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Konferenz im Historischen Museum „Linke müssen Selbstkritik üben“

Tom Uhlig und Katharina Rhein über Antisemitismus in der politischen Linken und eine Konferenz im Historischen Museum.

Tom Uhlig und Katharina Rhein beschäftigen sich in der Bildungsstätte Anne Frank mit Antisemitismus. Foto: Peter Jülich

Frau Rhein, Herr Uhlig, seit einigen Wochen wird wieder über Antisemitismus gestritten. Die Bildungsstätte Anne Frank veranstaltet eine Tagung zum Thema, allerdings geht es dabei nur um Antisemitismus in der politischen Linken. Warum? 
Tom Uhlig : Erst einmal ist die Konferenz Teil eines Modellprojektes zu genau diesem Thema. Ein Anlass war das verstärkte Auftreten der Israel-Boykottbewegung „BDS“ in Hessen. Aber insgesamt gilt, dass Antisemitismus ein gesamtgesellschaftliches Problem ist. Wenn man es mit der Antisemitismuskritik ernst nimmt, gilt es, sich das auch in der Linken anzugucken.

Katharina Rhein : Dazu kommt: Wir finden, dass man sich vom momentanen Rechtsruck nicht dumm machen lassen darf. Gerade um die Auseinandersetzung mit der politischen Rechten führen zu können, müssen Linke sich reflektieren und Selbstkritik üben.

Die meisten Leute würden Antisemitismus wohl eher bei Rechtsradikalen oder Islamisten vermuten. Wie groß ist das Problem in linken Kreisen? 
Rhein: Es zeigt sich immer wieder, dass das ein Problem ist, und die Auseinandersetzung darum zieht sich ja schon seit mehreren Jahrzehnten durch linke Debatten. Aber es fehlt oft an wirklich selbstkritischer Auseinandersetzung.

Uhlig: Es ist wie überall beim Antisemitismus so, dass sich keine quantitativen Aussagen treffen lassen, weil es kaum Untersuchungen gibt, die sich dezidiert mit Antisemitismus beschäftigen. Aber man hat Hinweise wie etwa die „Montagsmahnwachen für den Frieden“, die 2014 entstanden sind. Da hat sich gezeigt, dass es möglich ist, Bündnisse von Attac über die Linkspartei bis zu Rechtsradikalen aufzustellen, weil man eben bestimmte antisemitische Argumentationsweisen teilt.

Machen wir’s konkret: Wo zeigt sich linker Antisemitismus?
Rhein: Zum Beispiel in einer personalisierten Kapitalismuskritik, bei der versucht wird, Schuldige für die Ungerechtigkeiten im Kapitalismus zu finden. Damit wird die Illusion geschürt, ohne diese Personen wären alle Probleme gelöst – und man kann sich selbst aus der Reflexion herausnehmen.

Uhlig: Neben dieser regressiven Kapitalismuskritik wäre etwa eine Thematisierung internationaler Konflikte zu nennen, die darauf hinausläuft, diese auf das angebliche böse Wirken von Israel zurückzuführen. Diese antiimperialistische Denkschablone teilt die Welt in Gut und Böse ein und endet dabei oft in der Verschwörungstheorie.

Antisemitisches Denken widerspricht einem emanzipierten Selbstbild. Ist Antisemitismus bei Linken versteckter? 
Rhein: Wir können derzeit noch nicht abschließend beantworten, ob es einen genuin linken Antisemitismus gibt. Ich würde sagen, es gibt eher eine bestimmte Art und Weise, wie sich Antisemitismus in der Linken artikuliert.

Uhlig: Das Modellprojekt heißt ja nicht ohne Grund „Das Gegenteil von gut“. Linker Antisemitismus ist gut gemeinter Antisemitismus. Linke Antisemiten wollen nicht hetzen, sie wollen moralisch auf der richtigen Seite stehen. Und man kann oft eine Verharmlosung von Antisemitismus beobachten, etwa wenn er nur als eine Spielart des Rassismus verstanden oder auf die Shoah konzentriert wird, so dass alles unterhalb des Völkermords nicht antisemitisch sein soll.

Besonders erbittert wird unter Linken über das Verhältnis zu Israel gestritten. Wie lassen sich bei linker Kritik an Israel oder etwa in der BDS-Bewegung antisemitische Tendenzen erkennen?
Rhein: Ein erstes Merkmal ist oft die Obsessivität, mit der sich mit dem Nahostkonflikt beschäftigt wird, so dass die Leute gar nicht mehr merken, wie wenig sie sich für alle anderen Konflikte in der Welt interessieren. Ganz oft wird auch behauptet, man dürfe Israel nicht kritisieren – obwohl alle Tageszeitungen voll sind mit kritischen Texten. Da ist oft der antisemitische Wahn enthalten, dass Juden übermächtig seien.

Uhlig: In Bezug auf Israel gibt es Faustregeln wie das 3-D-Konzept von Natan Scharanski. Antisemitisch argumentiert danach, wer Israel dämonisiert, delegitimiert und an Doppelstandards misst. Und selbst die gemäßigten BDS-Aktivisten erfüllen alle diese Kriterien: Sie messen Israel an Standards, die sie an keinen anderen demokratischen Staat anlegen würden, sie stellen alle Tragödien bei Militäreinsätzen als intendiert dar, und mit der Forderung nach einer Rückkehr aller palästinensischen Flüchtlinge stellen sie die Existenz Israels als jüdischer Staat infrage. Und diese Argumentationsmuster finden sich bei vielen Linken, selbst wenn die BDS-Bewegung hierzulande bislang noch nicht so stark ist wie in Großbritannien oder Frankreich.

Ist Antisemitismus eigentlich etwas, das sich schon immer durch die Geschichte linker politischer Bewegungen zieht? 
Rhein: Wenn man sagt, die politische Linke beginne mit der Arbeiterbewegung, dann entsteht sie zusammen mit einer Kritik am Kapitalismus, und zugleich gibt es immer das Bedürfnis nach einfachen Erklärungen für gesellschaftlich komplexe Vorgänge. Und da gibt es dann Anknüpfungspunkte zu Verschwörungstheorien, die in letzter Instanz antisemitisch sind. Insofern gibt es da eine Konstante, aber es ist auch eine Konstante, dass die Linke den Antisemitismus kritisiert.

Uhlig: Die Begriffe, um Antisemitismus zu begreifen, entstammen ja selbst der linken Tradition.

Ist es das, was gegen Antisemitismus in der Linken hilft? Texte lesen, diskutieren, Tagungen organisieren? 
Uhlig : Nein, das geht nicht nur auf kognitivem Weg. Antisemitismus ist, wie Jean-Paul Sartre sagt, eine Leidenschaft, eine gefühlsmäßige Bindung an ein Feindbild. Die Leute sind emotional involviert. In unserer Erwachsenenbildung versuchen wir daher, immer auch diese Ebene zu thematisieren: Wieso hängen die Leute so an antisemitischen Denkformen? Ich würde sagen: weil sie die Welt sortieren und damit Komplexität und die Angst vor Ambivalenzen reduzieren. Antisemitismus hat nicht primär mit Jüdinnen und Juden zu tun, sondern mit den Leuten, die ihn in Denken und Handeln reproduzieren.

Rhein: Ich sage daher immer, es muss darum gehen, Dialektik-Kompetenz zu fördern. Also die Fähigkeit, Widersprüche aushalten zu können.

Interview: Hanning Voigts

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