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KOMMENTAR Frankfurt muss dichter werden

Übertragen auf die ganze Stadt heißt die Botschaft zum Ernst-May-Viertel: Frankfurt wird dichter werden müssen. Es geht nun darum, die Verdichtung so sozial und ökologisch wie möglich zu gestalten. Der FR-Kommentar.

Die Zeit drängt. Frankfurt wächst nach wie vor rasant. Die Kommunalpolitik aber hält nicht Schritt mit dem Tempo der Veränderung. 15 000 Menschen drängen jedes Jahr neu in die Stadt – das ist nur die Zahl derer, die sich offiziell anmelden. Hinzu kommt eine Dunkelziffer von Neuankömmlingen, deren Weg sie nicht zur Anmeldung aufs Bürgeramt führt. All diesen Menschen kann die Stadt nur ein völlig unzureichendes Angebot an Wohnraum machen.

Kurzfristig fehlen nach den offiziellen Daten des städtischen Wohnungsamtes mindestens 40 000 Unterkünfte, mittelfristig könnten es bis zu 90 000 sein. Vor allem Haushalte mit kleinem und mittlerem Einkommen besitzen auf dem Frankfurter Wohnungsmarkt kaum noch eine Chance.

Die Kommunalpolitik muss jetzt Entscheidungen treffen über neue, große Wohnquartiere. Es braucht eine Perspektive für das nächste Vierteljahrhundert. Anfang der 90er Jahre hatten sich CDU, SPD und Grüne dazu durchgerungen, den Riedberg zu entwickeln. Und gerade erst geht dieser Stadtteil für 17 000 Menschen seiner Vollendung entgegen. Das zeigt das schleppende Tempo der Stadtentwicklung.

Die Kommunalpolitik in Frankfurt hat seit den 90er Jahren viel Zeit verloren. CDU und Grüne fanden in ihrer Römer-Koalition von 2006 bis 2016 nicht die Kraft, eine große Perspektive für die Stadtentwicklung zu schaffen. Im Gegenteil: Die schwarz-grüne Koalition traf eine fatale Fehlentscheidung, die noch lange nachwirken wird: CDU und Grüne entschieden, den Osthafen auf 50 weitere Jahre an die private Wirtschaft zu verpachten.

Rücksicht nehmen auf Frischluftschneisen

Damit wurde die Stadt einer wichtigen Entwicklungsachse beraubt. Städtebaulich sinnvoll wäre es, Frankfurt und Offenbach entlang des Mains zusammenwachsen zu lassen. Dieser Weg ist bis auf weiteres versperrt. Hinzu kommt, dass die Kommune für den ökologisch schädlichen Ausbau des Rhein-Main-Flughafens einen viel zu hohen Preis gezahlt hat. Weite Freiflächen der Stadt sind jetzt so verlärmt, das dort keine Wohnungen mehr gebaut werden dürfen.

Es zeichnet sich ab, dass die Politik in den nächsten Jahren diese strikte Regelung aufweichen muss – um eine Entwicklungsperspektive für Frankfurt zu schaffen.

Der gemeinsame Antrag zur Schaffung des Ernst-May-Viertels, den CDU, SPD und Grüne gestern präsentierten, stellt so etwas wie den kleinsten gemeinsamen Nenner dieses schwachen politischen Bündnisses dar. Und der heißt: Ein neues großes Wohnquartier wird zwangsläufig Grün- und Freiflächen verdrängen müssen.

Übertragen auf die ganze Stadt heißt die Botschaft: Frankfurt wird dichter werden müssen. Es geht darum, diese Verdichtung so sozial und ökologisch wie möglich zu gestalten.

Es braucht also tatsächlich sozialen Wohnungsbau und keine weiteren Luxuswohntürme für die Happy Few. Es braucht also tatsächlich eine Bebauung, die Rücksicht nimmt auf Frischluftschneisen.

Das Ernst-May-Viertel muss den Beweis erbringen, dass dies möglich ist. Nur so können am Ende auch die protestierenden Bürger überzeugt werden.

Das ist eine große politische Herausforderung. Das Gleiche gilt für den erhofften Deckel über der Autobahn 661. Aus sozialen und ökologischen Gründen sollte die Römer-Koalition an diesem städtebaulichen Ziel festhalten.

Um die Überbauung zu verwirklichen, wird die Stadt sie freilich am Ende fast alleine bezahlen müssen. Eine so reiche Kommune wie Frankfurt kann sich das leisten.

Beim May-Viertel darf die Kommunalpolitik jetzt nicht stehen bleiben. 2017 sollte das Jahr werden, in dem die Römer-Koalition die Entscheidung über neue Stadtteile fällt. Denn die Zeit drängt.

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