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Klimawandel Die Eisbärenversteher

Seit zehn Jahren erforscht Bik-F in Frankfurt das Wechselspiel von Klima und Artenvielfalt. Dabei stieß die Wissenschaft auf Fakten, die Eisbären Mut machen könnten.

Eisbär
Mit Klimaerwärmung hat der Eisbär mehr Erfahrung, als die Welt noch vor wenigen Jahren ahnte. | Foto: Artyom Geodakyan/TASS

Warum die Welt auf Klimaforschung angewiesen ist, zeigt sich ganz praktisch auf dem Gehweg vor dem Marriott-Hotel an der Messe: Da brennt schon am Vormittag die Sonne erbarmungslos hernieder – vor allem aber ist das Trottoir praktisch unpassierbar, weil zugeparkt von einer ganzen Herde Lieferwagen mit der Aufschrift: Klimatechnik.

Ein paar Schritte weiter in die Georg-Voigt-Straße hinein ist die Forschung schon, Pardon, ein paar Schritte weiter: Da feiert das Senckenberg-Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum (Bik-F) am Mittwoch sein zehnjähriges Bestehen mit Luftballons, vielen Gästen und prächtiger Stimmung.

Von Journalisten wegen seines Namens-Ungetüms gefürchtet, ist der interdisziplinäre Wissenschaftsbetrieb in Fachkreisen schnell zum Qualitätsbegriff geworden. Wenn es um die Wechselwirkung von Artenvielfalt und Klima gehe, habe das Frankfurter Institut die Nase vorn, bescheinigt Andreas Mulch, der stellvertretende Senckenberg-Generaldirektor: „einzigartig in der deutschen Forschungslandschaft.“

Was machen denn die Wissenschaftler von Goethe-Uni, Senckenberg und dem Institut für sozial-ökologische Forschung so? Seit 2008, zunächst als Loewe-Projekt der Landesregierung, seit 2015 als sechstes Senckenberg-Institut, fahren sie etwa nach Nordamerika, besorgen uraltes Gestein und gehen der Frage nach: Ist es in Warmzeiten auf der Erde immer trocken? Dann untersuchen sie das Gestein, so wie Katharina Methner, und erfahren: Nein, den „Aufzeichnungen“ dieses Brockens zufolge war es während der Warmzeit feucht – zumindest vor 40 Millionen Jahren.

Andere Teams fanden heraus, dass die afrikanische Savanne schneller verwaldet, je schneller der CO2-Gehalt steigt, weil das wie Dünger wirkt. Sie ermittelten, dass Tierarten stärker von Pflanzenarten abhängig sind als umgekehrt: Fällt eine Pflanze wegen des Klimawandels weg, stirbt dort schon mal eine Tierart aus. „Spezialisierte Tierarten werden die Verlierer des Klimawandels sein“, folgert Forscher Matthias Schleuning in seinem Blitzreferat vor der Festgemeinde. Und Axel Janke fand mit seiner Gruppe heraus, dass der Eisbär viel älter ist als gedacht: 600.000 Jahre. Somit hat er schon drei Warmzeiten auf der Erde überstanden. Das macht Mut in Anbetracht der aktuellen Lage, ein bisschen wenigstens.

Interessant auch, dass der Klimawandel nach wissenschaftlichen Erkenntnissen nicht zwangsläufig zu mehr Migration führt; wichtiger als das Klima sind nach wie vor die gesellschaftlichen Verhältnisse. Beklemmend die Resultate, auf die Forscher und Uni-Professor Sven Klimpel stieß: Infektionskrankheiten durch Insektenstiche werden stark zunehmen. Die Tigermücke spielt da eine entscheidende Rolle.

Der hessische Wissenschaftsminister Boris Rhein (CDU) nennt Bik-F einen „wichtigen Baustein für den Kulturcampus“ und lobt: „Das Bewusstsein, das wir entwickeln, geht auf Ihre Forschung zurück.“ Uni-Vizepräsident Manfred Schubert-Zsilavecz flirtet mit Senckenberg, seinem „Lieblingspartner“ und erinnert: „Wissenschaft darf kein Selbstzweck sein, sie lebt von der Anwendbarkeit.“ Kein Problem, Bik-F-Direktorin Katrin Böhning-Gaese zählt Anwendungen auf: Einen Schlangenbiss-Schnelltest entwickelten die Kollegen. Und einen Algenmelder für Gewässer. Sie kann noch viele weitere (natürlich hochseriöse) Resultate der Forscher aufzählen. „Aber wir haben auch Spaß“, sagt sie.

Offenbar: Conferencière und Symbioseforscherin Imke Schmitt berichtet vom Bik-F-Bienenstaat im Fahrradkeller und vom Honig, gesammelt „in den blühenden Landschaften Bockenheims“. Der Saal lacht, die Gelehrten sind fröhlich und spürbar stolz auf ihr zehnjähriges Kind, auch wenn es noch „gewaltige Wissenschaftslücken“ bei Klima und Artenvielfalt hat, wie Böhning-Gaese erinnert: „Es gibt also noch viel zu tun.“

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