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Kinderuni Frankfurt Die Allüren der Grillen

Die Frankfurt Kinder-Uni startet mit echten Tieren und deren Liebesleben. 1300 Kinder aus Frankfurt und Umgebung können Uni-Luft schnuppern.

So wird gezirpt: Biologe Christian Dietz zeigt am Modell, was uns die Grillen voraus haben. Foto: christoph boeckheler*

Liebe Kinder, liebe Eltern, liebe Lehrerinnen und Lehrer, es ist wieder Kinder-Uni in Frankfurt, und die Frankfurter Rundschau ist Partnerin. Erfahren Sie heute: Wie Grillen zirpen und einander bezirzen, wie groß ein Rasterelektronenmikroskop ein herkömmliches Schulkind aus dem Rhein-Main-Gebiet machen kann und was Jasmin und Malin aus der Grundschule Oberursel Mitte später werden wollen. Aber zunächst einmal: Hörsaal frei!

8.45 Uhr am Dienstag. So ruhig wie jetzt wird es im Audimax der Goethe-Uni auf dem Campus Westend für lange Zeit zum letzten Mal gewesen sein. Und da kommen sie auch schon, 1300 Kinder aus Frankfurt und Umgebung – hineiiiiiin ins gigantische Klassenzimmer. Junge im Vorbeigehen: „Boah, das ist ja riesig!“

Eher klein ist dagegen eine Grille. Sie kommt aber heute groß raus, denn um sie geht es in der ersten Vorlesung der Kinder-Uni-Woche: „Willst du mit mir gehen? Wie Grillen ihre Partner finden.“ Ehe es losgeht, muss die Kinder-Uni natürlich eröffnet werden. Das machen Universitätspräsidentin Birgitta Wolff und Staatssekretär Ingmar Jung und verraten bei der Gelegenheit gleich ihre Lieblingsfächer von früher. Jung: „Sport.“ Publikum: „Yeah!“ Wolff: „Und damit sind Sie bis ins Wissenschaftsministerium gekommen – da sieht man, dass Sport wichtig ist.“ Die Präsidentin selbst (Geschichte) hat einen Tipp für die Nachwuchs-Studierenden: „Sich vorstellen, man wäre jemand anders, und dann sich selbst angucken. Dann kann man viel lernen.“ Die Nachwuchs-Studierenden so: Hä?

Man muss ja nicht gleich alles verstehen. Die Klasse 4d der Wilhelm-Arnoul-Schule aus Mörfelden-Walldorf will beispielsweise einfach mal reinschnuppern. „Die Kinder sollen die Uni mal kennenlernen. Ist ja sehr beeindruckend, so ein Vorlesungssaal“, sagt Lehrerin Sandra Beer. „Einfach mal auf andere Weise Wissen vermittelt bekommen.“ Das Biologie-Thema hat sie gleich angesprochen. Eine gute Gelegenheit für die Viertklässler, sich schon mal an die Uni zu gewöhnen? Die Lehrerin lacht. „Dafür ist es noch ein wenig zu früh, glaube ich.“

Pssst jetzt, an der Wand erscheinen drei Projektionen, die je zwei Grillen zeigen. Der Grillenmann spielt Geige, die Grillenfrau ist in Liebe entflammt, Tobias Borries hat sie entzückend gezeichnet. Dass die Geschlechterrollen ziemlich traditionell verteilt sind, ist nicht seine Schuld – der Grillenmann ist nun mal derjenige mit dem Musikinstrument, wenn auch nicht mit einer Geige, sondern mit einer sogenannten Schrillleiste. Wo die sich befindet, war am Dienstag eine der sechs Fragen auf dem Quiz-Zettel. Jetzt können wir es ja verraten: Mit beiden Flügelunterseiten zirpt der Grillenmann. Und die Grillenfrau „hört“ mit den Hinterbeinen, an denen sie Trommelfelle hat.

1500 Kilometer große Kinder

Phänomenal, so ein romantischer Abend bei Gryllus bimaculatus, wie die Zweifleck- oder auch Mittelmeergrille lateinisch heißt. Uni-Biologe Christian Dietz und seine Assistentin Sophie Steigerwald führen es so anschaulich vor, dass sie mehrmals donnernden Szenenapplaus bekommen – auch für ihren Exkurs in die Vergrößerungstechnik. Sophie Steigerwald hält etwas in die Höhe, so klein, dass es ab Reihe drei kein Mensch mehr erkennt. Mit einer Lupe, sagt Dietz, lässt sich das ordentlich vergrößern; die Assistentin hält jetzt einen blauen Ball hoch. Aber hätte man das Ding mit dem Rasterelektronenmikroskop vergrößert, würde der blaue Ball nicht mehr in den Hörsaal passen, nicht mal in den Stadtteil. Und hätte der Biologe mit dem Wahnsinnsmikroskop einen der Schüler vergrößert, wäre dieses Kind jetzt wie groß? 1500 Kilometer! Donnernder Riesenapplaus.

Zum 14. Mal schon ist KinderUni in Frankfurt. Gründerin Ulrike Jaspers leitet das Ganze in diesem Jahr zum letzten Mal. Sie freut sich über den Erfolg und die bunte Themenmischung der Veranstaltung, die wie immer total ausgebucht ist. 11 000 Kinder werden erwartet, viele sind zum zweiten oder dritten Mal dabei.

Die echten Grillen hingegen, vorne bei Christian Dietz, sind neu hier. Als sie übergroß auf der Leinwand erscheinen, ist die Reaktion auf den Rängen einhellig: „Iiiih!“ Als die Kinder erfahren, dass die Tiere im Handel als Futter für „alle möglichen Haustiere“ zu haben sind: Doppel-„Iiiiihh!“ Und als Dietz ankündigt, dass Grillen als Nahrungsmittel der Zukunft gelten, etwa eingebacken in Kekse: Super-„Iiiiihhh!“ Wenn aber alle still sind und ein leises Zirpen im Saal zu vernehmen ist, einfach als Hintergrundgeräusch, entsteht eine wunderbare Stimmung. Der Dozent zaubert seinem Kollegen die Ohren weg und an eine Grille dran. Nutzt aber nichts, denn Grillen hören ja, wie gesagt, mit den Beinen.

Toll, wie Dietz den Kindern das Liebesleben der Tiere erklärt. Die Klasse 3a aus Oberursel Mitte lauscht gebannt. „Wir haben uns für die Grillen entschieden, das war fürs dritte Schuljahr am passendsten“, sagt Lehrerin Michaela Tillmann. Außerdem macht die Mama eines der Kinder gerade hier an der Uni eine Prüfung als Studentin. „Das ist natürlich zusätzlich spannend für die Klasse.“ Die beiden achtjährigen Schülerinnen Jasmin und Malin finden es toll und groß in der Uni, viel größer als in der Schule. Ob sie später studieren wollen? Wissen sie noch nicht. Aber einen Traumberuf haben sie längst: „Reiterin“, sagen beide. Zum Voltigieren sind sie schon angemeldet.

Derweil sollen vorne zwei Grillenmänner vor der Kamera um ein Weibchen zirpen. Das klappt nicht ganz. Sieht aus, als würden sie zirpen, nur hören kann man nichts. „Ihr wisst ja, wie Sänger sind“, sagt Christian Dietz: „Die haben immer ihre Star-Allüren.“ Vielleicht hätte er es machen sollen wie der Gymnasiallehrer Johann Regen anno 1913: Er rief die Grillen mit dem Telefon an. Prompt kam das Weibchen zum Hörer. Schon wieder so ein Geschlechter-Stereotyp. Frauen telefonieren halt gern.

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