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Konsumstreik in Frankfurt Ein Jahr nur Mode aus zweiter Hand

Die Frankfurter Journalistin Hindi Kiflai trägt ein Jahr lang nur gebrauchte Kleidung und schreibt darüber in ihrem Blog. Sie will damit andere inspirieren, ohne den Konsum weiter anzuheizen.

Selbstversuch: Ein Jahr in Secondhand-Mode
Hindi Kiflai steht in einem Frankfurter Geschäft für Secondhand-Mode vor dem Spiegel. Foto: dpa

Hindi Kiflai hat ihren eigenen Stil. Zum Treffen in einem Café im Frankfurter Nordend trägt sie einen langen, fein karierten schwarz-weißen Tellerrock, eine wild gepunktete Bluse und ein in neonpink leuchtendes Halstuch, darüber eine schlichte schwarze Lederjacke, klassische weiße Chucks halten sie auf dem Boden. Dass ihr Outfit Second Hand ist, sieht man ihm nicht an.

Die Hörfunk-Journalistin hat sich vorgenommen, 365 Tage lang nur gebrauchte Kleidung zu tragen, Schuhe und Unterwäsche ausgenommen. Es ist ein Selbstversuch, den Hindi Kiflai seit Anfang des Jahres in einem Blog mit der Welt teilt. Jeden Tag postet sie auf www.dailyrewind.de Bilder von ihrem aktuellen Look. Die Fotos schießt ihr Mann. Sie will inspirieren, aber ohne den Konsum weiter anzuheizen. „Ich zeige jeden Tag, das man nachhaltig angezogen sein kann, ohne viel Geld auszugeben.“ An Tag 49 muss sie feststellen: Es ist zeitaufwendiger als gedacht.

Doch das Feedback gibt ihr Recht und spornt sie an, weiterzumachen. „Ich freue mich auf dieses Abenteuer das Hindi hier zelebriert. Das HAT Stil !!!!!“, kommentiert Leserin Marion einen ihrer Posts. „Du erscheinst als Chamäleon – bunt und schillernd unterschiedlich faszinierend... Ich lasse mich von dir jeden Tag neu überraschen“, schreibt Doro begeistert.

Wie viele Menschen hat die studierte Soziologin Spaß an Mode und Trends, sie informiert sich über Apps und Blogs, was gerade in ist, lässt sich Newsletter schicken, spaziert durch Läden und Boutiquen. „Ich dachte, ich bin total selbstbestimmt. Pustekuchen!“ Hindi Kiflai fühlte sich im Konsum-Sog. Berichte über schlechte Arbeitsbedingungen für Näherinnen in Bangladesch und der Einsturz der Textilfabrik Rana Plaza mit über 1000 Toten brachte sie zum Umdenken. Statt sich weiterhin von Marketing-Kampagnen beeinflussen zu lassen, wollte sie sich aus dem Modediktat befreien. „Ich möchte einen Augenblick länger über mein Kaufverhalten nachdenken und weiß: Cool aussehen geht auf jeden Fall auch in alten Klamotten“, schreibt sie in ihrem Blog.

Kooperation mit Oxfam

Dafür hat sie schon einige Wochen vor Beginn des Projekts angefangen, ihren Kleiderschrank bis auf 15 Teile auszumisten. Das meiste hat sie gespendet, verschenkt oder verkauft. „Sich zu lösen, war befreiend“, sagt sie. Es ging darum, Platz zu schaffen für die vielen neuen alten Stücke, die noch kommen sollten.

Die leiht sie sich größtenteils von der Second-Hand-Kette Oxfam, mit der sie eine Kooperation eingegangen ist. Einmal die Woche sucht sich Kiflai in einem der drei Frankfurter Läden eine Auswahl an Hosen, Röcken, Pullis und Shirts aus und nimmt sie mit nach Hause. „Daheim breite ich alles auf meinem Bett aus und schiebe die Teile hin und her.“ So stellt sie sich die Outfits zusammen. Was ihr besonders gut gefällt, wird mehrfach getragen. Jedes geliehene Teil wird akribisch in einer Liste notiert, schließlich muss auch alles wieder zurückgebracht werden. Was gar nicht immer so leicht ist, wenn sich Hindi Kiflai erstmal in ein Teil verliebt hat.

Was die Liste noch offenbart ist, wie viel Geld sich beim Kauf gebrauchter Kleidung sparen lässt. Es findet sich ein Rock für 7,50 Euro, eine Bluse für knapp zehn Euro oder eine Tasche für 15 Euro. Unter den Fundstücken gibt es sogar große Marken: einen Burberry-Mantel für 50 Euro, eine Jeans von Dior für 25 Euro.

Natürlich hat die Bloggerin in den Second-Hand-Läden nur so viel Auswahl, weil andere viel konsumieren und ihre getragenen Sachen dort hinbringen. Wenn alle weniger kaufen würden, müsste weniger produziert werden, Ressourcen würden geschont. Noch nachhaltiger wäre es also, komplett auf neue Kleidung zu verzichten und sich auf das zu beschränken, das man im Schrank hat. „Das geht an meiner Lebenswirklichkeit vorbei“, sagt Kiflai. „Ich habe Spaß an Mode. Und ich möchte andere inspirieren.“ Deshalb ziehe sie auch manchmal Sachen an, die ihr weniger gefallen, einfach um die Vielfalt von Second-Hand-Mode zu zeigen. „Das Tolle ist, in den Läden hängt Kleidung aus 50 Jahren und viele Trends kommen immer wieder.“ Bomberjacken, Schlaghosen, Midi-Röcke – war alles schon mal Trend und ist es wieder. Second-Hand-Neulingen rät sie trotzdem erstmal zu Basics, wie Shirts und Hosen. Obwohl letztere ihre Tücken haben könnten, sagt sie. Denn die Größen haben sich über die Jahre verändert.

Mittlerweile gibt es viele Labels, die fair und umweltschonend produzierte Kleidung zu moderaten Preisen verkaufen, wie Armedangels oder People Tree. Für Hindi Kiflai sind das keine Alternativen. Ihr Style sei zu speziell, um sich auf wenige Marken zu beschränken, sagt sie. Sie wolle keinesfalls mit dem Zeigefinger auf Shopaholics zeigen. Ihr Motto soll vielmehr sein: „Haut rein, habt Spaß!“ Aber eben mit gebrauchter Kleidung.

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