Lade Inhalte...

Kaisersaal im Frankfurter Römer Die Kaiser, der Reihe nach

Vor 300 Jahren entstand die erste Galerie im Kaisersaal. Sie sah ganz anders aus als die Herrscherporträts aus dem 19. Jahrhundert, die man heute kennt. Ein historischer Streifzug

Der Kaisersaal im Römer Foto: Andreas Arnold

Wer hier empfangen wird, darf sich geehrt fühlen: Der Kaisersaal im Frankfurter Römer ist mit Abstand der nobelste Veranstaltungsraum der Stadt. Zwischen viel Holz und Gold und in Gesellschaft 52 bunter Porträts deutsch-römischer Herrscher kommt stets Feststimmung auf – wie einst, als hier noch die Krönungsbankette stattgefunden haben.

Gerade ist die Kaisergalerie 300 Jahre alt geworden. Doch dass dieses Jubiläum gefeiert worden wäre, davon kann nicht die Rede sein. Kaum jemand weiß darum. Vielleicht liegt es daran, dass die Bilder, wie man sie heute kennt, erst im 19. Jahrhundert entstanden sind, und die alte Kaisergalerie von 1711 nur den Experten bekannt sein dürfte.

Einer dieser Experten ist Gerd Brüne. Der Kunsthistoriker hat nicht nur ein Buch über die Kaisergalerie mitgeschrieben, sondern jüngst seine Forschungsergebnisse in einem Vortrag im Museum Giersch vorgestellt. Es ging darum, „wie das Alte Reich in der Kaisergalerie lebendig blieb“ – natürlich nur im übertragenem Sinne, als Idee.

Frankfurt als Wahlstadt des Reiches

Im Jahr 1711, als die erste Kaisergalerie entstand, sollten die Porträts das Wahlkaisertum verherrlichen und Frankfurt als Wahlstadt des Reiches hervorheben. Somit symbolisierte die Galerie die „Einhaltung der althergebrachten Ordnung“, sagt Brüne. „Wir wissen relativ wenig über die alte Kaisergalerie. Die wesentlichen Angaben sind nur in drei Texten enthalten.“ Weil die Spuren der alten Galerie durch die Zerstörung des Römer im Zweiten Weltkrieg verloren gegangen sind, bleiben viele Fragen offen, so dass man sich auf Indizien verlassen muss. Immerhin gibt es noch Fotos von den alten Porträts: Weil man im 19. Jahrhundert, als die neue Galerie angelegt wurde, die alten Wandbilder nicht abschlug, sondern hinter den Ölgemälden stehen ließ, konnten im Jahr 1903, als die Wände vor einer erneuten Renovierung des Saals freigeräumt wurden, noch einzelne Teile der alten Kaisergalerie fotografisch dokumentiert werden.

Die alte Bildnisreihe reicht von Konrad I. (911–918) bis Karl VI. (1711–1740). Des Letzteren Krönung war der Anlass, den Saal zu renovieren und die spitzbogenförmigen Nischen des Kaisersaals mit den Porträts der Vorgänger auszumalen. Dass die Reihe nicht mit dem ersten Kaiser, Karl dem Großen, einsetzt, sondern mit dem ersten König, der nicht aufgrund eines dynastischen Prinzips auf den Thron gelangte, setzt ein klares Zeichen. Damit sollte, so Brüne, nicht nur das Wahlkönig- und Wahlkaisertum glorifiziert werden. Frankfurt verwies damit auch auf sein herausragendes Privileg, die Wahlstadt des Reiches zu sein.

In knapp drei Monaten, von Mai bis August 1711, entstanden 40 Bilder von aufgesockelten Büsten, also in Freskotechnik auf die Wand gemalte Skulpturenimitate. Der „steife Charakter“ der Herrscher, wie Brüne sagt, verdanke sich nicht nur der kurzen Entstehungszeit und späteren Überarbeitungen, sondern auch den Vorlagen dafür. Denn die Gemälde orientieren sich an Münzporträts aus dem Mittelalter, die wiederum alles andere als authentische Abbilder der Herrscher waren, sondern die Gesichter typisierten und mit Details versehen waren, die den Dargestellten als Imperator auszeichneten, etwa mit Lorbeerkranz, Diadem, Krone, Szepter und Schwert.

Gerd Brüne gibt zu bedenken, dass die gewählte Darstellungsform im Jahr 1711 bereits veraltet gewesen sei. Manche Historiker des 19. Jahrhunderts nahmen daher an, dass die Kaisergalerie früher entstanden sein müsse. Da sich für diese These allerdings keine Quellenbelege finden, geht Brüne davon aus, dass die gemalten Büsten absichtlich in einem alten Stil gehalten wurden, um das Alte, die Tradition des Wahlkönig- und Wahlkaisertums in Frankfurt zu betonen.

Von prunkvollen Teppichen verhängt

Während der Krönungsbankette im 18. Jahrhundert waren die Herrscherporträts mit prunkvollen Bildteppichen verhängt, deshalb ist die alte Kaisergalerie auf Darstellungen des Saales in den Krönungsdiarien nicht zu sehen. Enthüllt waren die Bilder jedoch in den Tagen vor den Krönungen und während großer Gerichtssitzungen. Im Laufe der Zeit wurde die Kaisergalerie um weitere Porträts ergänzt. „Spätere Ergänzungen wurden vermutlich an die vorhandenen Fresken angeglichen, um ein einheitliches Erscheinungsbild zu gewährleisten“, sagt Brüne.

Ein Jahrhundert später sah man die Dinge etwas anders. 1806 wurde das Heilige Römische Reich Deutscher Nation aufgelöst, mit dem Habsburger Franz II. hatte das deutsch-römische Kaisertum ein Ende gefunden. Nach Napoleon wurde der Ruf nach einer deutschen Nation laut. Frankfurt hatte seine Stellung als Wahl- und Krönungsstadt des Reiches verloren und war seit 1816 freie Stadt im Deutschen Bund. Die alte Kaisergalerie wirkte mittlerweile anachronistisch – sie galt als künstlerisch minderwertig und wurde dem Wunsch nach Glaubwürdigkeit und Authentizität nicht gerecht.

So brachte Philipp Veit, Direktor des Frankfurter Städelschen Kunstinstituts, die Idee im Senat ein, die Kaisergalerie zu erneuern. Ziel war es nicht nur, die Darstellungen lebendiger zu machen, sondern auch das alte Reich wiederzubeleben – das alte Reich als Vorbild einer neuen nationalen Einheit.

33 Künstler malten die neuen Porträts auf Leinwand in den Jahren von 1839 bis 1853. „Die Bilder sind so lebendig, dass sie sich einer Übertreibung nähern“, urteilt Brüne. In dieser Form sind sie bis heute erhalten: 47 Ganzkörperporträts von Karl dem Großen bis Franz II. und vier kleinere Rundbilder von den Karolingern.

Diese neue Reihe genügte nicht nur den damaligen ästhetischen Bedürfnissen, sondern auch geschichtswissenschaftlichen Ansprüchen. „Mit der Erneuerung der Kaisergalerie versicherte Frankfurt sich retrospektiv seiner historischen hochrangigen Funktion im alten Reich“, sagt Brüne. „Zugleich stellte sich Frankfurt an die Spitze einer Bewegung, die ein neues deutsches Reich gründen wollte. Diese Rolle machte die Stadt zu einem natürlichen Ort für die Nationalversammlung.“

So sei das alte Reich in der Kaisergalerie lebendig geblieben als eine Idee, die sich zum heutigen Europa-Gedanken gewandelt habe, so Brünes These. Doch ist diese Entwicklung durchaus kritisch zu sehen: Das Heilige Römische Reich (Deutscher Nation) entsprach damals weder dem, was man sich im 19. Jahrhundert unter „nationaler Einheit“ vorstellte, noch entspricht es der heutigen Vorstellung vom „geeinten Europa“.

So werden die Herrscherbildnisse seit jeher als Sinnbild für die politische Idee instrumentalisiert, die gerade dem Zeitgeist entspricht. Insofern ist die Galerie schon immer ein Anachronismus gewesen. Brünes Bilanz: „Die Kaisergalerie diente als Medium, die Reichsgeschichte zu verherrlichen, und der Selbstdarstellung der Stadt.“

Die Zeitung für Menschen mit starken Überzeugungen.

Multimedia App E-Paper
App
Online Kundenservice Abo-Shop
  • Nutzungsbasierte Onlinewerbung
  • Mediadaten
  • Wir über uns
  • Impressum