäuften Disziplin wie der Philosophie, fast schon so etwas wie ein Nobelpreis. Im Interview mit der FR erzählt der Professor, was ihn mit der Region verbindet und was seine Wissenschaft in der aktuellen Krise tun kann.

Was bedeutet der Leibniz-Preis für Sie? Gerade auch mit Blick auf die Liste Ihrer Vorgänger in Frankfurt?

Diese wissenschaftliche Auszeichnung ist etwas ganz Besonderes für mich. Es ist einerseits eine Ehre, in die Reihe derer aufgenommen zu werden, die ihn bisher erhielten. Aber in Bezug auf meine Biographie steckt andererseits darin eine spezifische Pointe, denn ich hatte seinerzeit das Glück, dass Jürgen Habermas mich in jene Forschergruppe zur Rechtstheorie berief, die er mit den Mitteln des ersten überhaupt vergebenen Leibniz-Preises ins Leben gerufen hatte. Wenn man so will, nahm somit meine wissenschaftliche Laufbahn durch diesen Preis Fahrt auf. So schließt sich ein Kreis. Ich werde mich bemühen, dem gerecht zu werden, indem ich jüngeren Forschern und Forscherinnen Chancen eröffne.

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Was könnte sich für Sie persönlich ändern durch die Möglichkeit, 2,5 Millionen Euro an Forschungsgeldern zu investieren, ändern?

Ich bin mir nicht sicher und werde es gelassen angehen. Der Preis stellt eine Würdigung meiner bisherigen Forschungsleistungen dar, ist aber natürlich dafür gedacht, diese durch die Verbesserung der Arbeitsbedingungen weiter anzuspornen. So erwarte (oder hoffe) ich eine Mischung aus Phasen der ruhigen Konzentration und der produktiven Belebung, nicht zuletzt durch fortgesetzten internationalen Austausch und die Gruppe von Forschern und Forscherinnen, die ich damit versammeln kann.

Sie haben verschiedene Rufe - auch zu weltweiten Topadressen - abschlägig beschieden. Woher kommt diese Verbundenheit mit der Region?

Schon während meines Studiums verbrachte ich längere Zeit an amerikanischen Universitäten, und ich habe diese Aufenthalte stets sehr genossen, auch spätere Gastprofessuren, insbesondere an der New School for Social Research in New York. So waren die Anfragen und Rufe, die ich erhielt, eine starke Versuchung; die University of Chicago etwa ist ein Ort, an dem ich sehr gut hätte arbeiten können, inmitten sehr beeindruckender Kollegen und Kolleginnen. Und sie hat mir die Absage nicht leicht gemacht. Auch innerhalb Deutschlands gefiel es mir an diversen Orten, etwa an der FU Berlin in den Neunziger Jahren. Frankfurt aber hat sich stets als Gravitationszentrum behauptet, denn für die Art von Philosophie, die ich betreibe, ist dies nicht irgendein Ort. Kaum eine Universität ist so wie unsere mit einer bedeutenden Denkrichtung verbunden, die mich geprägt hat. Schon vor der Einwerbung unseres Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen", den ich mit Klaus Günther leite, gab es in Frankfurt „Cluster“ von Kollegen und Kolleginnen, mit denen mich viel verband und die meine Arbeit bereicherten, aber durch die Mittel aus der Exzellenzinitiative ergaben sich neue Entwicklungen und Möglichkeiten – und viele neue und interessante Leute kamen hinzu. Frankfurt ist auf der Karte akademischer Orte in der praktischen Philosophie und politischen Theorie international sehr sichtbar und kann mit jedem anderen Ort mithalten.

Was können Sie sich vorstellen, mit den nun sogar ja 2,5 Mio. Euro anzustoßen?

Ich kann mir Vieles vorstellen, aber es ist noch früh, dazu etwas Konkretes zu verkünden. Ich habe einige Forschungsvorhaben und –ziele, muss diese nun aber in eine Ordnung bringen, die zu meinen anderen Forschungsverbünden – das ist ja neben dem Cluster auch eine Kollegforschergruppe – passt und zugleich ein eigenes Gepräge hat. Aber die anderen Verbindungen werden dafür sorgen, dass kein isoliertes Projekt entsteht, sondern eines (oder mehrere), das vom Frankfurter Umfeld profitiert.

Zurück zu Ihrer aktuellen Arbeit, zu dem, wofür Sie den Preis erhalten haben: Was sind zur Zeit die wichtigsten Aspekte?

Meine Arbeit dreht sich um Grundbegriffe der politischen Philosophie – Gerechtigkeit, Demokratie, Toleranz, Macht insbesondere -, und ich habe einen bestimmten Ansatz entwickelt, sie zu ergründen und ihnen die kritische Pointe zu verleihen, die ihnen gebührt. Meines Erachtens ist die Gerechtigkeit die Grundforderung danach, dass die gesellschaftlichen Verhältnisse, in denen wir leben, denen gegenüber, die in einer „normativen Ordnung“ leben, angemessen gerechtfertigt werden können. Daher ist die Demokratie die wesentliche politische Praxis der Gerechtigkeit, in der allerdings reflektiert werden muss, dass es bessere und schlechtere Rechtfertigungen gibt, bis hin zu ideologischen, und dass es darauf ankommt, bestehende Rechtfertigungen kritisch zu hinterfragen. Toleranz kommt dort ins Spiel, wo Menschen zwar zutiefst davon überzeugt sind, dass die Meinungen und Praktiken Anderer falsch sind, dabei aber einsehen müssen, dass ihre Gründe nicht ausreichen, diese Meinungen oder Handlungen etwa per Gesetz zu verbieten. Es geht darum, wer wen wozu aus welchen Gründen zwingen darf, um eine Frage der Herrschaft also. Ich versuche demnach, gesellschaftliche Kontexte als Rechtfertigungskontexte zu begreifen und die Logik der Rechtfertigung aufzudecken, die ihnen eigen ist.

Wenn Nicht-Wissenschaftler Begriffe wie „Herausbildung normativer Ordnungen“ oder „Rechtfertigungsnarrative“ hören, verdrehen viele eher die Augen. Zu einem Stichwort wie „gerechte Weltordnung“ können dagegen viele sofort Position beziehen. Wenn Sie denen eine Idee davon geben wollten, worum sich die Arbeit im Exzellenz-Cluster dreht und was das ganz konkret mit der Lebenssituation zu tun hat, wie würden Sie das formulieren?

Wir untersuchen in dem Cluster, wie sich gesellschaftliche Ordnungen als „normative Ordnungen“ herausbilden, also als Ordnungen, die nicht nur faktisch gelten, sondern die beanspruchen, auf Werten oder Prinzipien wie solchen der Gerechtigkeit zu beruhen. Wir versuchen aus der Perspektive ganz unterschiedlicher Disziplinen – der Philosophie, der Geschichts-, Rechts- und Politikwissenschaft, aber auch der Ethnologie und der Ökonomie, der Soziologie und der Religionswissenschaft – die Normen, die dabei eine Rolle spielen, zu rekonstruieren – und insbesondere die Sichtweise der Teilnehmer, also der sozial Betroffenen sichtbar zu machen, die Normen aus Gründen folgen, sie bezweifeln oder verwerfen. Solche Gründe sind aber nicht in isolierter Reinheit anzutreffen, sondern verkörpert in Erzählungen, Symbolen und Institutionen. Wenn wir also erklären wollen, wie sich Gesellschaften verändern, müssen wir die Veränderungen in ihrem normativen Haushalt ergründen – welche Rechtfertigungen dominieren, und wie kommt es, dass eine Legitimation so rasch zusammenbrechen kann, dass der mächtige Herrscher von gestern heute gehasst und morgen verlacht wird? Ein anderes Beispiel: Woran halten wir uns, wenn wir Menschen genetisch „optimieren“ könnten und uns fragen, ob wir das dürfen? Und was auch immer es heißt, von einer „gerechten Weltordnung“ zu sprechen, wird sie eine sein müssen, die auf demokratisch hervorgebrachten Rechtfertigungen beruht; die Gerechtigkeit ist keine göttliche Gabe, sondern eine soziale Errungenschaft.

Vor dem Hintergrund der Superkrise (Euro, Weltwirtschaft, Klima) und den Lösungsansätzen, die von der Ökonomie kommen, ist es geradezu frappierend, wie aktuell die Antworten sind, die Ihre Wissenschaft zu geben hat. Sehen Sie, nun auch mit einem bedeutenden Preis im Rücken, Möglichkeiten auf die politische Willensbildung mit philosophischen Ansätzen Einfluss zu nehmen? Was würden Sie Politikern und Ökonomen mitgeben?
Die politische Philosophie stellt eine Grundlagenreflexion dar, die durch Krisen angeregt wird, in denen es ja nicht nur nebenbei um Gerechtigkeit geht, denken wir an die Frage, wer vom Weltwirtschaftssystem auf welche Weise profitiert und wer nicht. Auch das Thema der ökologischen Gerechtigkeit steht auf der Tagesordnung, wobei zu fragen ist, was wir Menschen schulden, die noch nicht geboren sind. Und wenn es um Europa geht, müssen wir eine demokratische Sprache finden, die aus dem technokratischen Diskurs, der derzeit dominiert, herausführt. Aber die Philosophie würde sich überheben, wenn sie aus ihrer Reflexionskraft heraus allein sich zutrauen würde, Lösungen für komplexe politische und ökonomische Probleme zu liefern; dazu bedarf sie nicht nur der Zusammenarbeit mit den empirischen Wissenschaften, sondern sie muss auch als politische Theorie bedenken, dass es die einem System Unterworfenen selbst sein müssen, die über seine Formen und Gehalte bestimmen. Dabei vermag sie Prinzipien auszuzeichnen und Orientierung zu geben, kann aber keine letzte Autorität im politischen Raum beanspruchen.

Sie wurden vom Spiegel als interessantester Intellektueller ihrer Generation bezeichnet. Kann es sein, dass wir Sie künftig häufiger öffentlich sehen? Es muss ja nicht gleich zur Dauerpräsenz in der allabendlichen Talk-Runden des öffentlichen Rundfunks ausarten.
Für das Kompliment, das auf Thea Dorn zurückgeht und die dies mit dem Aufruf zu stärkerem Engagement verband, danke ich. Wobei zu beachten ist, dass der politische Intellektuelle sich zwar auf seine wissenschaftlichen Kenntnisse beruft, dabei aber wissen muss, dass er als Mitbürger in der politischen Öffentlichkeit spricht, in der er sich der Vielfalt der Überzeugungen und Interessen stellen muss. Er spricht dann primär als Teilnehmer und nicht in der Stimme der einzigen vernünftigen Wahrheit. Ich schalte mich in öffentliche Debatten ein, wenn ich den Eindruck habe, ich hätte etwas Klärendes beizutragen, etwa dort, wo im Umgang mit kulturellen Minderheiten etwas schief läuft oder Grundforderungen der Gerechtigkeit verfehlt werden. Das war vor dem Preis so, und es wird auch nun so bleiben.

Das Interview führte Alexander Kraft.

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