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Kulte in Frankfurt Verdeckte Missionierung

Frankfurt gilt als deutsches Zentrum der koreanischen Shinchonji-Kirche. Die Bewegung ist offenbar auf Expansionskurs und wirbt mit Tarnorganisationen vor allem um junge Leute.

Kulte in Frankfurt
Das Johannesevangelium und die Apokalypse spielen bei Shinchonji eine zentrale Rolle. Foto: IStockphoto

Nur drei Buchstaben waren auf dem Klingelschild am Eingang des zentral gelegenen fünfstöckigen Hauses in der Mainzer Landstraße zu lesen: IBC. Das Kürzel, das mittlerweile entfernt worden ist, steht für „International Bible College“. Das klingt recht vage und harmlos, ist es laut Experten aber nicht: Kirchliche Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen wie Oliver Koch und Aussteiger aus der Bibelgruppe berichten, dass IBC ein Tarnname für die koreanische Neuoffenbarungsreligion Shinchonji ist. In Frankfurt veranstaltet sie zahlreiche Kurse und wirbt so um neue Anhänger. Welchen Hintergrund die Seminare haben, erfahren Teilnehmer den Angaben zufolge zunächst nicht. Inzwischen ist die Gruppe in einer Dependance in Sachsenhausen besonders aktiv.

Die Namen wechseln. Früher nannte sich die Gruppierung „Frankfurter Friedensgemeinde“, nach Ansicht von Koch eine „Fassaden-Gemeinde“. Ehemalige Mitglieder sprechen von einer Glaubensgemeinschaft, die Menschen unter Druck setze, ausbeute und sie von Familie und Freunden isoliere.

Im Zentrum steht der Koreaner Man-Hee Lee. Er gibt vor, als einziger die Bibel richtig deuten zu können. Und: Die Apokalypse stehe bevor. Nur wer sich ihm anschließe, werde zu den Auserwählten, den 144 000 „Versiegelten“ der Endzeit, gehören und könne gerettet werden. Alle anderen würden untergehen. Frankfurt gilt als Zentrum der Bewegung in Deutschland. Sie soll im Gallus mindestens zwei Dependancen haben, nach weiteren suchen und von hier aus das Wirken an anderen Standorten, darunter Stuttgart und München, lenken. Wie viele Anhänger Shinchonji in Frankfurt hat, ist nicht bekannt; die Mitgliederzahl dürfte aber deutlich im dreistelligen Bereich liegen.

Die Religion sei auf Expansionskurs: „Die Beratungsanfragen in Zusammenhang mit Shinchonji häufen sich“, sagt Koch, der im Zentrum für Ökumene der evangelischen Kirche arbeitet. Nicht nur Frankfurter mit Wurzeln in Korea haben sich der Bewegung angeschlossen; in ihrer Struktur sind die Gruppen international, wobei junge, gut ausgebildete Leute überwiegen. Die zu Beginn lockere Ansprache und Atmosphäre, die Gemeinschaft, das Internationale, die vermeintlichen Antworten auf Sinnfragen – das scheint auf manche attraktiv zu wirken.

Neben den Heilsversprechen, der Abwertung anderer Religionen sowie dem Allmachtsanspruch hält der Experte nicht zuletzt die intransparente Art der Missionierung für äußerst kritikwürdig: „Gezielt werden vor allem junge Menschen angesprochen, die alleine unterwegs sind. In der Fußgängerzone, auf dem Unicampus – und in Kirchen.“ Evangelische und katholische Kirchen haben den Missionaren Hausverbot erteilt, auf Briefe reagiere das IBC nicht. „Zur Strategie gehört, dass zunächst persönliche Kontakte geknüpft werden und die wahren Hintergründe verschleiert werden.“ Früher oder später laden die Missionare zu einem Bibelkurs ein. Die Teilnahme an den Gottesdiensten sei jedoch den Eingeweihten vorbehalten. Wer zu diesen gehören wolle, müsse einen mehrstufigen Prüfungsprozess durchlaufen, erfolgreich missionieren und Geld geben. Offensichtlich gibt es einen eigenen Dresscode: Gelb ist die Farbe des Stammes Simon, der in Frankfurt aktiv ist. Insgesamt gibt es unter den 144 000 Auserwählten zwölf Stämme.

Dass körperliche Gewalt ausgeübt wird, „ist uns nicht bekannt“, sagt Koch. Die Gruppe missioniere jedoch auf aggressive Weise. „Der psychische Druck kann enorm werden.“ Nachdem eine Frau bis zu ihrer Wohnung verfolgt worden sei, sei die Polizei gerufen worden. „Teilweise wurden Aussteiger auch nach einem Umzug nicht in Ruhe gelassen.“ Es dauere oft eine gewisse Zeit, bis „Abtrünnige“ nicht mehr angerufen werden.

Mit Shinchonji verwoben seien Organisationen wie die auch in Frankfurt aktive International Peace Youth Group (IPYG). Sie laden zu Friedenskonferenzen und verschleierten ihre Verbindung. An den Konferenzen nehmen auch Politiker teil. Koch und seine Kollegen sprechen von Versuchen, staatliche und kirchliche Würdenträger zu instrumentalisieren.

Auf Bitten um Stellungnahme haben bislang weder Shinchonji, das IBC, die IPYG noch ein führendes Mitglied geantwortet.

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