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Landgericht Frankfurt Die Ungesehenen

Eine Ausstellung im Frankfurter Landgericht würdigt die Arbeit der Dolmetscher beim Nürnberger Kriegsverbrecherprozess.

Landgericht Frankfurt
Uniformierte Dolmetscher sind auf den Bildern in Gebäude B des Gerichtszentrums zu sehen. Foto: Peter Jülich

Sucht man derzeit das Gebäude B des Landgerichts auf, passiert die Sicherheitsschleuse, begibt sich in den ersten Stock, wandert durch die zahllosen Gänge und biegt dreimal falsch ab, gelangt man mit viel Glück in einen kleinen Flur, in dem die Ausstellung „Dolmetscher und Übersetzer beim Nürnberger Prozess 1945/46“ zu sehen ist. Selbst hier fällt sie nicht weiter auf: An der Wand hängen Bilder des US-Armeefotografen Ray D’Addario, daneben Schautafeln. Ort und Präsentation sind gut gewählt. Denn gerade beim Dolmetscher gilt: Gut war er dann, wenn keinem aufgefallen ist, dass er überhaupt da war.

Angeklagte, Opfer und Zeugen, Richter, Verteidiger und Staatsanwälte, hin und wieder sogar ein Sachverständiger: Für zumindest kurze Momente haben sie in Strafprozessen die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Publikums. Wenn das dem Dolmetscher passiert, hat er Mist gebaut. Darum sind Dolmetscher auch so selten in den Schlagzeilen. 2015 etwa ist das dem armen Teufel gelungen, der das Treffen zwischen Österreichs Bundeskanzler Werner Faymann und Griechenlands Premier Alexis Tsipras dolmetschen musste. Dort sagte Tsipras Sätze wie „Diese Hybris kommt jetzt, bitteschön, wo wir eine Lösung finden könnten“, und alle gaben dem Übersetzer die Schuld, uneingedenk der Tatsache, dass weltweit Abertausende Politiker ganz ohne Dolmetscher weit sinnfreiere Sätze von sich geben.

Der Bürstädter Zeitung kann man entnehmen, dass dort 2011 die Dolmetscherin in einem Prozess gegen eine litauische Autoknackerbande auf Verlangen der Verteidigung ausgetauscht wurde, weil sie den Satz „Die Post funktioniert nicht“ mit „Meine Post ist blöd“ übersetzt hatte. Ansonsten ist es um die Gerichtsdolmetscher erfreulich still.

Auch in Frankfurt. Vor einigen Jahren bemängelte mal ein Vorsitzender Richter, der durch Jahre im Diplomatischen Corps seine Französischkenntnisse auf die Spitze getrieben hatte, die seiner Meinung nach mangelhafte Übersetzung des Dolmetschers. Am mangelnden Bekanntheitsgrad lässt sich ermessen, welch hervorragende Arbeit die Gerichtsdolmetscher leisten. Sie übersetzen nicht nur, sie moderieren mitunter. Greifen beruhigend ein, ehe Angeklagte Sätze in kleistscher Länge formulieren, die sich kaum noch rekapitulieren lassen. Versuchen mitunter, den Sinn einer Metapher vom Morgen- ins Abendländische zu übersetzen. Je besser sie das machen, desto weniger nimmt man sie wahr.

Womit wir wieder bei der Ausstellung wären. „Ich brauche keinen Rechtsanwalt, ich habe nie etwas mit Anwälten zu tun gehabt, sie würden in diesem Prozess nichts nutzen. Was ich wirklich brauche, ist ein guter Dolmetscher!“ Einen solchen hat Hermann Göring sich als Hauptangeklagter in Nürnberg erhofft.

Falls einem also ohnehin gerade irgendein Prozess gemacht wird oder man aus anderen Gründen bei Gericht zu tun hat: Warum nicht mal versuchen, die Ausstellung zu finden und so den Gerichtsdolmetschern und ihrer hervorragenden Arbeit ein klein wenig Tribut zollen. Denn auch wenn der schönste Applaus für Übersetzer die Nichtbeachtung sein mag, muss das ja nicht auch für Ausstellungen gelten.

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