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Karikaturist Mussil Fünf Jahrzehnte Karikaturen

Der Rundschau-Karikaturist Felix Mussil erhält am Montag die Goethe-Plakette der Stadt. Er brachte die politische Karikatur auf die Seite 1 der FR - Ende der 40er Jahre zum ersten Mal. Vor allem die Aufbaujahre sind gute Jahre für ihn: Mussil macht sich bei vielen Begegnungen selbst ein Bild von seinem wichtigsten Arbeitsmaterial, dem deutschen Politiker.

Ein Karikaturist und Gentleman: Felix Mussil – nicht im Opa-Sessel. Foto: Alex Kraus

Der Rundschau-Karikaturist Felix Mussil erhält am Montag die Goethe-Plakette der Stadt. Er brachte die politische Karikatur auf die Seite 1 der FR - Ende der 40er Jahre zum ersten Mal. Vor allem die Aufbaujahre sind gute Jahre für ihn: Mussil macht sich bei vielen Begegnungen selbst ein Bild von seinem wichtigsten Arbeitsmaterial, dem deutschen Politiker.

Natürlich brauchen wir ein aktuelles Foto von Felix Mussil. Da an der Tür wäre es gut, schlägt Rundschau-Fotograf Alex Kraus vor. Ginge das? Überhaupt kein Problem. „Ist es so lässig genug?“, fragt der ausgezeichnete Zeichner und lehnt sich an die Schiebetür im Erdgeschoss des wunderschönen Hauses, das er mit seiner Frau Helga Dierichs im Frankfurter Dichterviertel bewohnt. Oh ja, lässig genug. Im nächsten Moment fährt die Schiebetür zur Seite davon – der Mann, der eben noch lehnte, gerät für eine Sekunde aus der Balance. Aber noch bevor er sich gefangen hat, sagt er trocken: „Das war wohl zu lässig.“ Und kichert vor sich hin.

Da ist er ja wieder, der Felix Mussil. Beinahe scheint es, als wäre die Zeit stehengeblieben seit 2002, seit dieser Mann zum letzten Mal mit einer seiner Karikaturen durch den langen Gang im zweiten Stock des Rundschau-Hauses schlenderte. Lächelnd wie stets ging er hinein in die „runde Ecke“ am Eschenheimer Tor, ins Büro des Nachrichtenchefs Werner Neumann, um seinen Beitrag abzuliefern für die Seite 1 der Frankfurter Rundschau. 81 war er damals, 91 Jahre alt ist er heute. Und immer noch lässig genug. Ob er sich nicht in den Sessel da setzen wolle, fragt der Fotograf. „In diesen Sessel?“, fragt das tadellos gekleidete Fotomodell zurück und kniept ein Auge zu: „Dann bin ich ja ein Opa!“

Die Sache mit dem Kabäuschen

Einst, als Felix Mussil garantiert noch kein Opa war, als er Karikaturist werden wollte bei der Frankfurter Rundschau, da fuhr er aus Hannover mit dem Zug nach Frankfurt, mit zehn Karikaturen unterm Arm und ohne Rückfahrkarte. Die Geschichte ist oft erzählt worden, sicher, aber jetzt, da wir so gemütlich zusammensitzen, bei Saft und Wasabi-Erdnüssen, warum nicht ein weiteres Mal? Es gibt da schließlich immer noch manches zu klären, zum Beispiel die mysteriöse Sache mit dem Kabäuschen. Felix Mussil sagt „Kabäuschen“ – nicht „Kabuff“.

Der junge Mann also, nach dem Abitur in den Krieg geschickt, viereinhalb Jahre später aus Russland zurück, besinnt sich auf das Wesentliche. „Ich hatte nichts gelernt“, resümiert er, „ich begann mit dem Zeichnen.“ Die Karikatur ist ihm schon seinerzeit die wichtigste Stilform: „Die Umformung eines Themas in eine andere Ebene.“ In Hannover verkauft er seine Arbeiten an verschiedene Blätter, aber das genügt ihm nicht. „Frankfurt war damals die große Stadt, der Mittelpunkt des politischen Lebens!“

Fünf Jahrzehnte auf dem Dach

Deshalb also auf zur Rundschau – Felix Mussil sagt „Rundschau“, nicht „FR“ –, auf zu Karl Gerold, der schnell überzeugt ist. „Du bist mein Mann“, sagt der große Zeitungsgründer, und der junge Zeichner ist engagiert für die nächsten fünf Jahrzehnte, in Festanstellung vom ersten bis zum letzten Tag.

Nun aber zum Kabäuschen-Mysterium. Wie jedes Kind weiß, arbeitete der Rundschau-Karikaturist von Anfang an auf dem Dach des Hauses in einem kleinen Verschlag. „Ich bin da eingezogen, als der schöne Bau am Eschenheimer Turm fertig war“, sagt er, „aber ich musste erst mal 20 Putzfrauen da rauswerfen mit ihren Eimern.“ 20 Putzfrauen? „Ja! Die musste ich vertreiben.“ War das Kabäuschen denn eigens für ihn, den Zeichner errichtet worden? „Nein.“ Für die 20 Putzfrauen? „Nein.“ Aber – für wen denn dann? So ein Kabäuschen kommt doch schließlich nicht von allein aus dem Himmel und landet auf dem Rundschau-Haus. Schulterzucken. Und warum wollte er unbedingt dort oben sein Atelier aufschlagen? „Raus aus allem“, sagt er, „nicht im Büro sitzen in der ganzen Hektik, zwischen den Tickern und den Schreibmaschinen. Ich hatte den Blick auf den Eschenheimer Turm und die Katharinenkirche.“

Und nicht nur den. „Ich habe gesehen, wie diese Stadt hochwuchs. Da war ja nichts – und dann kam ein Turm nach dem anderen. Das war schon wichtig für mich, das mitzuerleben.“ Felix Mussil lernte, Frankfurt zu lieben. „Erst hab’ ich gedacht, ich kann das nicht als gebürtiger Berliner. Aber dann war da der Taunus, die Ebbelweikneipen, diese Geselligkeit, ich habe mich hier aufgenommen gefühlt.“

Die Aufbaujahre sind gute Jahre für den Karikaturisten. „Ich hatte die Freiheit zu fahren, wohin ich wollte, und zu treffen, wen ich wollte.“ In jener Zeit macht sich Felix Mussil bei vielen Begegnungen ein Bild von seinem wichtigsten Arbeitsmaterial, dem deutschen Politiker: „Was er vormittags sagt, muss nachmittags nicht mehr stimmen.“ Aber es gibt auch andere. Willy Brandt, Herbert Wehner – zu Hans-Dietrich Genscher hat er ein besonders gutes Verhältnis. Der frühere Außenminister lädt Mussil noch lange Zeit zu seinen persönlichen Feiern ein.

Andere waren weniger begeistert. „Der Karikaturist wird nie für voll genommen, weil er die Politiker“, er setzt ein Jetzt-kommen-Anführungszeichen-Gesicht auf, „verscheißert.“ Für die ewigen Nörgler seien seine Karikaturen nichts Wertvolles gewesen, sondern nur Verunglimpfungen hochstehender Persönlichkeiten. Der Zeichner hat damit zu leben gelernt. Er ist mit seinem Beruf trotz allem „außerordentlich zufrieden“ gewesen. Nur eine Angst hat er immer noch: „Dass der politische Karikaturist ersetzt wird durch Roboter, die politische Zeichnungen ausspucken. Die Roboter stehen bereit!“

Bis in die Rundschau-Redaktion haben sie es aber noch nicht geschafft, die Roboter. Da ist immer noch ein echter Mensch am Werk: Thomas Plaßmann, der Karikaturist, den Felix Mussil selbst als seinen Nachfolger empfahl und dessen Stil er schätzt. Bei den Kollegen allgemein hat er festgestellt: recht textlastig, was die so machen. Ist das die neue Art? „Nein, das ist die alte Art“, sagt Felix Mussil und kniept ein Auge zu. „Die neue Art war meine Art.“

Natürlich zeichnet er noch, wenn ihm etwas einfällt. Die Ideen gehen ihm nicht aus, sie seien so frisch wie eh und je, sagt er: „Das klassische Älterwerden kann ich mir für mich nicht vorstellen.“ Und seinen Arbeitsplatz, der mit dem alten Rundschau-Haus abgerissen wurde, vermisst er den sehr? „Natürlich – wenn du 50 Jahre da gearbeitet hast, dann ist das ein Stück von dir selbst.“ Nur wie das Kabäuschen da oben hinkam, das wird wohl für immer ein Mysterium bleiben. Vielleicht hat er es ja selbst da hingezeichnet, der Felix Mussil.

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