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Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main Zauber im Garten

600 Veranstaltungen, ein Projekt: „Grüne Kunst für Alle“. Gartendenkmalpflegerin Barbara Vogt führt uns dahin, wo es wächst.

Barbara Vogt | Grüne Kunst für Alle | Frankfurt | 18.04.2017
Barbara Vogt unterm Taschentuchbaum im Brentanopark. Foto: Peter Jülich

Frühlingszauber. Man darf geteilter Meinung darüber sein, ob dies nun tatsächlich der berühmte Frühlingszauber ist, von dem alle reden. Während das Wort im Begriff ist, ein drittes Mal in diesen Text geschrieben zu werden, zaubern draußen heftige Graupelschauer bei gefühlten drei Grad minus die Aprilluft weiß. Aber wie dem auch sei: „Frühlingszauber im Brentanopark“, so steht es geschrieben, gibt es am heutigen Mittwoch in Frankfurt zu erleben. Hans-Peter Burggraf erklärt ihn zwischen halb fünf und halb sieben anhand der Baumriesen, der ungewöhnlich vielfältigen, die auf dem Rödelheimer Terrain stehen. Vom „Goethe-Ginkgo“, alt wie Methusalem, bis zur monumentalen Stieleiche mit ihren fast 30 Metern Höhe.

Dass wir von ihm erfahren, dem Zauber, verdanken wir erstens der Volkshochschule, die in den Park einlädt, zweitens der Kulturregion Frankfurt/Rhein-Main, genauer: ihrem Projekt Garten Rhein-Main. Da wächst im Programmheft zusammen, was zusammengehört an grünen Veranstaltungen der Region. Barbara Vogt, die Projektleiterin, steht gerade im Brentanopark unterm Taschentuchbaum (Davidia involucrata). Wie zum Trotz schwelgt er in schierer Blüte und lässt zahllose tempotaschentuchartige Indizien seiner Fruchtbarkeit im Winde wehen. „Es ist ja alles explodiert“, sagt Vogt, „in diesem Frühjahr.“

Das war keine Kunst, bei der beeindruckenden Frühform, die die Grünphase 2017 an den Tag legte. Mancher Garten mit Forsythien, Krokussen, Schneeglöckchen ist ja schon längst wieder verblüht. „Grüne Kunst für Alle“ heißt dennoch das Jahresthema bei Garten Rhein-Main. Auch wenn der Frühlingszauber heute Nachmittag aller Voraussicht nach eine Mogelpackung bei neun Grad Außentemperatur wird. Künstlerpech.

Im 13. Jahr listet Garten Rhein-Main nun schon auf, was die Region an Veranstaltungen aus der Pflanzenwelt zu bieten hat. Heute, Mittwoch, ist das nicht nur der verzauberte Brentanopark, sondern auch ein Aktionstag am Karbener Rosenhang (10 Uhr). Für den Donnerstag empfiehlt die 215 Seiten starke Übersicht die Ausstellung „Wilde Rosen – starke Frauen“ in Steinfurth und den Wildkräuter-Workshop mit Kräuterhexe Regine Ebert in Schwalbach.

Mehr als 600 Tipps in gut 100 Gärten kommen auf diese Art zusammen für die Zeit von Anfang April bis Weihnachten. Barbara Vogt, 55, betreut die Veranstaltungsreihe seit 2015. Sie pflanzt Ideen, lässt Verästelungen sprießen im Verbund mit den Gesandten der Kommunen und Institutionen. Und sie erntet auch kräftig, wenn der Redaktionsschluss naht, jedes Jahr im Januar. Dann muss das Verzeichnis reif sein, denn: „Unser gedrucktes Programm ist das Wichtigste für unsere Interessenten.“ Neben dem Pendant im Internet.

„Grüne Kunst“ – was ist das? Kunst im Grünen? Eher Kunst am Grünen, erklärt die gebürtige Frankfurterin Vogt, die in Hannover Gartendenkmalpflege studierte und in Griesheim bei Darmstadt Baumschulgärtnerin lernte. „Wir zeigen, was das Künstlerische an der Gestaltung der Gärten ist.“ Angeregt unter anderem durch den 200. Geburtstag des berühmten hessischen Gartenkünstlers Heinrich Siesmayer, der etwa den Bad Nauheimer Kurpark anlegte, den Frankfurter Grüneburgpark, vor allem aber den Palmengarten. „Mit Siesmayer wollen wir uns beschäftigen in diesem Jahr“, sagt Vogt, aber auch mit anderen Gartenkünstlern. „Den Blick auf Besonderheiten richten. Wertschätzung für gestaltetes Grün zum Ausdruck bringen.“ Auch für jenes, das so gestaltet gar nicht wirkt. „Das Mainufer etwa – es wirkt schlicht, aber auch darüber hat sich jemand Gedanken gemacht. Über die gestaltete Schlichtheit.“

Und „für alle“? Inwiefern ist die grüne Kunst für alle da? „Die Leute können am Tun in den Gärten teilhaben“, beschreibt Barbara Vogt, an Kräuterführungen, am Pflanzen und Ernten, an Feierlichkeiten. „Gestalterisches und Handwerkliches, es hängt alles zusammen.“ Die Veranstalter waren diesmal aufgerufen, besonders an Geflüchtete zu denken – ihnen Möglichkeiten zur Beteiligung zu geben. Das geschieht etwa in „Internationalen Gärten“ in Büdingen und Geisenheim.

Was die Teilhabe alter Menschen angeht, auch demenzkranker Gartenfreunde: „Da hätten wir gern mehr angeboten“, sagt Vogt. Falls jemand noch Entsprechendes plant, es ist nicht zu spät. In den Online-Kalender kann Garten Rhein-Main jederzeit zusätzliche Hinweise aufnehmen. Da steht auch drin, was in den Wintermonaten läuft und nicht im gedruckten Programm gelandet ist. Von Januar bis März läuft weniger als in den anderen Jahreszeiten, aber es wird immer mehr. Wichtigstes Kriterium: Was im Veranstaltungskalender steht, muss öffentlich zugänglich sein.

„Kräuter, Kuren und Kulturen“, „Pinien, Palmen, Pomeranzen“, „Grün trifft Blau“, so hießen die Programme früherer Jahre. Das Motto denkt sich der regelmäßige Facharbeitskreis der Abgesandten aus. Fürs kommende Jahr ist noch nichts festgelegt, aber die Chefplanerin hat eine besonders überregionale Perspektive im Blick: das europäische Kulturerbejahr 2018. Überhaupt sei Gartenbau stets etwas sehr Grenzüberschreitendes gewesen, erinnert Vogt. Gartenplaner seien weit gereist, bis nach Konstantinopel – zehn Jahre hätten sie mitunter im Ausland verbracht, um zu lernen. „Unser Pflanzenreichtum ist zum größten Teil aus anderen Ländern eingeführt“, sagt sie. Damals habe man es als notwendig erachtet, sich so umfassend weiterzubilden. Heute werde zum Leidwesen der Ästheten immer weniger Fachpersonal eingesetzt. „Man sieht es an den Gartenflächen. Es ist oft kein Geld mehr dafür da.“

Und die Gartenstadt Frankfurt? Wie macht sie sich? „Als ich damals zum Studieren wegging, war das Mainufer eine No-go-Area“, schildert Barbara Vogt. Der Sachsenhäuser Tiefkai sei Parkplatz gewesen. Das habe sich stark verbessert, und mit der Grüngürtelsatzung seien Landschaftsschutzgebiete erstmals wirksam vor Bebauung geschützt worden. Aber in der aktuellen Gartenbaukunst habe die Stadt, habe Hessen überhaupt großen Nachholbedarf. Moderne neue Anlagen könnten auch helfen, den Druck von den historischen Gärten zu nehmen.

„Stadtplanung muss vom Grün her gedacht werden“, appelliert die Gartenstrategin. „In einer Stadt, die so unter Siedlungsdruck steht wie Frankfurt, muss man darum kämpfen.“ Hin- und hergerissen zwischen dem Mangel an Wohnraum und dem Bedürfnis nach Grün und Erholung gelte doch: „Die Stadt muss so gebaut sein, dass wir nicht in der Hitze ersticken.“ Solange der Frühlingszauber in seiner derzeitigen Ausprägung andauert, sind wir wenigstens dagegen gefeit.

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