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Kritik von Sehbehinderten Orientierungslos in der B-Ebene

In Sachen Barrierefreiheit gibt es großen Nachholbedarf im gesamten öffentlichen Nahverkehr in Frankfurt.

Brigitte Buchsein
Oft fehlen die Leitelemente: Brigitte Buchsein unterwegs mit ihrem Blindenstock. Foto: Christoph Boeckheler

Brigitte Buchsein läuft zur U-Bahn-Station Willy-Brandt-Platz und schwenkt ihren Blindenstock über den Boden. Sie fährt die Rolltreppe am Schauspiel hinab, steht dann in der weitläufigen B-Ebene. „Normalerweise würde ich mich an der Wand orientieren oder an den taktilen Leitelementen im Boden“, sagt die 48-Jährige, die als Säugling erblindet ist. Doch entlang der Wand geht es nur weiter in die B-Ebene hinein, und nicht zur nächsten Rolltreppe, hinab zu den U-Bahnen U1-U3, U8 oder U4 und U5. Leitelemente im Boden gibt es nicht. Brigitte Buchsein läuft weiter, sie war schon oft hier, geht regelmäßig ins Theater oder die Oper, „da gibt es immer etwas zu hören“. Sie läuft in Richtung der Rolltreppen, aber nicht schnurstracks, „das kann niemand“, sagt sie, „um geradeaus zu laufen, muss man sich immer visuell orientieren“.

Als sie am Bahnsteig der U1-U3, U8 in Richtung Norden steht, läuft sie stockschwenkend bis zur Bahnsteigkante vor. Dort ist ein gelbes, genopptes, abgelaufenes Leitelement im Boden. „Mit dem Stock kann ich es ertasten, durch die Schuhsohle spüre ich es nicht“, sagt sie, und geht ein paar Schritte zurück.

Sie lauscht, wann ihre Bahn durchgesagt wird, filtert die Ansage vom Bahnsteig gegenüber heraus. „Das ist jetzt Stress.“ Als die Bahn einfährt, und die Türen sich mit einem Signal, das wie das Quaken eines Frosches klingt, öffnen, läuft sie auf die Tür zu.

Leitsystem gefordert

Brigitte Buchsein ist Vorstand des hessischen Blinden- und Sehbehindertenbundes, der 1800 Mitglieder in Hessen hat, darunter viele Sehbehinderte, Blinde und deren Angehörige. „Es geht uns darum, die Menschen für die Barrierefreiheit zu sensibilisieren“, sagt sie.

„Die B-Ebene bräuchte ein Leitsystem nach neuesten Standards“, sagt Susanne Rieth vom Blinden- und Sehbehindertenbund und erklärt, die Funktion der Bodenindikatoren. Die Rippen leiteten die Menschen, wenn sie nach geradeaus zeigten, oder sie versperrten den Weg, wenn sie quer lägen. Die Noppen zeigten an, dass Fußgänger aufmerksam sein sollten, etwa am Bahnsteig einer Weggabelung oder Kreuzung.

Rieth sieht bei der Barrierefreiheit Nachholbedarf im gesamten öffentlichen Nahverkehr in Frankfurt. Laut Personenbeförderungsgesetz sollen bis Anfang 2022 alle Haltestellen im öffentlichen Nahverkehr barrierefrei sein. Doch davon sei die Stadt weit entfernt. „Die Stadt könnte mehr tun“, sagt sie – etwa ein Datum definieren, wann genau alle Stationen barrierefrei sein werden.

Tatsächlich baut die Stadt in diesem Jahr 30 der rund 700 Bushaltestellen barrierefrei um. Die Stationen ohne Aufzug werden laut Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) nachgerüstet - Eschenheimer Tor bis März, Westend bis 2019, Niddapark bis 2022/2023. Für die Umrüstung der Station Römerstadt nennt er kein Datum.

„Eine barrierefreie Gesellschaft ist für alle lebenswert“, sagt Bodo Pfaff-Greiffenhagen (CDU), Abgeordneter der CDU im Hessischen Landtag, der im Gesundheitsausschuss häufiger mit dem Thema zu tun habe und den Termin organisiert hat. „Das hat mir die Augen geöffnet“, sagt er nach dem Treffen.

„Wir sind froh, wenn wir frühzeitig in die Planung der Barrierefreiheit einbezogen werden“, sagt Brigitte Buchsein vom Blinden- und Sehbehindertenbund. Dann komme es beim Bauen nicht zu Versehen. Kürzlich wollte sie zu einer Veranstaltung in der Goethe-Universität im Westend, sagt sie. Doch als sie den Raum öffnete, der mit Brailleschrift als Veranstaltungsort ausgewiesen war, stand sie in der Damentoilette.

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