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Kultur Das Lob des Provisoriums

Die Stadtgesellschaft feiert zehn Jahre „Fliegende Volksbühne“. Poker gibt es um die Miete im neuen Domizil 2019.

Fliegende Volksbühne
Michael Quast (re.) und Schauspieler der Fliegenden Volksbühne singen im Kaisersaal. Foto: peter-juelich.com

So viel überbordende Fröhlichkeit ist selten im Kaisersaal. Mit großem Dschingderassabumm zieht das Ensemble der „Fliegenden Volksbühne“ in das Allerheiligste des Rathauses ein, mit Musik von Schifferklavier und Saxofon. Um dann gleich das schöne Lied anzustimmen „Mein Frankfurt“, ein vertontes Gedicht von Adolf Stoltze, dem Sohn des großen Frankfurter Dichters, der seine Heimat als „deutscher Städte Zier“ lobt.

Und Michael Quast dirigiert und singt aus voller Brust mit der Brille in der Hand. Seit zehn Jahren nun schon tourt die „Fliegende Volksbühne“ unter der Leitung des Schauspielers und Kabarettisten durch die Lande, im nächsten Jahr winkt endlich eine feste Heimat, im erneuerten Cantate-Saal am Großen Hirschgraben.

Doch erst einmal gilt es, das Provisorium zu feiern, das ewige Unterwegs, die Unsicherheit der Existenz, aus der Quast Funken schlägt. Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) lobt ihn als „im tiefsten Herzen eine klassische, romantische Seele“. Er habe mit seinen Inszenierungen der Stücke von Friedrich Stoltze gezeigt, dass sie durchaus „politische Radikalität“ bergen. Er könne aber auch „Don Giovanni“ mit nur einem Trio aufführen: „Wie sollen wir so noch begründen, dass Oper und Schauspiel ein Ensemble brauchen?“, fragt Hartwig das Publikum, das lacht und jubelt.

Vielleicht ist es das schlechte Gewissen der Stadtgesellschaft, das sich an diesem Morgen im Römer Bahn bricht. Das schlechte Gewissen, mit der „Fliegenden Volksbühne“ so umgegangen zu sein. 2013 besaß Quast schon die feste Zusage der Stadtregierung, in den Paradieshof in Sachsenhasusen einziehen zu dürfen – da strich eine schwarz-grüne Sparrunde das Projekt.

Solidaritäts-Abend mit 700 Besuchern

„Da lief ihm die Galle über“, sagt Hartwig, die das Privileg besitzt, damals noch nicht in politischer Verantwortung gewesen zu sein. Zu einem Solidaritäts-Abend im Schauspiel kamen 700 Besucher, die skandierten „Cantatesaal! Cantatesaal!“

Doch als Quast dann den Mietvertrag sah, den die städtische Wohnungs-Holding ABG ihm in Aussicht stellte, „bekam ich einen Herzinfarkt“, sagt der Kabarettist bündig. „Es war, als wären wir ein Schuh-Discounter – das schnürt einem Theater die Luft ab.“ Richtig daran ist, dass die Miete tatsächlich hoch war und Quast tatsächlich vor kurzem am Herzen operiert worden ist – er singt öffentlich das Loblied seines Chirurgen. Großes Gelächter. Aber wie sagt doch Goethe, Frankfurts großer Sohn: „Das Leben ist kurz, man muss sich einen Spass zu machen suchen.“ Um die Miete wird, wie die FR erfuhr, hinter den Kulissen noch gepokert. Man wird also sehen ...

Quasts Verlegerin Cristina Henerich-Kalveram singt das Loblied des Schauspielers ebenso wie sein alter Freund, der Kabarettist Rainer Dachselt. Karlheinz Braun, der 86-jährige Literatur- und Theaterverleger, formuliert ein Zehn-Punkte-Programm für die Zukunft der „Fliegenden Volksbühne“. Sie müsse neue Autoren suchen und entwickeln, „widerständig und aufmüpfig gegen die Oberen“. Es brauche neue hessische Schauspieler, Quast alleine sei „überfordert“. Die Stadt müsse sich finanziell engagieren. Erst einmal steuert die Fraport einen Scheck über 15 000 Euro bei. „Wir unterstützen alles, was fliegt“, sagt Vorstandsmitglied Michael Müller. Großer Applaus.

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