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Keramikfabrik Waechtersbach Kampf um die letzten Arbeitsplätze

Hoffnungen auf einen neuen Auftrag sind zerstoben: Das Ende der Waechtersbacher Keramik ist ein Sterben auf Raten.

04.10.2011 22:47
Jörg Andersson
Bruchlandung im Container: Die Waechtersbacher Keramik hat keine Zukunft mehr. Foto: Renate Hoyer

Die ersten Worte von Franz- Ludwig Danko verhallen in der allgemeinen Aufregung. Den Rest verzerrt die Akustik im kahlen Frühstücksraum der Keramikfabrik. Der Mann im Anzug fasst sich relativ kurz – die 75 Beschäftigten ahnen ohnehin, was sie erwartet. Die Hoffnungen auf einen neuen Auftrag seien gerade zerstoben. 30 Kündigungen werde er umgehend rausschicken, sagt der vorläufige Insolvenzverwalter und garniert die bittere Nachricht mit einem kleinen Trost. „Für die Betroffenen ist das der schnellste Weg, an Geld zu kommen.“ Wie die verbleibenden 45 Frauen und Männer bezahlt werden, kann der Jurist aus Frankfurt nicht mal sagen.

Anfang September wurde Danko vom Amtsgericht Hanau bestellt, um die Scherben einer zahlungsunfähigen Firma zusammenzukehren, die als „Waechtersba- cher Keramik“ bekannt ist. Klangvoll ist auch der Name des letzten Geschäftsführers der Firma: Turpin Rosenthal, Enkel des legendären Porzellanfabrikgründers. Und auch Turpins Vater Philip war als SPD-Politiker und als sozialer Unternehmer weithin geachtet, wie sich einige Herren beim Rundgang über das marode Fabrikgelände im Brachttaler Ortsteil Schlierbach erinnern. Über Turpin Rosenthal reden sie alles andere als respektvoll. Das gilt auch für Arnold Wolf, der 32 Jahre als Schlosser gearbeitet hat. „Der Betrieb ist systematisch ausgeplündert worden“, sagt er. Doch das Elend hat schon zu Zeiten des Vorbesitzers, Fürst zu Ysenburg und Büdingen, begonnen, weiß Wolf. Neben ihm verdrückt Nicole Waider ein paar Tränen. „Das war mal ein großes Unternehmen.“

Die Tradition wurde in der Familie gelebt. „Mutter, Schwester, Tante, alle haben hier gearbeitet“, sagt sie. Danko kennt die Region, ist im nahen Gelnhausen aufgewachsen. Leidenschaftlich und zäh ringt er um Jobs und Arbeit, viel per Telefon. Turpin Rosenthal, an dem so vieles hängt, ist nicht erschienen. Auf „Reisen“ sei er, sagt Danko fast süffisant. Wortlos nimmt Wolfgang Werner solche Dinge zur Kenntnis. Im Herbst 2006 hatte der Bezirksleiter der Gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie Rosenthal wie viele als Retter begrüßt. Die von Insolvenz und wiederholter Kurzarbeit gebeutelte Belegschaft willigte sogar in Lohnzugeständnisse ein, um ihre Jobs zu erhalten. „Bis zu 40 Prozent unter Tarif“, rechnet Werner vor und rechtfertigt sich. „Wir haben jeden Tag Arbeit als gewonnenen Tag betrachtet.“ Dann traten zunehmend Spannungen auf.

„Überstunden wurden nicht bezahlt und Investitionsversprechen nicht eingehalten“, erzählt Werner. Der auf Kleinserien spezialisierte Rosenthal ärgerte sich über mangelnde Flexibilität und Qualitätsprobleme. „Versuchen Sie mal, mit einem VW-Käfer ein Formel-1-Rennen zu gewinnen“, hält Werner dem entgegen, angesichts des morbiden Charmes, der sich überall in der Fabrik offenbart. „Das Modernste ist eine Lagerhalle von 1968“, berichtet Betriebsleiter Rainer Mann beim Gang über den „Gewerbepark GmbH“, als der das 65000 Quadratmeter große Gelände seit zwei Jahren firmiert.

Nach und nach hatte Rosenthal alles ausgelagert

Eine von vielen Umstrukturierungen, die Rosenthal eingeleitet hat. „Zuerst wurden 2007 die Markenrechte übertragen“, zählt Danko auf. Es folgten Immobilien, Maschinen und Lagerbestände; alles in eigene Gesellschaften gegliedert, die eng mit der Könitz-Porzellan-GmbH verflochten sind, einer Firma in Thüringen, die Rosenthal 1993 von der Treuhand erworben hatte. Selbst Buchhaltung und Controlling wurden ausgelagert. Übrig blieb die nun insolvente Keramische Fertigungsstätte Brachttal (KFB), de facto die reine Belegschaft, die fortan alles mieten musste, bis die Verträge gekündigt wurden, berichtet der vorläufige Insolvenzverwalter von Vorgängen, die wie ein Wirtschaftskrimi anmuten.

Einer nimmt bei diesen Schilderungen kein Blatt vor den Mund. „Eine Riesensauerei“, schimpft Landrat Erich Pipa (SPD) und nennt Rosenthal einen Räuber. „Der will, dass die Firma stirbt.“ Er und Danko wollen die Transaktionen juristisch prüfen lassen. Doch noch wird verhandelt. Nachdem ein Auftrag aus Könitz ausblieb, geht es nun um 460000 Tassen, Teller und Kannen, die als Rohware in einer Halle lagern. Deren „Veredlung“ mit Farbdekor könnte der Rest-Belegschaft einen Monat Arbeit sichern. Doch wem gehört die Ware? Können die Brennöfen noch einmal angefeuert werden? Parallel unterhält sich Danko mit Alexander Noblé. Der Leiter der Hanauer Arbeitsagentur ist erschienen, um eventuell schon bei der Vermittlung zu helfen. „Noch ist der Arbeitsmarkt aufnahmefähig“, sagt Noblé. Geklärt werden soll auch, unter welchen Voraussetzungen weiter Insolvenzausfallgeld gezahlt werden könnte. Da klingelt das Telefon. Rosenthal. Kurz darauf fasst Danko das Gespräch als „typisch“ zusammen. Rosenthal habe gesagt, er könne spontan nichts in Aussicht stellen, weil alles so verkettet sei.

Danko kämpft gegen die Zeit und an vielen Fronten. Einen Tag zuvor hatte ihm das Regierungspräsidium eine Ausnahmegenehmigung eröffnet. Eigentlich verstößt der veraltete Betrieb gegen Immissionsschutzbestimmungen. Die Farben enthalten Cadmium und Blei. Bei der Verbrennung werden die Schadstoffe nicht ausreichend gefiltert. Ein Auge zudrücken würde auch die Bauaufsicht, die seit 2005 in einem Brandschutzgutachten Missstände aufgelistet hat. Die Fabrikhallen, überwiegend 100 Jahre alt, haben keine Decken und wenig Türen. „Wenn hier ein Feuer ausbricht, wird es brenzlig“, formuliert es Betriebsleiter Mann.

In einigen Regalen schillert es bunt. Etwa 25.000 fertige Produkte in leuchtenden Glasuren, die nur Waechtersbacher zu fertigen versteht. Die Rezepturen seien die Kernkompetenz der Keramik und ihrer Mitarbeiter, so Danko. „Mom is the best“, steht auf einer knallroten Kaffeetasse. „Exportware für die USA“, erläutert Mann. Eine weitere Palette der Gefäße trägt die Aufschrift „Boss“. Mit dieser hatte sich Rosenthal gern fotografieren lassen.

Kreis-Wirtschaftsreferentin Susanne Simmler erkennt noch eine kleine Geldquelle. „Das gibt noch mal einen Abverkauf.“ Die größte Auswahl bietet ein kleiner Laden auf dem Firmengelände. Einst war hier der Werksverkauf. Jetzt heißt das „Waechtersbach Outlet“ und gehört rechtlich zur Könitz-Gruppe.

Was wird aus den mitunter einsturzgefährdeten Gebäuden? Danko eröffnet, er habe eventuell einen Interessenten, der hier Steingut produzieren lassen wolle. Dazu kursieren Gerüchte, wenn alles abgewickelt sei, werde der Könitz-Chef die Produktion mit ausgewählten Mitarbeitern neu starten. Christoph Stürz (SPD), der SPD-Bürgermeister, versichert, „wenn das Gelände zum Spekulationsobjekt wird“, verhänge die Gemeinde eine Veränderungssperre.

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