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Kulturfonds „Die Leute wussten nicht, ob die Statue für oder gegen Erdogan gerichtet war“

Helmut Müller, der Geschäftsführer des Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main, spricht sich für Kunst im öffentlichen Raum aus. Gerade weil solche Aktionen zu Diskussionen führen.

Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main
Der Kulturfonds Frankfurt/Rhein-Main feiert sein 10. Jubiläum. Im Interview: Geschäftsführer Helmut Müller. Foto: Rolf Oeser

Herr Müller, wie heißt das neue Schwerpunktthema des Kulturfonds?
Die nächsten zwei Jahre wird es um „Erzählung. Macht. Identität“ gehen. „Erzählung. Macht. Identität“ – das ist im Augenblick noch ein Arbeitstitel. Sobald wir ein Schwerpunktthema erarbeitet haben, stellen wir es unseren Projektpartnern vor, sprechen darüber und sehen, ob alle auch etwas damit anfangen können oder ob sie es völlig ablehnen. Wir versuchen bei den Schwerpunktthemen Leitplanken anzubringen, die nicht zu schmal sind, so dass jeder sich nach eigenen Vorstellungen daran beteiligen kann. Schließlich können wir ja niemanden zwingen mitzumachen.

Worum geht es Ihnen?
Die Region Rhein-Main hat keine wirkliche Idee von sich als Region. Wir laden dazu ein, eine gemeinsame Erzählung für die Region zu schaffen.

Sie arbeiten also mit kulturellen Mitteln an dem Versuch, der Region eine Identität zu geben. Jetzt ist der Kulturfonds als großes regionales Projekt angelegt, aber es könnten noch ein paar Mitspieler mehr sein, damit dies auch eingelöst wird. Was ist beispielsweise mit Aschaffenburg oder Mainz?
Beide Städte gehören zweifelsohne zur Rhein-Main-Region. Ich bin auch mit beiden im Gespräch. Mit Aschaffenburg vielleicht noch etwas intensiver als mit Mainz. Das grundsätzliche Interesse ist da.

Warum sind die beiden Städte noch nicht dabei?
Sie sind nicht hessisch. Das Land Hessen verdoppelt aber die Beiträge der Kommunen, die unsere Gesellschafter sind, aus Landesmitteln. Wenn nun Bayern oder Rheinland-Pfalz ins Spiel kommen, müsste man nach einer Regelung suchen, wie das funktionieren kann, wie diese sich auch einbringen könnten. Das Prinzip des Fonds ist zudem, dass alle einzahlen, aber nicht wie bei einer Quote genau denselben Anteil wieder zurückbekommen. Für andere Bundesländer ist das nicht so einfach.

Das ist ja schon ein wichtiger Punkt für die Gesellschafter und vielleicht auch gerade für jene, die beim Kulturfonds nicht mitmachen. Die rechnen, was kostet uns das und was bekommen wir dafür zurück. Jetzt sagen Sie aber, dass nicht jeder genau das rausbekommt, was er einzahlt.
Ja sicher. Es ist auch nicht einfach, von einer Stadtverordnetenversammlung dafür einen Beschluss zu bekommen. Deshalb haben wir jetzt so eine Art Probezeit von drei Jahren für Interessierte eingerichtet. Bad Vilbel und Oestrich-Winkel sind da dabei.

Warum sollten die mitmachen?
Der Fonds produziert ja für alle eine Reihe von Vorteilen, die nicht mit Überweisungen korrespondieren. Es gab beispielsweise eine Konzertreise der Jungen Deutschen Philharmonie. Die hieß dann Mailand, Zürich, Frankfurt und dann Hanau. Natürlich funktioniert das alles auch nur, weil das Land zu jedem eingezahlten Euro noch einmal einen Euro dazulegt. Da kommt schon jeder auf seine Kosten.

Vor drei Jahren ist der Kulturfonds bei einer Ausstellung der Karikaturisten Greser & Lenz eingesprungen, die wegen des Streits um Mohammed-Karikaturen und Sicherheitsbedenken auf der Kippe stand. Wird da unter den Gesellschaftern um ein Für und Wider gerungen?
Wir ringen häufig, aber bei solch renommierten Karikaturisten stellt sich die Frage der Förderungswürdigkeit überhaupt nicht.

Haben Sie es bereut, die Wiesbadener Biennale gefördert zu haben, bei der es nun den großen Streit um die Aufstellung der übergroßen goldenen Erdogan-Statue gab?
Überhaupt nicht. Die Idee von Kunst im öffentlichen Raum ist es ja gerade, Anstöße zu geben. In Wiesbaden wussten die Leute nun nicht, ob die Statue für oder gegen Erdogan gerichtet war – und was dahinter steckt. Das hat zu einer öffentlichen Diskussion geführt, wie man sie so selten erlebt. Welche Aktion in Hessen findet schon den Weg in die New York Times?

Verstehen Sie, dass die Stadt die Statue abgeräumt hat?
Es war jedenfalls schon viel Aggression im Raum.

Muss man eine solche öffentliche Diskussion, die Sie ja loben, nicht etwas länger aushalten als nur ein paar Stunden?
Es gab wohl schon spürbare Konfrontationen, die türkische Community war sehr gespalten. Aber es ist gelungen, die Diskussion hervorzurufen. Und es ist angestoßen, mit den Kombattanten weiter zu reden.

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