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Koptisch-Orthodoxe Kirche in Frankfurt Beten gegen die Angst

Die knapp 1000 Kopten in Frankfurt sorgen sich um Verwandte in Ägypten - und um sich selbst. Überrascht von dem blutigen Anschlag in Alexandria ist Pfarrer Pigol Bassili nicht.

03.01.2011 19:12
Timur Tinç
Kopte in Frankfurt: Vater Pigol Bassili. Foto: dpa

In den vergangenen Tagen musste Pigol Bassili seinen Gemeindemitgliedern viel Trost spenden. Vor allem Mütter mit ihren Kindern seien völlig aufgelöst zu ihm gekommen – die Fernsehbilder von dem Bombenanschlag in ihrer Heimat Alexandria hätten sie erschüttert, erzählt der Pfarrer der St. Markus Koptisch-Orthodoxen Kirche in Frankfurt. „Warum passiert so etwas?“ Diese Frage quält die Gläubigen.

Der Anschlag im ägyptischen Alexandria bewegt die koptische Gemeinde am Main. Überrascht hat der Anschlag Pigol Bassili allerdings nicht, sagt der Pfarrer. Er kommt gebürtig aus Alexandria und kennt die Spannungen, die es dort seit Jahrhunderten gibt: „Ich bete immer zu Gott, dass die fanatischen Menschen in dieser Welt irgendwann die Wahrheit erkennen und sage das auch meinen Gemeindemitgliedern.“

Dennoch fürchteten sich viele Gemeindemitglieder nun vor Anschlägen auch auf ihre Kirche. „Es liegt ein besonderer Fall vor. Viele unserer Mitglieder haben Angst“, sagt Michele Riad, der Diakon der Gemeinde. Deshalb wird die Polizei die Weihnachtsfeier am 6. Januar sichern und auch die Trauerfeier für die Opfer von Alexandria am 8. Januar.

"Wir sind keine Gemeinde, die den Mund hält"

Das gerade die St. Markus Kirche ein mögliches Anschlagsziel sei, liegt für Michele Riad darin, weil die Gemeinde sich offen zu den Missständen in Ägypten äußere. „Wir sind keine Gemeinde, die den Mund hält“, sagt Riad. Ihm sei klar, betont er, dass diese Haltung zwar gefährlich sei. Doch von möglichen Bedrohungen wolle sich die Gemeinde nicht zurückschrecken lassen.

Knapp 1000 Mitglieder zählt die 1975 gegründete Gemeinde heutzutage. An Sonntagen kommen zwischen 300 und 400 Menschen zu den Gottesdiensten. Zwar musste kein Gemeindemitglied ein Opfer in Alexandria beklagen, dennoch gibt es einige Familien, deren Verwandte in der näheren Umgebung des Anschlagsortes leben. „Eines der Gemeindemitglieder war sogar noch wenige Stunden vor dem Anschlag in der Gemeinde in dem das Attentat stattgefunden hat“, erzählt Riad.

Der Diakon macht deutlich, dass die Wut der Kopten nun nicht in die falsche Richtung gehen dürfe. Er kritisiert auch die Ausschreitungen der Kopten in Alexandria nach dem Anschlag. Die Wut über den Terror sieht Riad allerdings gerechtfertigt. Er macht dafür die ägyptische Regierung Hosni Mubaraks verantwortlich. „Wir loben Mubarak, dass er gegen die islamistischen Terroristen vorgeht, allerdings hat er es versäumt, sich für die Sicherheit der Christen einzusetzen.“

"Ein Segen, dass wir hier so multikulturell sind"

Das größte Übel aus Sicht der Kopten sei, dass in der ägyptischen Rechtsprechung die Scharia, die islamische Rechtsprechung, vorherrsche. „Wir haben Angst vor dem radikalen Islamismus, nicht vor dem radikalen Moslem“, erläutert Riad. „Die Gefahr besteht in der Struktur und in der Idee.“ Gerade wegen der Gefahr der Unterdrückung sind viele Kopten zwischen den 1950er und 1970er Jahren nach Deutschland geflohen und haben christliche Gemeinden gegründet. Die zweite Flüchtlingswelle war in den neunziger Jahren, als viele angehende Akademiker geflohen sind.

„Ich persönlich habe in Ägypten keine Probleme, meinen Glauben auszuleben“, sagt Riad, dessen Vater Ägypter ist und die Mutter Deutsche. „Das liegt aber daran, dass ich nicht wie der typische Ägypter aussehe. Touristen werden da meistens in Ruhe gelassen.“

In Deutschland hat der 26-Jährige überhaupt keine Probleme mit anderen Gläubigen geschweige denn Anfeindungen von Moslems. „Ich habe viele gute muslimische Freunde. Es ist ein Segen, dass wir hier so multikulturell sind.“

Die Vorbereitungen für die Weihnachtsfeier am kommenden Donnerstag laufen bereits seit mehreren Wochen. „Ich bitte die Leute, keine Angst zu haben“, sagt Pfarrer Pigol Bassili. „Wir sind in den Händen von Gott und beten das nichts passiert.“

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