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Justina von Cronstetten Justina und zu viel der Liebe

Im September jährt sich zum 250. Mal der Todestag der Stifterin Justina von Cronstetten. Grund genug für die Fliegende Volksbühne, ein Theaterstück über deren Leben aufzuführen. „Das ist ein richtiges Frankfurter Projekt“, verspricht Regisseur Michael Quast.

Gemeinsame Geste: Stiftungsvorstand von Gemmingen, Schauspielerin Zemankova (als sie selbst und noch einmal als Justina von Cronstetten), Regisseur Quast, Autor Dachselt. Foto: christoph boeckheler*

Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Justina von Cronstetten! Am heutigen Mittwoch vor 339 Jahren wurde Justina Catharina Steffan von Cronstetten geboren. Ein Anlass zum Feiern, gewiss, doch mehr noch lag den Administratoren der Cronstett- und Hynspergischen evangelischen Stiftung zu Frankfurt am Main an einem anderen Termin: Im September jährt sich zum 250. Mal der Todestag der großen Stifterin.

Das wird den Frankfurtern nicht verborgen bleiben. Gleich zwei Projekte kündigte Bernolph Freiherr von Gemmingen-Guttenberg am Dienstag für das Jubiläumsjahr an: Zum einen wird der Historiker Andreas Hansert ein Buch über Leben, Werk und Zeit der Geehrten schreiben. Arbeitstitel: „Patrizierin, Pietistin, Stifterin“. Und zum anderen ist die Fliegende Volksbühne gerade dabei, all dies in ein Theaterstück zu packen: „Fräulein Justina“. Natürlich wird es nicht irgendein Theaterstück. „Das ist ein richtiges Frankfurter Projekt“, sagt Impresario Michael Quast.

Dem „komödiantischen Melodram liegt aber auch eine dramatische Geschichte zugrunde. Bernolph Freiherr von Gemmingen-Guttenberg schildert sie so: Ein preußischer Edelmann namens Andreas von Crass oder Craß warb einst (um 1700) wild um die erst 20-jährige Justina, und zwar dermaßen wild, dass er jede Contenance fahren ließ und die Maid vor lauter Liebestollheit gar entführen wollte. Das misslang, der Grobian wurde verurteilt und ins Tollhaus geworfen. Justina jedoch war so verstört und traumatisiert von dem Vorfall, dass sie fortan mit der Männerwelt nichts mehr zu tun haben wollte und stattdessen eine Stiftung gründete.

Aber lassen wir sie doch selbst noch einmal die schicksalhaften Minuten schildern: „Er wirft mir eine Decke über, schnappt mich und trägt mich in seine Kutsche“, erzählt Justina – beziehungsweise Katerina Zemankowa, die die Justina im Theaterstück spielt. Das Ganze geschieht seinerzeit am Rossmarkt vor den Augen der Gottesdienstbesucher, die gerade aus der Katharinenkirche kommen. In letzter Minute wird Justina gerettet, wie es heißt, von einer Gruppe Metzger, die die Kutsche stoppt und den Liebestollen in Schach hält. Die wahre Zeitgeschichte beherbergt doch immer wieder die fabelhaftesten Details.

„Ein Glücksfall für die Fliegende Volksbühne“, urteilt Quast. Und ein lang geplantes Projekt. „Als wir damit begonnen haben, ging es noch um den Paradieshof“, jenes historische Sachsenhäuser Gebäude, in dem das Theater eine Heimstatt finden sollte, ehe alles anders und der Cantatesaal zum Hangar der Fliegenden wurde. Quast verspricht jedenfalls „ein Zeitbild der Frankfurter Gesellschaft und der Typen, die es damals hier gab“.

Räuberpistolen-Recherche

Das Ganze wird natürlich enorm theatralisch, das heißt: nicht historisch korrekt, kündigen die Theatermacher schon einmal vorsorglich an, aber wer hätte etwas anderes erwartet? Zwar haben Quast und Autor Rainer Dachselt akribisch in alter Literatur recherchiert (Bücher, Räuberpistolen, Groschenromane), aber es kann schon mal vorkommen, dass sich in dem Stück Leute begegnen, von denen man nicht so genau weiß, ob die tatsächlich zu dieser Zeit an jenem Ort waren.

Regisseur Quast spielt in kleinen Auftritten beispielsweise Goethes Großvater als jungen Damenschneider sowie Georg Philipp Telemann als städtischen Musikdirektor. Außerdem treten auf: der Mediziner und vorbildhafte Stiftungsgründer Johann Christian Senckenberg, der Bürgermeister von Holzhausen – und Justina von Cronstetten wird den Kaiser treffen.

„Der Stoff eignet sich gut für ein unterhaltsames Stück“, sagt Autor Dachselt. „Die Stadt trägt noch das Patrizische, aber die Pietisten kommen.“ Er ist gerade mittendrin in der Arbeit am Stoff. „Ich kann selber noch gar nicht sagen, wie es ausgeht.“ Nur eines steht fest: „Am Ende kriegt diesmal nicht der richtige Mann die richtige Frau – sondern die richtige Frau die richtige Stiftung.“

Das Publikum darf eine Geschichte von damals in der Sprache von heute erwarten – auf Frankfurterisch, versteht sich. „Ich freue mich total, weiter in diese Stadt zu dringen“, sagt Katerina Zemankova, „und ich freue mich, diese Frau zu spielen, denn die Geschichte ist ja Wahnsinn.“ Zudem spielt das Stück in zwei verschiedenen Zeitschichten. „Wann habe ich schon mal die Gelegenheit, in der Pause um zehn Jahre zu altern?“, sagt die Hauptdarstellerin. „Das wird toll.“

Und ein Frankfurter Sittengemälde soll es auch werden: vom Reichtum, den die örtlichen Patrizier der blühenden Vetternwirtschaft verdanken und den sie mit vollen Händen verschwenden, während Volkes Zorn schon brodelt. Handwerker und kleine Händler begehren auf, formieren ihre Opposition und wenden sich an den Kaiser, er möge einschreiten. Zugleich gewinnen die Pietisten an Einfluss, predigen die Besinnung auf Religion und den Rückzug ins Private. Obwohl sie großen Einfluss auf die Cronstettens und Justina haben, entscheidet sich die Junggesellin gegen diesen Rückzug und für die Zuwendung zu den armen und Alten – für die Hilfsbereitschaft.

Wie weit darf man gehen mit einem Komödienstoff über solch ein bedeutendes Frankfurter Thema? Die Stiftungsherren sind da ganz entspannt. „Wir vertrauen der Frankfurter Volksbühne und dem Autor so sehr, dass wir es nicht zensieren werden“, sagt Bernolph Freiherr von Gemmingen-Guttenberg. „Und wir sind gespannt wie ein Flitzebogen, was daraus wird.“

Bleibt die Frage: Wie lang dauert es, diese Justina-Frisur hinzukriegen? „Perücke drauf – fertig“, sagt Michael Quast. Nur ein Scherz. „Es ist eine Herausforderung“, sagt Katerina Zemankova, „es dauert durchaus seine Zeit. Aber es geht schon.“

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