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Kinder in Frankfurt Nachhilfe der etwas anderen Art

Im Ostercamp im Taunus verbessern Frankfurter Schüler ihre Noten und entdecken Talente. Zwölf Tage sind 55 Achtklässler aus Frankfurt in der Jugendherberge in Schmitten-Oberreifenberg untergebracht.

Der Camp-Fotograf hält die Fortschritte der Deutschgruppe fest. Foto: Rolf Oeser

Elias arbeitet sorgfältig. Er beugt sich dicht über den hellen Stoff, der neben der Nähmaschine liegt, schneidet vorsichtig heraushängende Fäden der sauberen Naht ab, prüft, ob alle Lücken geschlossen sind. Dann dreht der zierliche 15-Jährige den Beutel auf rechts und strahlt. Teamerin Laila Feuerhake nimmt das mit einer silbergrau gemusterten Borte verzierte Stück in die Hand und nickt anerkennend. Der Beutel könnte glatt aus der Auslage eines Hipsterladens stammen. Kaum zu glauben, dass Elias vor knapp zwei Wochen zum ersten Mal an einer Nähmaschine gesessen hat. Noch unglaublicher ist, dass er seitdem nicht nur den kunstfertigen Umgang mit Nadel und Faden gelernt, sondern auch Lücken in Bruchrechnung, Gleichungen und Geometrie aufgearbeitet hat.

Elias ist kein typischer Kandidat für die Nachhilfe der etwas anderen Art in der Jugendherberge in Schmitten-Oberreifenberg. Zwölf Tage sind 55 Achtklässler aus Frankfurt dort im Ostercamp, das vom hessischen Kultusministerium und der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) angeboten wird. Elias steht in Mathe auf vier, in Englisch auf zwei und in Deutsch auf drei. Aber er hat Pläne. Der Junge, der eine Gesamtschule besucht, möchte mindestens den Realschulabschluss, vielleicht sogar das Abitur schaffen. In Mathe muss er sich daher dringend verbessern. Dass er vor Klassenarbeiten aufgeregt ist, macht das nicht leicht. „Wir haben Entspannungsübungen gelernt“, sagt er, „die kann ich machen, wenn ich nervös bin.“

Er hat auch eines der Plakate in der „Fashion’n’mathics-Werkstatt“ über Rechenregeln gestaltet und präsentiert. „Wenn man anderen was erklärt, kapiert man es besser“, sagt er – und man wird bestärkt. Denn darum geht es in den Ostercamps, sagt Leiterin Sophia Zimmermann. „Wir gehen unvoreingenommen an die Jugendlichen heran und schauen, wo sie gut sind.“ Das schafft Motivation, an der es besonders in der Pubertät hapert. Da trifft es sich schlecht, dass die achte Klasse in diese schwierige Phase der Persönlichkeitsentwicklung fällt und jetzt die Weichen für die zukünftige Schul- oft sogar Berufslaufbahn gestellt werden. „Die Ostercamps sollen als kurzzeitpädagogische Maßnahme einen Startschuss für zu Hause geben“, sagt Jens Volcksdorff, Projektleiter für die Ostercamps im hessischen Kultusministerium. Und Sophia Zimmermann ergänzt: „Bei uns geht es darum, Lernen zu lernen und Motivation für eigenes Handeln zu entwickeln.“ Dazu gehören praktische Tipps, etwa wie man sich Lernzeit einteilt oder den Arbeitsplatz strukturiert.

Noch wichtiger aber ist es, die Sinnhaftigkeit des Schulstoffs zu vermitteln. Hicham weiß jetzt, dass es nützlich ist, wenn man eine Fläche berechnen kann. Er hat sich ein Tanktop genäht. Es ist ziemlich weit ausgefallen, aber es passt und die Arbeit hat Spaß gemacht. Deswegen ist er drangeblieben. „Ich konnte mich beim Nähen viel besser konzentrieren“, sagt er. Im Unterricht schaltet er oft ab. Der 14-Jährige weiß schon länger, dass er mehr tun müsste, um von der Fünf in Mathe herunterzukommen, nach den Osterferien will er die guten Vorsätze endlich umsetzen. Die positive Erfahrung gibt ihm Schwung. „Ich war skeptisch, dachte, wir müssen hier nur lernen“, sagt er, „dabei haben wir richtig viel Spaß.“ Zum Beispiel beim Tischtennisturnier. Hicham hat das Halbfinale erreicht, noch eine positive Erfahrung, die den Jungen bestärkt.

Viele sind mit Klassenkameraden oder Freunden gekommen, manche auch allein, haben neue Freundschaften geschlossen.

Einfach mal weg von zu Hause, vom Familienstreit, der Clique, den Verlockungen der Stadt, gibt es Raum für neue Entfaltungsmöglichkeiten, vorausgesetzt, die Regeln werden eingehalten. „Wir fördern, fordern aber auch“, sagt Volcksdorff. Respekt werde auf beiden Seiten großgeschrieben. Dass Jugendliche nach Hause geschickt werden müssen, weil sie sich nicht benehmen, käme jedoch nur „in seltenen Einzelfällen“ vor, sagt er.

Alkohol und Zigaretten sind verboten, es gibt keine Playstation, kein Fastfood und kein Fernsehen, höchstens mal einen Kinoabend, Handys sind nur in der Freizeit erlaubt, die Schüler müssen auf dem Gelände bleiben. So kommt es, dass Jungs, die ansonsten in den Ferien stundenlang zocken, Armbändchen basteln und Mädchen Tischtennis spielen, statt ins Shoppingcenter zu gehen oder sich Dokusoaps anzusehen. Jeder Tag ist klar strukturiert, beginnt um acht Uhr mit dem Frühstück und endet um 22 Uhr mit der Nachtruhe. Dazwischen wechseln Projektarbeit, Sport, Spielangebote und Freizeit. Auch Ausflüge zum Klettern oder ins Schwimmbad gehören dazu, es sind ja schließlich Ferien. Die Ostercamps sind eine Spielwiese – auch für angehende Lehrer, die ebenso wie Erzieher und Sozialpädagogen zum Betreuerteam gehören. Neue Lehr- und Lernmethoden werden ausprobiert, es gibt keine Tafeln, keine Arbeitsblätter, dafür gemütliche Sitzecken und bei der Deutschförderung Gitarren und Keyboards.

Zwei Schüler spielen sich gerade gegenseitig Pantomime vor und üben die Zeiten bei der Beschreibung. Die anderen schauen zu, es wird viel gelacht, an der Wand hängt der Text eines Songs, den die Schüler bei der Abschlusspräsentation am Samstag vortragen werden. Darin geht es um falsche Freundschaften, die Gruppe hat den gereimten Text gemeinsam erarbeitet, zwei werden rappen, dazu gibt es Live-Musik. Zwei Gitarristen üben schon draußen im Speisesaal. Bilal, der in Deutsch eine Vier hat, zeigt Talent. Seine Ferien, sagt er, hätte er ohne das Ostercamp mit Ausschlafen und Fußballspielen verbracht, jetzt weiß er, wie er an Deutschaufgaben herangehen muss und hat dabei Freunde gefunden. „Das ist wie eine Freundschaftsübernachtung, nur in groß“, sagt er. Und Benjamin, der ebenfalls erste Gitarrengriffe ausprobiert, hat sich die Zeit ohne seine Playstation „viel schlimmer vorgestellt“. Stattdessen habe er Neues ausprobiert, besonders haben ihm Henna-Tattoos gefallen.

Auch Gregor Zupan erfährt jedes Mal einiges über sich und seine Unterrichtsmethoden. Der Student, der bald seinen Master als Gymnasiallehrer macht, hat schon elf Camps betreut. „Dabei habe ich mehr als in meinen Praktika gelernt“, sagt er: Wie sich selbst schwierige Schüler motivieren lassen und dass es Freude macht, Jugendliche mit kreativen Methoden zu begeistern. Einiges davon will er später im Unterricht anwenden. Und vielleicht werden seine Schüler dann kein Ostercamp brauchen.

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