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Karlheinz Braun „Unsere Demos waren Tanzvorführungen“

Der Verleger und Theatermann Karlheinz Braun feiert 85. Geburtstag.

Karlheinz Braun
Wacher Geist mit sanfter Selbstironie: Karlheinz Braun, hier am Café-Tisch vor dem Frankfurter Kunstverein. Foto: Peter Jülich

Er ist so wach und frisch wie eh und je. Er liest jeden Tag die Zeitung und ist natürlich über jede neueste Wendung der Frankfurter Bühnen-Debatte informiert. Wer Karlheinz Braun trifft, kann nicht glauben, dass dieser Mann am heutigen Dienstag seinen 85. Geburtstag feiert.

Der gebürtige Frankfurter verkörpert wie nur wenige andere die Schnittstellen von Literatur, Theater und Kunst in Deutschland. Er führte in den 60er Jahren den Suhrkamp Theaterverlag in Frankfurt und war 1968 am Aufstand der Lektoren gegen den „Patriarchen“ Siegfried Unseld beteiligt. Er gründete mit anderen zusammen 1969 den Verlag der Autoren, der bis heute sein Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Verlagslandschaft behauptet.

Braun war in den 70er Jahren aber auch geschäftsführender Direktor von Schauspiel Frankfurt, später Akteur für Rainer Werner Fassbinder, verantwortlich für das Theaterprogramm der Documenta 5 und vieles mehr.

Bis heute hat Braun die sanfte Ironie nicht abgelegt, die ihn liebenswürdig macht. Hinter dieser Haltung verbirgt sich die Hoffnung des engagierten Linken, dass ein Jahr der Revolte wie 1968 wiederkommen möge.

Der Student der Literaturwissenschaften und der Philosophie hatte in den 50er Jahren an der Goethe-Universität das Studententheater „Neue Bühne“ geleitet. Seine Freunde und er spielten Stücke von einem Autor, der den Konservativen in Deutschland als Ausbund des Kommunismus galt: Bertolt Brecht. 1959, im Todesjahr von Peter Suhrkamp, kam er zum Verlagshaus in Frankfurt, „das damals noch klein war: Ich war der dreizehnte Mitarbeiter“. Er lacht.

Er erlebte, wie der neue Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld „sich immer mehr zum Patriarchen entwickelte, sich immer mehr abgekapselt hat“. 1968 probte Braun gemeinsam mit anderen Lektoren den Aufstand beim Verlag: Während draußen die Revolte der Studenten tobte, kämpften die Verlagsmitarbeiter für ein Mitbestimmungsmodell. Noch heute schwärmt er vom Jahr 1968 in Frankfurt: „Unsere Demos waren lustvoll, sie waren öffentliche große Tanzvorführungen – die Gegenseite war anfangs mehr verblüfft als erzürnt.“ Nach langem Hin und Her scheiterte freilich der Kampf der Lektoren bei Suhrkamp.

Braun verließ das Haus und gründete 1969 ein Unternehmen, das tatsächlich den Autoren gehörte: eben den Verlag der Autoren, dessen Geschäftsführer er bis 2003 war. Noch heute zählt er zu den 154 Anteilseignern: „Wir hatten gehofft, dass sich dieses Modell auch bei anderen Verlagshäusern durchsetzen würde, das hat sich leider nicht erfüllt.“

Von 1976 bis 1979 war Braun Teil eines anderen Aufbruchs: Beim Schauspiel Frankfurt organisierte er das Mitbestimmungsmodell, das 1971 der damalige Kulturdezernent Hilmar Hoffmann (SPD) eingeführt hatte. „Wir haben das alte Feudalsystem mit den Generalintendanten, bei dem die Künstler und anderen Mitarbeiter nichts zu sagen hatten, abgelöst – die Zeit dieser übermächtigen Figuren ist vorbei!“ Das Schauspiel wurde von einem Dreier-Direktorium geführt, das alle Beschäftigten gewählt hatten; Braun war einer des Trios. Er beharrt darauf, dass diese Zeit bis heute nachwirke: „Die Theater sind viel transparenter und offener geworden.“

Über den Verlag der Autoren kommt er in Kontakt mit dem Regisseur Rainer Werner Fassbinder. Der ruft ihn 1980 dringend zu den Dreharbeiten von „Berlin Alexanderplatz“. Es geht um die Rolle des Anwalts Löwenhund. „Otto Sander war krank geworden, Peter Zadek hatte abgesagt – da konnte ich nicht Nein sagen!“ Wieder ein Lachen. Braun fährt nach Berlin, findet auf dem Tisch im Hotelzimmer eine Flasche Whisky vor samt Zettel des Regisseurs: „Freue mich, dass du da bist!“

Es war der Beginn einer Freundschaft. „Fassbinder war wunderbar!“ Beim nächtlichen Kegeln wachsen die beiden zusammen: „Wir haben uns vertraut.“ Der Regisseur wird das wichtigste Mitglied des Filmverlags der Autoren, den Braun zusätzlich ins Leben ruft.

Der Träger des Hessischen Kulturpreises (1995) ist wichtiger Mitarbeiter vieler Theaterfestivals gewesen. Das wichtigste hat er schon 1966 gemeinsam mit dem FR-Redakteur Peter Iden in Frankfurt gegründet: das „Experimenta“. Am legendären Theater am Turm (TAT) im Volksbildungsheim schreiben sie Theatergeschichte. 1966 wird dort das erste Stück eines jungen österreichischen Dramatikers namens Peter Handke uraufgeführt, „Publikumsbeschimpfung“, inszeniert von einem jungen deutschen Regisseur namens Claus Peymann. 1968 folgt die Uraufführung von Handkes „Kaspar“, wieder in der Regie von Peymann. Nachts ziehen sie demonstrierend durch Frankfurt.

Die Hoffnung des jungen Revolutionärs Braun, das kapitalistische System zu überwinden, hat sich nicht erfüllt. „Der Kapitalismus hat sich angepasst – er ist sehr flexibel.“ Doch Karlheinz Braun ist deshalb kein trauriger oder resignierter Mensch geworden, ganz im Gegenteil.
Gerade denkt er intensiv über „das Theater der Zukunft“ in Frankfurt nach. Er empfiehlt einen Neubau der Städtischen Bühnen an ihrem traditionsreichen Ort, dem Willy-Brandt-Platz. „Der sollte unverzichtbar sein.“ Und er rät, dabei großzügig zu denken: „Die Oper ist heute viel zu klein – sie braucht mindestens 2000 Sitzplätze.“

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