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Kriminalfall Gequält bis in den Tod

Vor zehn Jahren wird am Nieder Mainufer die Leiche eines Mädchens entdeckt. Bis heute ist es der Polizei trotz unglaublich aufwendiger Ermittlungen nicht gelungen, ihre Identität zu klären. Der Täter lebt unentdeckt.

23.07.2011 20:54
Jutta Ochs
Am Nieder Mainufer hatten Spaziergänger im Sommer 2001 die Leiche des Mädchens. Sein Schicksal ist nach zehn Jahren nicht vergessen. Foto: Andreas Arnold

Ein niederländischer Frachter pflügt den Main. Das Flusswasser schlabbert in ruhigem Rhythmus über den tongelben Sand, über Steine, Moos und Muscheln. Steigt hoch bis zu den tiefen Zweigen und zieht sich wieder gurgelnd ins Bett zurück. Dieser sonnenbeschienene kleine Mainstrand in Nied scheint abgeschieden von den Beschwernissen dieser Welt, geschützt und friedvoll. Doch er ist der letzte Schauplatz gewesen einer schier unfassbaren Geschichte von Gewalt und Qual. Es ist etwas geschehen, was „den Rahmen des bisher Vorstellbaren gesprengt hat“, wird später einmal die Polizei sagen.

Vor zehn Jahren, am 31. Juli, wurde hier ein geflecktes Stoffbündel angespült, befestigt am weißen Ständer eines Sonnenschirmes. In diesem Bündel wird zum Entsetzen der Spaziergänger ein toter Mensch entdeckt, ein Mädchen, zwischen 12 und 16 Jahren alt, aber auf Kleinkindgröße zusammengeschnürt. Die Leiche gibt den Pathologen noch eine schreckliche Erkenntnis preis: Das Mädchen ist über viele Jahre hinweg fürchterlich misshandelt worden. Der geschundene Körper ist übersät mit Narben von Brand-, Riss- und Quetschwunden sowie von frischen, offenen Wunden. Das linke Ohr ist deformiert. Die Gliedmaßen weisen alte und neue Knochenbrüche auf, die nie behandelt worden sind. Das Mädchen ist defloriert. Getötet haben es Schläge mit einem stumpfen Gegenstand auf Bauch und Brust, die Lunge, Leber und Milz zerrissen haben.

Immer noch Verbindung zum Fall

Die Pathologen gehen davon aus, dass das Mädchen über „einen langen Zeitraum hinweg fürchterliche Schmerzen gehabt haben muss, sich vermutlich kaum mehr bewegen konnte“, referiert Peter Kraft aus dem Bericht. Der heutige Leiter der Frankfurter Mordkommission 4 war damals Aktenführer der Sonderkommission „Leopard“, die den Mord am Mädchen ermitteln sollte. Und er hält immer noch Verbindung zu dem Fall.

Die Frankfurter Polizei hat mit einem unglaublichen Aufwand an der Lösung gearbeitet – und doch ist es bis zum heutigen Tag nicht gelungen, die Identität des Mädchens festzustellen. Eine Identifizierung, da ist sich die Polizei sicher, würde ganz zügig zum Kreis der möglichen Täter führen. Nur scheint auf der ganzen weiten Erde keiner dieses Mädchen zu kennen. Unfassbar in der zivilisierten Welt: Da wird ein totes Kind gefunden, und es gibt keine Eltern, keine Großeltern, keine Geschwister, keine Freunde, keine Nachbarn, die es vermissen. Es scheint so, als wäre dieses Kind nie von einer Mutter im Krankenhaus geboren worden, hätte nie den Kindergarten oder die Schule besucht, wäre nie beim Arzt oder Zahnarzt gewesen.

Wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, dass die Familie des Mädchens aus Vorderasien stammen könnte. Weitere Analysen der Knochen ergeben aber auch, dass das Kind über einen langen Zeitraum hinweg im Rhein-Main-Gebiet gelebt haben muss.

Eine Hypothese, die die Kripo zu Anfang aufstellt und die ihr auch nach zehn Jahren noch wahrscheinlich erscheint: Das Mädchen hat in einem „ganz abgeschlossenen Milieu gelebt“, sagt Peter Kraft. Es könnte sich um ein adoptiertes Kind handeln oder um eines, das als Haushaltsgehilfin in Dienst gegeben wurde, beispielsweise in einen Diplomatenhaushalt.

Alle Ermittlungen in dieser Richtung aber laufen ins Nichts. Und trotz Aufrufen der Polizei in Presse, Rundfunk, Fernsehen und Internet, übersetzt in mehrere Sprachen, darunter in Paschtu, Urdu und Panjabi, gibt es nicht einen winzigen Hinweis auf das Mädchen. Die Sonderkommission geht auch einen anderen Weg. Sie prüft mit einem enormen Aufwand bei rund 1000 Mädchen mit passendem Alter und Herkunftsfamilie nach, ob sie noch leben.

BKA und FBI helfen

Das Bundeskriminalamt und das FBI sind behilflich, die DNA wird weltweit durch den Computer gejagt. Ermittelt wird auch, ob es irgendwo auf dem Globus einen vergleichbaren Fall gibt. Es haben sich Hellseher gemeldet, sie wurden nicht abgewiesen, führten aber auch auf keine Spur.

Dem oder den Tätern sind alle Umstände günstig gewesen. Wo die Tote hinter der Griesheimer Schleuse in den Main geworfen wurde, konnte trotz Spurensuche nie geklärt werden. 105 Binnenschiffe wurden kontrolliert, 20, die in der Nacht unterwegs waren, mit Leichenhunden durchsucht – ohne Ergebnis. Die Liegezeit im Wasser, die Polizei geht von zwölf bis 24 Stunden aus, hatte alle möglichen Spuren an Leiche oder Textilien unbrauchbar gemacht. Der Schirmständer und der Leoparden-Bettbezug sind Massenware. Etwas aufschlussreicher sind die Bänder, mit denen die Leiche verschnürt war. Es handelt sich um Nalas, die in Teilen von Pakistan, Afghanistan und Indien zur Befestigung von Pluderhosen verwendet werden. Das unterstützt zwar die Herkunftsthese – eine echte Spur aber ergibt sich dennoch nicht.

Nach zehn Jahren ist der Fall – selbstverständlich – nicht zu den Akten gelegt. Kapitalverbrechen verjähren nicht. Und es gibt immer noch Hoffnung, dass jemand aus dem abgeschlossenen Milieu „sein Schweigen bricht“, sein Herz erleichtert, sagt die Polizei. Immer wieder melden sich bei ihr Menschen, die glauben, das Bild passe zu einer Vermissten, die sie kannten. In der RTLII-Serie „Ungeklärte Morde“ läuft die Geschichte des Mädchens aus dem Main seit Jahren immer wieder wie in einer Endlosschleife. Die Erinnerung wird wach gehalten.

Auch bei Bürgern, die während eines Mainufer-Spaziergangs am Fundort der Leiche innehalten und in Gedanken zu dem gequälten Kind wandern. Dass es eine Gedenkstätte gibt, dafür hat die Polizei gesorgt. Ein kleiner heller Grabstein im anonymen Gräberfeld des Friedhofs Heiligenstock trägt die Inschrift: „Unbekanntes Mädchen – gefunden am 31. Juli 2001 im Main“.

Infos im Internet unter www.polizei.hessen.de, als Suchbegriff 31.07.2001 eingeben, sachdienliche Hinweise unter Telefon 069/755-51108 oder - 53111

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