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Kita-Streik Die Nerven der Eltern liegen blank

Neben berufstätigen Eltern stellt der Erzieher-Streik vor allem alleinerziehende Berufstätige derzeit vor eine große Herausforderung. Viele versuchen sich daher selbst zu organisieren, schließen sich mit Freunden oder Gleichgesinnten zusammen. Ein Notfall-Management prägt den Alltag vieler Eltern.

Entspannt schaukeln können derzeit nur die Kids, ihre Eltern haben reichlich Stress. Foto: REUTERS

Brigitte H. (Name von der Redaktion geändert) trifft der Kita-Streik besonders hart. „Ich hangele mich derzeit von Tag zu Tag“, sagt die 45-jährige alleinerziehende Mutter eines 18 Monate alten Kindes in Frankfurt. „Ich bin Lehrerin und kann mir nicht einfach mal Urlaub nehmen“, sagt sie. Ihre Kita hat zu. Eine Notfallbetreuung gibt es zwar, aber in einer anderen Einrichtung. „Ich habe Bauchweh, mein Kind einfach an einer fremden Tür abzugeben. Wo bleibt da die pädagogische Verantwortung?“, fragt sie. „Sonst legt man Wert auf eine behutsame Eingewöhnung von Kleinkindern, solche Ziele werden auf einmal über Bord geworfen“, empört sie sich.

Alle Hände voll zu tun

Neben berufstätigen Eltern stellt der Erzieher-Streik vor allem alleinerziehende Berufstätige derzeit vor eine große Herausforderung. Sie haben seit einer Woche mehr als alle Hände voll zu tun, ihre Kinder tagtäglich unterzubringen. Viele können keine unbezahlten freien Tage nehmen, weil es ihr Job nicht zulässt oder sie auf das Geld angewiesen sind. Denn das Betreuungsgeld muss ja trotz Streik weiter an die Kita gezahlt werden.

Das Problem: Oft ist der Ex-Partner nicht greifbar, ebenso wenig die Großeltern, weil sie nicht in der Nähe wohnen. Tagesmütter oder Babysitter sind teuer, nicht ad hoc zu finden und nicht immer auf Anhieb vertrauenswürdig. Viele versuchen sich daher selbst zu organisieren, schließen sich mit Freunden oder Gleichgesinnten zusammen.

Auch Brigitte H. geht diesen Weg. Der Vater ihres Kindes hat sie schon in der Schwangerschaft sitzengelassen. Um ihrem Kind die Situation in einer fremden Einrichtung zu ersparen, lässt sie es derzeit vormittags von vier Freunden und Familien abwechselnd betreuen. Das hat seinen Preis. „Ich bin nur am Rennen, bringe mein Kind schnell morgens da hin und hole es nach dem Unterricht gleich wieder dort ab, bin in der Schule unkonzentriert, weil ich an den nächsten Tag denke“, schildert die Lehrerin ihren momentanen Alltag. „Ich weiß nicht, wie ich das auf Dauer schaffen soll.“

Für den Erzieher-Streik hat sie kein Verständnis. „Ich merke von den pädagogischen Zielen meiner Kita nichts im Alltag“, sagt sie. „Ich erfahre von den Erziehern nur, was mein Kind gegessen oder wie lange es geschlafen hat und dass es bei gutem Wetter im Garten war.“ Ob sie ihr Kind in der Kita oder im Ikea-Smaland abgebe, mache für sie da keinen großen Unterschied. Im Vergleich würden Altenpfleger eine hochwertigere Arbeit leisten. „Wenn die Erzieher mehr machen würden mit den Kindern, wäre ich auch bereit, mehr zu zahlen.“

Das sieht Susanne Waechter, alleinerziehende Mutter und Lehrerin an der Valentin-Senger-Schule in Bornheim, anders. Auch sie muss derzeit stärker als üblich die Betreuung ihres achtjährigen Sohnes organisieren, hat aber volles Verständnis für den Streik. „Ich unterstütze unbedingt die Forderungen der Erzieherinnen und Erzieher, sie leisten unglaubliche Arbeit, übernehmen viel Verantwortung und werden meines Erachtens wirklich schlecht bezahlt“, sagt sie.

„Solidarität ist von uns gefordert, was natürlich als Alleinerziehende anders leistbar ist als in einer Beziehung, egal, wie die Zusammensetzung ist.“ Susanne Waechter hat sich mit anderen Müttern und Alleinerziehenden zusammengeschlossen, sie betreuen jetzt abwechselnd die Kinder nach der Schule bei sich zu Hause.

Unterstützung gibt es auch beim Frankfurter Verband alleinerziehender Mütter und Väter in Bockenheim. „Wir planen für diese Woche einen Streikausflug für Kinder von Alleinerziehenden“, kündigt Gabriele Beus, Leiterin der Ortsgruppe, an. „Auch Kinder von Nicht-Mitgliedern sind willkommen.“ Geplant ist, ab Mitte der Woche mit ihnen einen Tag lang ins Museum und auf den Spielplatz zu gehen. Wann das genau sein soll, steht noch nicht fest und richtet sich nach Bedarf und Anzahl der Anmeldungen. Der Frankfurter Verband wird von der Stadt Frankfurt finanziert und zählt rund 160 Mitglieder, 95 Prozent davon sind Frauen im Alter zwischen 30 und 50 Jahren.

„Die wenigen Männer, die zu uns kommen, sind über 50 mit älteren Kindern“, sagt Beus. Oft blieben Kinder, wenn sie noch klein seien, nach der Trennung bei der Mutter. Beim Frankfurter Verband für Alleinerziehende können sie sich seit mehr als 40 Jahren zu den Themen Existenzsicherung, Sorgerecht und Unterstützung im Alltag beraten lassen, lernen sich kennen bei Sonntagsbrunchs, Kochprojekten, Ausflügen und Festen.

„Wir überlegen derzeit auch, wie wir unser Angebot noch weiter ausbauen können“, sagt Gabriele Beus. Denn in Frankfurt wächst die Zahl der Alleinerziehenden. Mehr als 22 000 Kinder und Jugendliche leben in Einelternfamilien, also etwa zehn Prozent – Tendenz steigend. Bei neun von zehn Alleinerziehenden-Familien lebt das Kind bei der Mutter. Laut Statistik sind Alleinerziehende eher in Großstädten mit mehr als 500 000 Einwohnern anzutreffen als in ländlichen und kleinstädtischen Räumen, sagt Veronika Hammer, Familienforscherin an der Universität Coburg. Gründe hierfür seien, dass in Großstädten die Trennungs- und Scheidungsrate höher ist, die Kinder besser betreut werden und es mehr Teilzeitarbeitsplätze und mehr Angebote im direkten Lebensumfeld gibt.

Um Alleinerziehende künftig besser zu unterstützen, wurde beim Frankfurter Familienkongress Anfang Mai das Frankfurter-Alleinerziehenden-Netzwerk (Fan) gegründet. 31 Organisationen haben sich zusammengetan, um die alltäglichen Fragen und Probleme von Alleinerziehenden zu behandeln. Mit dabei sind Vertreter aus sozialen Verbänden, der Wirtschaft und der Kommune.

Teilzeitarbeit als Lösung

„Durch den Zusammenschluss sollen manche Dinge schneller auf den Weg gebracht werden“, sagt Monika Hofmann vom Frankfurter Kinderbüro und Mitkoordinatorin des Bündnisses. Etwa wie junge alleinerziehende Mütter trotz ihrer alltäglichen Belastung eine qualifizierte Ausbildung machen können oder bei Unterhaltszahlungen bessergestellt werden. Und wie sie Hilfen bei der Wohnungssuche und bei finanzieller Not bis hin zu Ferienbetreuung erhalten und auch leichter eine Teilzeitanstellung finden. „Wir wollen auf Unternehmen zugehen und sie dazu bringen, mehr Teilzeitarbeit anzubieten“, sagt Monika Hofmann.

Auch Susanne Waechter ist froh, dass sie als Lehrerin nur in Teilzeit arbeitet. „Es ist ein Privileg, keine volle Stelle als Alleinerziehende zu haben“, sagt sie. So könne sie jetzt während des Streiks immerhin ein bis zwei Tage mehrere Kinder nachmittags bei sich zu Hause versorgen. „Wir Alleinerziehende müssen ja per se gut organisiert sein“, gibt sie zu bedenken. „Aber mehr als vier Wochen kann ich auch nicht stemmen.“ Schließlich müsse sie ja den Unterricht und Konferenzen vorbereiten. „Irgendwann reicht es dann mal.“

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