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Klimawandel „Wir sind eine Einwanderungsstadt“

Umweltdezernentin Heilig über Klima, Baugebiete und die Frankfurter Anpassungsstrategie: Pflanzen zur Kühlung.

Goetheplatz in Frankfurt
Der Goetheplatz im Sommer: Voriges Jahr mussten die Bäume stark bewässert werden. Der ausgedehnte Steinboden – eine Hitzefalle. Foto: Picasa

Frau Heilig, eine Klima-Piazza in der Stadt: Bleibt uns nur noch die Chance, den Klimawandel erträglicher zu machen – Symptome zu bekämpfen?
Wir müssen dem Klimawandel begegnen – das haben wir in diesen heißen Tagen sehr anschaulich erlebt. Es geht um die ganze Stadt: Wie müssen wir bauen, wie müssen wir Dächer begrünen, wie müssen wir Fassaden begrünen? Gucken Sie sich diese Steinwüste an (zeigt aus dem Fenster in Richtung Bankenviertel) oder was an der Braubachstraße entsteht. Da wird überhaupt kein Grün dabei sein, und das ist falsch, das Bauen insgesamt, aber auch wie unsere Plätze geplant wurden und leider auch immer noch werden.

Was ändern Sie?
Wir sehen uns die Aufenthaltsqualität heute aus einem anderen Blickwinkel an: Sind die Plätze so gestaltet, dass wir uns in solchen Hitzeperioden – und die werden zunehmen – überhaupt da hinsetzen können, dass wir unser Pausenbrot genießen, unsere Kinder mitnehmen können, dass Menschen aller Altersstufen Lust haben, sich dort niederzulassen. Wir müssen das Aufheizen solcher Plätze abmildern. Mit der Klima-Piazza wollen wir mal zeigen, wie man das machen könnte. Die Grundidee ist: vom Grün her denken.

Wie wollen Sie erreichen, dass die Plätze der Zukunft anders aussehen?
Zu meinem großen Erstaunen lernen junge Architekten immer noch an Hochschulen, dass die Plätze möglichst frei sein sollen, freie Blickachsen, freie Flächen. Da wollen wir darauf einwirken, dass die Professoren auch umdenken. Das gilt übrigens auch für die Planer und Architekten in der Stadt. Beispiel Martin-Luther-Platz – an die Bäume hat keiner gedacht. Jetzt drängeln sich alle in den spärlichen Schatten. Die Notwendigkeit wird inzwischen schon erkannt – aber immer nur dann, wenn es zu heiß ist.

Greifen Sie da ein als Dezernentin? Sagen Sie: Da müssen jetzt mehr Bäume drauf?
Ich muss dies Thematik mit meinem Magistratskollegen Mike Josef von der SPD bereden – und ich denke und hoffe, dass er das berücksichtigt, wenn es um künftige Platzgestaltung geht. Ich glaube, es ist in seinem Kopf schon angekommen.

Apropos künftige Gestaltung: Der neue Stadtteil im Nordwesten, auch andere Projekte – ist das die richtige Anpassungsstrategie an den Klimawandel? Große Baugebiete da, wo Abkühlung bisher noch entsteht?
Meine Position ist die, dass wir ein Einwanderungsland sind und auch eine Einwanderungsstadt. Wir bauen keine Mauer um Frankfurt. Ich kann nicht sagen, toll, dass die Syrer kommen – aber nach Frankfurt bitte nicht, da machen wir jetzt eine rote Linie und sagen Schluss mit der Bebauung. Das geht nicht.

Wie geht es dann?
Wir müssen verantwortlich und klimabewusst bauen – wir müssen vom Grün her bauen. Das wird eine Herausforderung an die Planer. In die Architektenwettbewerbe muss das reingeschrieben werden, dass wir klimagerecht bauen, damit es eben nicht zu einer weiteren Überhitzung kommt – und das geht! Das wünsche ich mir von Mike Josef, dass das eine ganz fette Bedingung wird. Wir fordern bei jedem Baugebiet auch eine kleinklimatische Untersuchung. Gebiete, durch die Frischluft nach Frankfurt weht, müssen von Bebauung freigehalten und extrem durchgrünt werden, ganz anders als wir das in der Vergangenheit gemacht haben.

Interessiert das Thema Klima die Leute überhaupt?
Am Grüne-Soße-Tag in der Hitze hat es sie sehr interessiert. Der Mensch ist so gestrickt: Wenn ich im Winter über Klimaanpassung rede, ziehen sich alle die Jacke an und sagen: Worüber spricht die? Wenn es heiß ist, sagen sie: Die Frau hat recht. Spannend wird, was sie sagen, wenn auf den begrünten Platz kein Grüne-Soße-Festival oder Ebbelweifest mehr passt.

Oder wenn sie ihren Geländewagen nirgends parken können.
Das kommt noch dazu. Aber wir haben uns was überlegt, das wollen wir auf der Klima-Piazza zeigen. Eine Idee ist das grüne Zimmer, die bepflanzten Bänke, auf denen man zu beiden Seiten einer Pflanzenwand sitzen kann. Bisher haben die Anwohner super positiv auf die ersten Tests reagiert. Wir wollen, dass das Schule macht.

Auf der Piazza gibt es auch das Spiel Super Hot. Wie funktioniert das?
Es ist eine Art Rollenspiel. Einer ist zum Beispiel die IHK, der andere ist der besorgte Bürger, der keine Neubebauung will. Alle sollen in ihren Rollen bleiben, aber sich doch gemeinsam Gedanken machen, wie sie sich dem Thema Klimaanpassung stellen können. Da kommt sehr schnell viel Positives dabei heraus. Die Leute identifizieren sich stark mit ihrer Rolle, lernen aber auch, über ihren Schatten zu springen.

Interview: Thomas Stillbauer

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