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Kampf gegen Krebs „Ich wollte nie das arme, kranke Mädchen sein“

Statt sich zu verstecken, zeigt Marlene Bierwirth ihren Kampf gegen den Krebs ganz offen, nicht nur im Internet.

Marlene Bierwirth
Marlene Bierwirth geht offen mit ihrem Kampf gegen die Krankheit um. Foto: Peter Jülich

Langsam wachsen die Haare wieder. Aber Marlene Bierwirth sieht trotzdem nicht so aus, als trage sie eine normale Kurzhaarfrisur. Ihren Hinterkopf ziert eine Narbe, dort, wo sie den Tumor entfernt und „ein Loch in meine Schädeldecke gebohrt haben“, sagt sie laut. Ihr ist egal, ob jemand mithört im Café und dass man ihr ihre Erkrankung immer noch ansieht. Eine Perücke wollte sie nie tragen. „Damit habe ich mich nicht wie ich selbst gefühlt.“

Bierwirth versteckt sich nicht – im Gegenteil. Sie zeigt sich, nicht nur auf der Straße, auch im Netz. Die 19-Jährige hat einen eigenen Blog, und ihrem Insta-gram-Account folgen mittlerweile mehr als 185 000 Menschen. Gerade weil sie mit ihrer Krebserkrankung und den Begleiterscheinungen so offen umgeht. Ihre Follower, Wildfremde, wünschen ihr Kraft, drücken ihr Respekt und Bewunderung aus. „Ich war selbst überrascht“, sagt sie, nie hätte sie gedacht, dass sich so viele für ihr Leben interessieren. Anderen mit dem gleichen Schicksal will sie Mut machen. 

#Fuckcancer wird zu Bierwirths Motto

Ende Mai hatte Bierwirth, die aus der Nähe von Frankfurt kommt, ihren zwölften und letzten Chemoblock. „Ich bin jetzt tumorfrei“, sagt sie und postete das natürlich auch auf Instagram. Schon vor ihrer Erkrankung veröffentlichte sie jede Menge Fotos von sich, damals noch mit langen dunkelblonden Haaren. Meistens macht Bierwirths Freund und Hobbyfotograf Daniel die Bilder. Ein Knutschbild der beiden, sie schon mit Glatze, ging dann allerdings durch die Decke. Plötzlich hatte sie Tausende Likes und 10 000 Abonnenten mehr. 

Von da an gibt sie regelmäßig Einblicke in ihr neues Leben, zeigt Bilder aus dem Krankenhaus, schreibt, wie sich die Bestrahlung anfühlt, warum ihr Hirnwasser entnommen wird oder wie schwer es ist, die Haare zu verlieren. Fuckcancer ist einer der Hashtags den sie nutzt, fick dich Krebs. Und das wird zu ihrem Motto. „Ich wollte nie das arme, kranke Mädchen sein“, sagt sie entschieden. Die Chancen hätten ja gut gestanden, dass sie geheilt werde. Den Kopf in den Sand zu stecken und sich alles versauen lassen, wäre nie infrage gekommen.

Gerade hat Bierwirth das schriftliche Abitur nachgeholt, das mündliche folgt im Winter. Letztes Jahr war ihr der Krebs dazwischengekommen. „Am Montag wäre Mathe dran gewesen“, erinnert Bierwirth sich zurück. Stattdessen die Diagnose: Medulloblastom, bösartiger Hirntumor. Ein Schock, „aber irgendwie war ich auch froh, dass ich mir nichts eingebildet hatte“. Denn endlich wusste sie, woher ihre Symptome gekommen waren. 

Monatelang hatte sie mit Übelkeit, Gleichgewichtsstörungen und Müdigkeit gekämpft. „Erst dachte ich, ich sei vielleicht schwanger.“ Dann schob sie es auf den Stress, sie hatte schließlich viel zu tun. Abi, Führerschein, jobben, eine Musicalproduktion. Nach einer Weile kamen Nackenschmerzen hinzu, ein Pochen auf dem Ohr. Ständiger Schluckauf, plötzlich sah sie Doppelbilder. Der Augenarzt schickte sie zum Neurologen. Beim MRT entdeckten Ärzte dann den Tumor. Der Operation folgten Chemo- und Protonentherapien. 

Keine einfache Zeit, manchmal habe sie sich natürlich schlapp gefühlt, ihr war übel oder ihr gesamter Mund entzündet, denn die Chemo greift die Schleimhäute an. Aber: „Ich habe das Beste draus gemacht.“ Auch die vielen Stunden im Krankenhaus rufen nicht nur schlechte Erinnerungen hervor, sie fragte die Ärzte aus und wurde umsorgt. 

Und heute? „So paradox es klingt, ich bin jetzt glücklicher“, sagt Bierwirth. Sie lebe bewusster, versuche, kleine Momente zu genießen. Das Verhältnis zu Freunden und Familie sei viel enger geworden. Jetzt will sie Träume anpacken: reisen, es auf die Schauspielschule schaffen. Klappt das nicht, möchte sie studieren, vielleicht soziale Arbeit, und damit Menschen helfen – „ich denke, das könnte ich gut“.

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