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Kriminalität im Internet Digitale Gewalt schnell abwehren

Was können Frauen tun, wenn der Verflossene Nacktbilder von ihnen ins Internet stellt? Oder noch schlimmer: Wenn ein Vergewaltiger sein Opfer bei der Tat filmt und droht, den Film ins Netz zu stellen. Der Frauennotruf in Frankfurt zeigt Betroffenen, wie sie sich gegen solche Straftaten wehren können.

18.11.2011 21:11
Die digitale Technik erleichtert manche Straftaten – etwa auf Verleumdungsseiten. Foto: dapd

Was können Frauen tun, wenn der Verflossene Nacktbilder von ihnen ins Internet stellt? Oder noch schlimmer: Wenn ein Vergewaltiger sein Opfer bei der Tat filmt und droht, den Film ins Netz zu stellen. Der Frauennotruf in Frankfurt zeigt Betroffenen, wie sie sich gegen solche Straftaten wehren können.

Digitale Medien können das Leben leichter machen – oder auch zur Hölle. Die Möglichkeit, Dateien sekundenschnell um die Welt zu schicken, wird für den zum Fluch, dessen Ruf und Seelenfrieden dadurch gefährdet ist. Digitale Gewalt ist ein wachsendes Problem. Die Beratungsstelle Frauennotruf hat nun eine Broschüre herausgebracht, die vor den Gefahren warnt und Tipps gibt, wie man sich vor digitaler Gewalt schützen kann. Angela Wagner, Geschäftsführerin der Beratungsstelle, rät zum Handeln.

Wie sind Sie auf das Thema digitale Gewalt gekommen?

Wenn wir uns einem neuen Thema zuwenden, dann weil wir Bedarf sehen. Wir haben im Jahr 2005 erste Fälle digitaler Gewalt in der Beratung gehabt. Das war zu der Zeit, als die ersten Handy-Kameras auf den Markt kamen. Begonnen haben wir mit der Recherche 2006, im Jahr darauf fing es richtig an. 2008 haben wir die Beratungslehrer aller Schulen zum Thema geschult, und vor zwei Jahren haben wir einen Flyer für jugendliche Frauen herausgebracht. Man kann das Thema aber nicht auf junge Leute begrenzen. Der Bedarf ist bei Erwachsenen auch da, geht durch alle Schichten und alle Nationalitäten.

Welche Erfahrungen haben Sie in der Beratung mit diesem Thema gemacht?

Einer der ersten Fälle war eine 60-jährige Frau, die befürchtete, dass ihr Ex-Freund einvernehmlich aufgenommene Nacktaufnahmen von ihr weitergeben könnte. Ein anderer gravierender Fall, der uns sehr berührt hat, stammt von einer Studentin, der nach einer Vergewaltigung damit gedroht wurde, dass die davon gemachten Bilder an ihren Professor geschickt werden. Eine andere junge Frau hatte sich beim einvernehmlichen Sex mit ihrem Freund im Park plötzlich umringt gesehen von mehreren Freunden mit gezückter Handykamera.

Welche Formen digitaler Gewalt gibt es?

Wir unterscheiden zwischen leichteren und schweren Formen digitaler Gewalt. Seit 2007 hatten wir insgesamt 105 Fälle, davon 57 schwere. Dazu gehören das Filmen von Vergewaltigung, Nötigung oder Körperverletzung, das Veröffentlichen von Bildern und Videos oder die Drohung mit der Veröffentlichung. Leichtere Fälle wie Passwortklau werden oft nicht als strafbare Handlung wahrgenommen. Wir versuchen dagegenzuhalten. Deshalb verwenden wir bestimmte Begriffe wie Mobbing oder Bullying nicht, sondern benennen die Straftatbestände, um deutlich zu machen, dass es keine Kavaliersdelikte sind. Digitale Gewalt ist strafrechtlich relevant – und damit nicht akzeptabel. Damit wird ins Bewusstsein gerückt, dass man etwas dagegen tun kann.

Werden Frauen häufiger Opfer digitaler Gewalt als Männer?

Bei den schweren Fällen sicherlich, etwa bei Nötigung. In diesen Fällen heißt es: „Wenn du nicht die Beziehung fortführst, sende ich intime Bilder von dir an deine Eltern.“ Bei leichteren Fällen wirken aber auch viele Frauen als Täter mit. Wir wollen mit der Broschüre sowohl Männer als auch Frauen darauf aufmerksam machen, dass sie im Internet nicht tun können, was sie wollen.

Woran liegt dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern?

Für Männer und Frauen gelten unterschiedliche Verhaltensnormen und moralische Bewertungen. Wenn intime Bilder von Frauen kursieren, werden diese als „Schlampe“ gebrandmarkt. Jungs sammeln mit solchen Aufnahmen eher Pluspunkte, weil sie dadurch als sexuell besonders aktiv gelten. Frauen gefährden ihren Ruf, Männer können ihren Ruf jedoch steigern. Unsere Sorge ist: Wenn Männer Nacktaufnahmen einer Frau sehen, dann ist der Gedanke, sie als mögliches Opfer zu sehen, sehr viel naheliegender als umgekehrt bei Frauen, die einen nackten Mann sehen. Jungs und Männer denken, dass man mit der Frau alles machen kann. Frauen, von denen solche Bilder kursieren, haben es schwer, sich dagegen zu wehren.

Was sind die Ursachen digitaler Gewalt?

Sie kommt daher, dass die neuen Medien überhaupt verfügbar sind. Handys sind immer da, und damit ist es ganz leicht, auch in einer intimen Situation, draufzuhalten und zu fotografieren. Ein anderes Problem ist die Anonymität im Internet. Dadurch sind Verhaltensmuster möglich, für die man nicht geradestehen muss. Würden die Leute damit mehr konfrontiert und zur Rede gestellt, würde sich etwas ändern. Aber das passiert nicht.

Wie kann man digitale Angriffe verhindern?

Indem man schon bei kleineren Verfehlungen darauf hinweist, dass man etwas nicht möchte, zum Beispiel, wenn ein Foto gemacht wird. Paare, die während einer Beziehung intime Fotos voneinander machen, sollten darüber sprechen, wie sie im Falle einer Trennung mit den Bildern umgehen. Wenn man es besprochen hat, ist der Schritt, das Verabredete zu übertreten, sehr viel schwieriger, als wenn es gar nicht behandelt wurde.

Wie kann man sich gegen Angriffe wehren?

Wir raten, digitale Angriffe ernst zu nehmen und sehr schnell dagegen vorzugehen. Und das tun Jugendliche gar nicht, aber auch Erwachsene eher selten. Sie warten ab, weil sie denken, man könne nichts dagegen machen, oder weil sie hoffen, dass der Täter damit aufhört. Das entspricht nicht unserer Erfahrung. Wenn man nichts unternimmt, wird das als Zögern oder als Hilfslosigkeit bewertet, und die Angriffe gehen in der Regel weiter. Deshalb sollte man, zum Beispiel wenn unerlaubt Fotos von einem verbreitet werden, juristisch dagegen vorgehen. Auch eine Strafanzeige ist möglich. Häufig reicht es, wenn die Frau entschlossen ist, etwas zu tun. Das kann den Täter abschrecken. Wo das nicht ausreicht, muss man schnell handeln, um die im Internet eingestellten Bilder möglichst schnell wieder zu entfernen. Die Möglichkeiten sind wirksamer, je schneller man reagiert.

Wer kann in solchen Fällen helfen?

Es gibt Internetplattformen für Reputationsmanagement, die sich darum bemühen, unerwünschte Inhalte löschen zu lassen. Wir raten auch dazu, sich Rechtsbeistand zu holen. Die Server-Betreiber reagieren auf ein Anschreiben eines Anwalts anders als bei einer Privatperson. Auch die Polizei kann helfen. Es gibt in allen Polizeipräsidien in Hessen sogenannte Internetkommissariate, wo ausgebildete Spezialisten sich nur mit solchen Fällen beschäftigen. So können sich viele Angriffe stoppen lassen.

Das Interview führte Lukas Gedziorowski

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