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Kalbach Übers Pflaster wächst das Grün

Besuch auf der früheren Autobahnausfahrt Kalbach, wo die Natur seit zwölf Jahren machen kann, was sie will.

Wildwuchs
Der Asphalt der alten Autobahnausfahrt: kein Verkehrsweg mehr, sondern Ort für Wildwuchs. Foto: Christoph Boeckheler

Alles will immer hin zum Wald. Nicht nur der Mensch mit seinen Wanderschuhen, auch die Natur mit ihrer Wildnis: Lässt man sie in Ruhe, wird sie sich für ein Dasein als Wald entscheiden. Sehen wir’s uns an.

Ortstermin im Frankfurter Norden, goldener Herbst, Autobahnabfahrt Kalbach. Die gibt es seit 2005 nicht mehr. Geschlossen. Deswegen sind wir hier: um zu sehen, was sich seither auf der brachliegenden Fläche entwickelt hat. Wer sich mit wildem Wuchs selten beschäftigt, wird spontan sagen: Gestrüpp, wohin man blickt. Deshalb ist Indra Starke-Ottich auf unserer Tour dabei. Sie arbeitet bei Senckenberg an der Biotopkartierung, das heißt: Sie ist mit den Kollegen zuständig dafür, den gesamten Pflanzenbestand zu dokumentieren. Die perfekte Expertin also. Und der perfekte Begleiter: ihr freundlicher und geduldiger Hund Duke.

Hallo, Kanadische Goldrute. Da steht sie, praktisch mitten auf der Gass. „Die hat sich wahnsinnig ausgebreitet“, sagt Indra Starke-Ottich. Das gelbe Kraut kennen die Frankfurter, an jeder Ecke steht es herum, aber die Senckenbergerin weiß auch, wieso. „Sehen Sie“, sie nimmt einen Stängel in die Hand, „aus einem Trieb können 19 000 Samen entstehen, flugfähige Samen. Sie sind schon überall.“ Direkt daneben steht ein junger Feldahorn. Neu und alt, Seite an Seite, einheimisch und zugereist, amerikanisch und europäisch. Frankfurt eben. Normal.

Ohne Asphalt wär’s besser

Leitplanken schirmen die Autobahnzufahrt seit zwölf Jahren ab. Die Straßendecke ist rissig. In den Fugen und an den Rändern siedelt Vielfalt. Berufkraut, ebenfalls nordamerikanisch. Beruf? „Ja, von berufen, wie hexen“, sagt die 40-Jährige. Solche Kräuter galten einst als Mittel zur Abwehr bösen Zaubers. Die wilde Rose nebenan galt stets als Symbol der Schönheit, und was da sticht, heißt im Volksmund Dorn. Zu Unrecht. „Rosen haben keine Dornen“, räumt Starke-Ottich mit einem Irrglauben auf, „Rosen haben Stacheln.“ Aber … „Rosen ohne Dornen hast du nie gesehn“, sang Roy Black! Gelogen. Rosen mit Dornen hast du nie gesehn.

Die A661 rauscht. Drunter wuchern Liguster, Blätterranken und viel Moos, das sich immer weiter zur Straßenmitte schiebt. Efeu streckt seine Finger schon meterweit aus. „Ein interessanter Ort“, sagt die Botanikerin, aber für sie natürlich nicht so originell wie für Innenstadtbewohner. Zur Biotopkartierung war sie schon im vorigen Jahr turnusmäßig hier, zum Hagebuttensammeln auch. „Gut zu beobachten, wie die Natur den Raum zurückerobert, aber schade, dass versäumt wurde, die Fläche zu entsiegeln.“ Am Alten Flugplatz etwa sei es plausibel gewesen, den Asphalt zu behalten, weil dort viel Publikum verkehrt. Die Autobahnabfahrt hingegen hätte man abtragen sollen. Das sehen manche Bonameser und Kalbacher anders. Sie würden den Weg zur A661 am liebsten wieder für Autos öffnen lassen. Der unentschiedene Zustand in Kalbach hat einen negativen Effekt: Zeitgenossen lassen ihren Müll dort. „Das zeigt, wohin so etwas führt.“

Weiter geht’s, vorbei an Stieleichen und Hainbuchen, die weit in die Straße ausgreifen. Dahinter: Roteichen aus der neuen Welt, immer noch nicht recht angekommen. Die Tiere fremdeln. „Selbst die Bodenorganismen mögen sie nicht“, was sich darin zeigt, dass sie die Blätter nur unwillig zersetzen. Roteichenwälder seien „unheimliche Wälder“, weil es darin so still sei wegen der wenigen Vögel. Dagegen die Haselnuss: eine Pionierin, nach der Eiszeit eine der ersten, die blühte.

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